OP-Report: Magenoperationen gegen den Hunger

Wenn eine Diät nicht mehr ausreicht, um die überschüssigen Pfunde loszuwerden, hilft adipösen Menschen oft nur noch eine Operation. Magenband, Magenbypass und ein Schlauchmagen unterstützen sie beim Abnehmen.


Adipositas ist mehr als nur Übergewicht: Krankhafte Fettleibigkeit ist ein gefährliches Leiden, dass die Lebenserwartung der Betroffenen um mehrere Jahre verkürzt. Denn meist geht es mit Stoffwechsel- und Herz-Keislauf-Erkrankungen einher, auch das Krebsrisiko ist bei adipösen Menschen deutlich erhöht. Mit Hilfe von Bewegung, einer Ernährungsumstellung und Medikamenten können übergewichtige Menschen zehn bis 20 Kilogramm ihres Körpergewichtes verlieren. Bei stark adipösen Patienten reicht das jedoch nicht aus. “Dann ist eine Gewichtsreduktion von 40 bis 50 Kilogramm notwendig”, sagt Reiner Kunz, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Visceralchirurgie am St. Josephkrankenhaus Tempelhof. Dies sei ohne einen operativen Eingriff, bei dem der Magen verkleinert wird, kaum möglich.


Drei Wege zum Ziel: Band, Bypass und Schlauch


Derzeit sind es vor allem drei operative Methoden, die bei adipösen Patienten angewendet werden: Das Einsetzen eines Magenbandes, das Legen eines Magenbypasses und die Bildung eines Schlauchmagens. Sie alle werden minimalinvasiv, das heißt mit nur kleinen Schnitten nach der sogenannten Schlüsselloch-Methode, durchgeführt. Während das Einsetzen eines Magenbandes ein reversibler Eingriff ist, stellen der Magenbypass und der Schlauchmagen bleibende Veränderungen dar, die nur sehr selten aufgelöst werden.

Das Magenband ist ein ringförmiger Schlauch aus Silikon, den die Operateure um den Mageneingang legen. Den Schlauch befüllen sie mit einer Kochsalzlösung, sodass das Band enger wird und den Mageneingang zusammenschnürt. “Dadurch gelangt die Nahrung zunächst nur in den kleinen Vormagen”, sagt Chefarzt Kunz. “Ist dieser voll, löst das ein Sättigungsgefühl aus.” Dies gilt allerdings nur für feste Nahrung: “Flüssigere oder weiche Nahrung wie beispielsweise Sahnetorten rutschen natürlich auch durch die verkleinerte Magenöffnung durch.” Die Weite des Magenbandes kann auch nach der OP variiert werden. Dazu legen die Ärzte einen Anschlussschlauch vom Magenband zu einem sogenannten Port, einer Art Kammer, den sie unter die Haut transplantieren. Wenn der Ring zu locker sitzt, kann so mithilfe einer Nadel von außen zusätzliche Flüssigkeit über den Port in den Schlauch gespritzt werden. Ist er zu eng, kann man auf diesem Weg auch überschüssige Flüssigkeit entnehmen und den Schlauch weiten. “Mit einem Magenband ist eine Reduktion des Übergewichts von 40 bis 50 Prozent möglich”, sagt Kunz.

Einen größeren Gewichtsverlust, nämlich von rund 60 bis 80 Prozent des Übergewichts, erreiche man mit einem Magenbypass. Dabei trennen die Ärzte den oberen Magenteil mithilfe einer Klemmnaht vom Rest des Organs ab. “Der so verkleinerte Magen kann weniger Nahrung aufnehmen”, sagt Kunz. Zusätzlich wird noch eine Dünndarmschlinge an diesen verkleinerten Magen gelegt. “Die Nahrung gelangt dann vom kleinen Magen direkt in den Dünndarm”, sagt Kunz. “Dadurch ist der Verdauungsweg verkürzt, sodass die Nahrung nicht vollständig verwertet wird.” So könne man beispielsweise die Aufnahme von Fetten in den Körper reduzieren.

Bei der dritten OP-Methode bilden Ärzte einen sogenannten Schlauchmagen. Hierzu entfernen die Ärzte operativ einen Teil des Magens, so dass das Organ insgesamt kleiner wird. “In dem entfernten Teil wird zudem ein Großteil des sogenannten Hungerhormons Grehlin produziert”, sagt Chirurg Kunz. Sei weniger dieses Stoffes vorhanden, schwäche sich auch das Hungergefühl ab. Mithilfe eines solchen Schlauchmagens können die Patienten zwischen 40 und 60 Prozent ihres Übergewichtes verlieren. Wiegt ein Betroffener jedoch über 200 Kilogramm, so dass eine höhere Gewichtsreduktion notwendig ist, nähen die Ärzte zusätzlich noch den Dünndarm an den Ausgang des gebildeten Schlauchmagens. Wie beim Magenbypass wird auf diese Weise der Verdauungsweg verkürzt, sodass eine Gewichtsreduktion von bis zu 90 Prozent des Übergewichts möglich ist.


Die Risken: Thrombose und Lungenentzündung


“Bei sehr starkem Übergewicht sind diese operativen Eingriffe prophylaktische Maßnahmen, um das Leben der Patienten zu verlängern”, sagt Kunz. Dennoch bergen sie gewisse Risiken: “Die häufigsten Komplikationen sind Thrombosen, Lungenentzündungen und Probleme des Herz-Kreislauf-Systems.” Dies liege auch daran, dass die Risiken für diese Erkrankungen bei adipösen Patienten ohnehin schon erhöht seien. Zudem müssen die Patienten nach der OP lange Zeit – manchmal sogar lebenslang – ärztlich überwacht werden. Denn dadurch, dass der Magen insgesamt weniger aufnimmt, stellt sich häufig auch ein Mangel an Vitaminen, Eiweiß oder Spurenelementen ein, der vermieden und beseitigt werden muss. Auch nach der Operation sollten die Betroffenen weiterhin Ernährungsberatungsstellen aufsuchen oder sich Selbsthilfegruppen anschließen. “Um einen gesünderen Lebensstil zu erreichen und beizubehalten, ist Unterstützung sehr wichtig”, sagt Kunz.




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