OP-Report: bei Herzkatheter-Behandlungen zählt jede Minute

Die Symptome einer Herzerkrankung werden von den Betroffenen meist nicht richtig oder zu spät erkannt. Mit fatalen Folgen

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Während der Herzkatheteroperation haben die Ärzte immer die Flachbildschirme im Blick, um ihre Handgriffe zu beobachten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Und plötzlich wird der Arzt selbst zum Patienten. Kein gutes Gefühl für Bertram Schwenter*. Als er die eigenen Untersuchungsergebnisse in der Hand hält, fragt ihn seine Frau: "Was würdest du jetzt einem Patienten raten?" Natürlich hätte ihn Schwenter, Landarzt mit 30 Jahren Hausarzterfahrung, sofort ins Krankenhaus geschickt. Ein schlechtes EKG und auch die Blutwerte sprachen dafür, dass da etwas mit seinem Herzen nicht stimmen konnte. Nur zufällig hatte er das entdeckt, weil er sich als Übungsperson für einen Medizinstudenten zur Verfügung gestellt hatte. Und trotzdem: "Ich konnte es nicht glauben", sagt der schlanke 68-Jährige, der nicht raucht, der schwimmt, Fahrrad fährt und einmal im Jahr eine Vorsorgeuntersuchung macht. Keine Risikofaktoren, keine Anzeichen. Und dennoch schwebte Schwenter zu diesem Zeitpunkt in akuter Lebensgefahr.

Am nächsten Tag hielt er noch seine Sprechstunde, danach ließ er sich von seiner Frau ins Krankenhaus fahren. Dort diagnostizierten die Ärzte einen Einriss in der Gefäßinnenhaut, eine sogenannte Dissektion, auf die sich ein Blutgerinnsel gesetzt hatte und beinahe das Herzkranzgefäß verstopft hätte. Jetzt hieß es für die Mediziner: das Gefäß wieder komplett öffnen und verhindern, dass es sich wieder verschließt. Über die rechte Armarterie wurden ein langer dünner Plastikschlauch, ein Herzkatheter, in die betroffene Ader geschoben und eine Gefäßstütze, ein sogenannter Stent, gelegt, die das Gefäß auf Dauer offen halten sollen. Normalerweise ist der bisher aus Metall. Schwenter wurde jedoch einer der ersten Stents aus Milchsäurekristallen eingesetzt. Er wird sich nach zwei Jahren von selbst auflösen. Das hat aus Sicht des behandelnden Arztes Christian Butter einen großen Vorteil: "Es bleibt nicht dauerhaft ein Fremdkörper im Gefäß zurück, an dem sich wieder Ablagerungen bilden können." Butter hat schon viele kranke Herzen gesehen. Für den Chefarzt im "Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg(Link zum Klinikprofil)":http://gesundheitsberater-berlin.de/kliniken/immanuel-klinikum-bernau-herzzentrum-brandenburg sind Kathetereingriffe tägliche Routine. Das Resümee des Arztes klingt für Präventionsapostel ein wenig ernüchternd: "Auch ohne Risikofaktoren gibt es keine Garantie für ein gesundes Herz."

Manchmal werden Herzschmerzen mit Magenschmerzen verwechselt

In den drei Herzkatheterlaboren der Klinik herrscht bereits am Morgen Hochbetrieb. Hinter der Eingangsschleuse im Vorraum hängt ein digitaler Stundenplan: Bereits jetzt zählt die Liste elf Katheterisierungen. Darunter sind auch Spezialeingriffe: Auch das Einsetzen einer neuen Herzklappe ist mittlerweile mithilfe der Herzkathetertechnik möglich. "Und dann kommen noch die Notfälle hinzu", sagt Butter. Tag für Tag kommen so 15 bis 20 Kathetereingriffe zusammen.

Hans Arnold ist einer dieser Notfälle. Vor ein paar Tagen ging dem 66-Jährigen beim Treppensteigen zunehmend die Luft aus. "Und dann kam ein starkes Drücken im Brustkorb dazu", sagt Elsner, der gerade ins Labor geschoben wird. Der pensionierte Kraftfahrer hatte tags zuvor noch die Hecke geschnitten. Es war heiß, die Hecke hoch und die Arbeit schweißtreibend. In der Nacht sei der Druck dann zum Schmerz geworden, sagt Elsner. So stark, dass er sich auf dem Fernsehsessel gekrümmt habe. "Ich war mir sicher, dass das vom Magen kommt", sagt er. Infarktschmerzen würden oft für Sodbrennen gehalten, bestätigt Chefarzt Christian Butter.

Wie die meisten Patienten suchte auch Hans Arnold erst einmal seine Hausärztin auf. Doch weil jede Verzögerung bei einem akuten Infarkt lebensgefährlich ist, sollte man bei Verdacht gleich den Rettungswagen unter Telefon 112 verständigen! Arnolds Hausärztin erkannte zum Glück den Herzinfarkt und handelte. Arnold wurde direkt aus der Praxis mit dem Notarztwagen ins Herzzentrum Bernau gebracht. Wenn Kliniken wie das Herzzentrum Bernau über eine sogenannte Chest Pain Unit zu Deutsch: ein Brustschmerzzentrum, verfügen, stehen 365 Tage im Jahr rund um die Uhr Herzspezialisten zur Verfügung. Sie können verlässlich feststellen, ob es das Herz oder wirklich nur der Magen ist. Das Herzkatheterlabor ist dann nur wenige Meter entfernt. Nur ein kleiner Teil von Hans Arnolds rechtem Arm ist nicht von dem blauen OP-Tuch abgedeckt. An dieser Stelle wird ihm ein Katheterzugang über die rechte Armarterie gelegt. Weil das unangenehm sein kann, wird die Einstichstelle am Handgelenk zunächst lokal betäubt. Von der Kanüle, durch die gleich der Herzkatheter in das Kreislaufsystem geschoben wird, spürt der Patient nichts. Nur als das Kontrastmittel, das das Adergeflecht für Röntgenschirme sichtbar macht, in die Vene gespritzt wird, fühle sich der Arm heiß an, sagt Arnold später.

Der Stent muss perfekt sitzen

Sekunden nach der Spritze hat das Mittel bereits Hans Arnolds Herzkranzgefäße erreicht. Durch einen schwenkbaren Röntgenkopf werden sie auf einem großen Flachbildschirm im Labor als dunkle, pulsierende Äste sichtbar. Für Christian Butter und seinen Assistenten ist dieses ständig aktualisierte Röntgenbild die wichtigste Orientierung. In einem gläsernen Kontrollraum, der ans Labor angeschlossen ist, wird die Sauerstoffsättigung in Arnolds Blut und der Puls von einer Schwester kontrolliert. Chefarzt Butter hat einen schweren Fall vor sich: Die Verästelungen der drei Herzkranzgefäße eines gesunden Menschen sind relativ gerade und glatt. Die auf dem Bildschirm erinnern dagegen an knollige Wurzeln. "Zwei Gefäße sind sogar ganz verschlossen", sagt Butter. Diese Verschlüsse – ein sogenannter Hinterwandinfarkt – erklären Arnolds Schmerzen und die Atemnot.

In den dunklen Gefäßen auf dem Röntgenbildschirm wird jetzt der Katheterschlauch sichtbar, den der Arzt immer dichter ans Herz führt. Er ist hohl. An seiner Spitze sitzt ein kleiner Ballon, auf dem, nur als winziger Strich erkennbar, der metallische Stent angebracht ist. Als die erste Engstelle erreicht ist, bläst der Operateur mit einer Handpumpe den Ballon auf und der Stent darüber spreizt sich auseinander. Mit einem Druck von 15 Bar wird er in die Gefäßwand gedrückt. Er muss perfekt sitzen. Denn wenn der Stent zu groß für das Gefäß ist, kann es platzen. Ist er dagegen zu klein, hält er womöglich nicht an der gewünschten Stelle, und es können sich daran kleine Blutgerinnsel bilden, die das Gefäß wieder verschließen. Damit das Gefäß nicht zuwuchert, ist der Stent zusätzlich mit einem medikamentbeschichtet das das Zellwachstum hemmt. "Trotz allem können sich Stents im Laufe der Zeit auch wieder verschließen", sagt Chefarzt Butter. Dann muss erneut ein Katheter gelegt werden: Entweder reicht die Dehnung der Engstelle mit einem Medikamenten beschichteten Ballon oder es wird noch ein zweiter Stent in den schon vorhandenen gelegt.

Eigentlich dauert ein Kathetereingriff nur etwa eine Viertelstunde. Doch bei Klaus-Peter Arnold werden es 40 Minuten. Seine Herzgefäße müssen mit fünf Stents gestützt werden. Während dieser Zeit ist er bei Bewusstsein und kann sogar mit den Ärzten sprechen. Nur sehen kann Arnold sie und die Katheterdrähte nicht. Er hat einen blauen Sichtschutz vor sich – und ist auch froh darüber. Schmerzen nach dem Eingriff hat er nicht. Nur das ungute Gefühl, gerade noch einmal davongekommen zu sein. Denn er hatte Glück mit "seinem" Infarkt. Trotz des Wartens scheint der entstandene Schaden gering zu sein. "Es wird wohl keine dauerhafte Herzmuskelschwäche bleiben."

Keine Angst vor erster Hilfe

Doch es gibt unterschiedliche Infarkttypen. So kann auch alles ganz schnell gehen – wenn das Herz stoppt und der Kreislauf zusammenbricht. "Dann kommt es auf jede Sekunde an", sagt Dietrich Andresen, Chefarzt der Vivantes Kliniken für Kardiologie am Urban-Krankenhaus und dem Krankenhaus im Friedrichshain in Berlin. Und die Chancen, dass diese Sekunden genutzt werden, stehen in Berlin gar nicht schlecht. Weil 70 Prozent dieser Zusammenbrüche in der Stadt von Umstehenden beobachtet würden, könne man auch einen Herzstillstand überleben – allerdings nur dann, wenn Passanten noch vor dem Eintreffen der Feuerwehr selbst aktiv werden. Dazu gelten ein paar einfache Regeln, sagt Andresen. Wenn der Betroffene nicht auf Ansprache und Berührung reagiert und die Atmung nicht mehr vorhanden ist, gelte es, die Angst davor, etwas falsch zu machen, zu überwinden. "Jede Maßnahme ist in dieser Situation besser als keine", sagt Andresen. Das Gehirn sei wie eine Blume, die unbedingt Wasser braucht. "Wenn es den Anwesenden gelingt, ihr zumindest ein paar Tropfen Wasser, sprich Sauerstoff, zuzuführen, rettet das Leben." Und das heißt: Den Betroffenen auf einer harten Unterlage auf den Rücken legen und mit der Herzdruckmassage beginnen. Die Überlebenschance steige damit von zehn bis 20 auf 50 Prozent.

Beim Eintreffen der Retter wird dem Herzpatienten gekühlte Kochsalzlösung gespritzt. Denn Wärme aktiviert in einem unterversorgten Gehirn Stoffwechselprodukte, die es schädigen können. Wenn die überlebenssichernden Maßnahmen abgeschlossen sind, muss im Krankenhaus möglichst schnell der Grund für den Zusammenbruch beseitigt werden. Das heißt: aus dem Krankenwagen direkt auf den Kathetertisch. Je nach Fall bleibt die Körpertemperatur des Patienten auch noch während der Katheterisierung im Krankenhaus auf bis zu 32 Grad heruntergekühlt. Im Urban-Krankenhaus dauere es von der Kliniktür bis zum aufgepumpten Herzkatheterballon im Gefäß des Patienten 28 Minuten, sagt Andresen. Ärzte sprechen von der Door-to-Balloon-Zeit. Sie ist entscheidend, um die negativen Folgen eines Herzinfarktes im Griff zu behalten. Doch die Grundlage für den Erfolg legt der Patient selbst. Andresen hat immer wieder Kranke auf dem Kathetertisch, die zu lange gewartet haben, bis sie sich Hilfe holten.

Wieder zurück im Herzzentrum Bernau: Einen Tag nach dem Eingriff sitzt Hausarzt Bertram Schwenter in einem kleinen hellen Zimmer und schüttelt ungläubig den Kopf: Obwohl er es als Mediziner hätte besser wissen müssen, hatte er zwei Tage gezögert, bis er sich selbst Hilfe suchte. Schwenter kann jetzt bereits wieder aufstehen, am Nachmittag geht es nach Hause. Nur mit seiner neuen Rolle als Herzpatient hat er noch zu kämpfen. Die Schachtel mit bunten Pillen neben seinem Bett wird ihn ab jetzt immer begleiten, und in seiner Praxis wird er einen Gang tiefer schalten müssen. "Daran muss ich mich erst noch gewöhnen", sagt Schwenter. Aber einen Vorteil sieht er doch in seinem kurzen Seitenwechsel vom Arzt zum Patienten. Wenn er einem Infarktpatienten jetzt einen Rat gibt, kann der sich darauf verlassen: Er kommt von einem, der sich damit auskennt – und deshalb wirklich von Herzen.

 



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