Leistenbruch: Implantierte Netze

Die Erkrankung trifft zu 85 Prozent das männliche Geschlecht. Zwar sind Leistenbrüche meist nicht akut gefährlich, sollten aber dennoch operiert werden

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Grafik: Fabian Bartel


Bruchschneidern ging man im Mittelalter besser aus dem Weg. Mit Bronze- oder Kupferfäden, Schrauben und Nägeln oder sogar Holzstäbchen versuchten sie, eine Erkrankung zu flicken, mit der sich die Menschheit wohl schon seit Anbeginn der Geschichte plagt – dem Leistenbruch. Doch erst 1887 gelang es dem italienischen Chirurgen Eduardo Bassini, eine erfolgreiche Operationsmethode zu entwickeln. Ein Eingriff im geöffneten Unterbauch, bei dem der Leistenbruch mithilfe einer Fixierungsnaht am Bauchfell repariert wird. Sie hatte 100 Jahre lang Bestand.
Georg Arlt nutzt eine andere, moderne Methode, durchs Schlüsselloch. Der Chefarzt der Bauchchirurgie in der Park-Klinik Weißensee wird gleich drei langstielige Instrumente in den Bauch von Klaus Setzer* einführen. Zwei Zangen, mit denen er schneiden und greifen wird, und eine Kamera, die ihm auf einem Monitor ein Wirrwarr aus orangenen, roten und weißen Strukturen zeigen wird. Der 57-jährige Chefarzt mit den ergrauten Schläfen wird heute minimalinvasiv einen Leistenbruch verschließen.
Rückblende Dezember 2011: Kurz nach Weihnachten spürt Klaus Setzer ein merkwürdiges Kneifen in der Leiste. Es kam aus dem Nichts heraus. Der 76-jährige Berliner trägt eine goldene Brille und eine große Uhr. Er streift mit der Hand durchs weiße Haar, zuckt mit den Schultern. Er weiß selbst nicht genau, wie es passiert ist. Hatte er sich beim Aufstellen des Weihnachtsbaumes verhoben oder wieder einmal zu schwer geschleppt? Doch dann bemerkte er zwischen Scham und Becken eine ungewöhnliche Wölbung der Haut. “Wie ein halbes Gänseei”, sagt er. Und das anfängliche Kneifen schmerzte von Tag zu Tag mehr. Erst Mitte März 2012 sucht der Pankower einen Chirurgen auf, für den schnell klar ist: Setzer leidet an einem Leistenbruch.

Jährlich erleiden 230 000 Menschen einen Leistenbruch – meist sind es Männer

Bei dieser Erkrankung – Mediziner sprechen von der Hernia inguinalis – bricht die Bauchdecke nahe dem Schambein und den Samenleitern. Durch die so entstandene Lücke drückt sich mit der Zeit eine aus dem Bauchfell geformte und oft mit nachrutschendem Gedärm gefüllte Tasche aus dem Körperinneren. Wie bei Klaus Setzer entsteht dabei eine sicht- und tastbare Ausbeulung der Haut im Leistenbereich.
Der Pankower ist einer von jährlich rund 230 000 Patienten in Deutschland, die einen Leistenbruch erleiden. Die Erkrankung ereilt zu 85 Prozent das männliche Geschlecht. Für Männer ist damit der operative Leistenverschluss der häufigste chirurgische Eingriff überhaupt.
Es gibt zwei Arten von Leistenbrüchen, die erworbenen, die ältere Männer treffen, und die angeborenen, die schon in jungen Jahren auftreten können. Letztere erklären sich durch einen Blick auf die embryonale Entwicklung, sagt Chefarzt Arlt. Bei weiblichen wie männlichen Embryos befinden sich die Keimdrüsen zunächst in der Bauchhöhle. Während die Eierstöcke, die sich aus diesen Drüsen entwickeln, sich bei Frauen lediglich bis in das kleine Becken bewegen, müssen die Hoden aus der Bauchhöhle heraus durch den Leistenkanal in den Hodensack wandern. Die Hoden ziehen dabei eine Ausstülpung des Bauchfells mit, in der neben den beiden Samenleitern auch die Blutgefäße für den Hoden verlaufen. Nach diesem sogenannten Hodenabstieg verschließt sich im Leistenkanal normalerweise die Bauchfelltasche innerhalb des ersten Lebensjahres. Zusätzlich schottet ein Ring den Leistenkanal von der Bauchhöhle ab. Bei einigen Männern bleibt diese Entwicklung jedoch aus. Im Laufe des Lebens geben innerer Leistenring und Bauchfelltasche dem Druck des Körperinneren nach und Gewebe aus der Bauchhöhle rutscht in den Leistenkanal oder sogar bis in den Hoden hinein.

Leistenbrüche sind keine akute Gefahr. Doch unbehandelt drohen Komplikationen

Mediziner sprechen dann von einem angeborenen oder indirekten Leistenbruch. Er betrifft meist Männer unter 30 Jahren. Der andere, der erworbene Leistenbruch, ist eine Alterserscheinung. Mit den Lebensjahren erschlafft das Bindegewebe der Bauchdecke – nach und nach gibt es dem Druck des Körperinneren nach, bis es reißt. Körperlich schwere Belastungen wie das Heben eines mit Büchern vollgestopften Umzugskartons können das gealterte Gewebe weiter belasten oder es gar vollends zerreißen.
“Die meisten Leistenbrüche sind nicht akut gefährlich – sollten jedoch trotzdem operiert werden”, sagt Chefarzt Arlt. Denn wenn der Darm oder anderes ausgetretene Gewebe ungünstig liegen und von der Blutversorgung abgeschnitten werden, können sie absterben. Schwere Komplikationen wie ein Darmverschluss oder sogar ein Darmdurchbruch drohen.

Operationstechnick: Naht oder Netz?

“Welche Art des Leistenbruchs den Patienten ereilt hat, sehen wir oft erst im OP”, sagt Arlt. Auch bei Klaus Setzer ist die Diagnose noch nicht eindeutig. Sein Alter von 76 Jahren deutet jedoch auf die zweite Art, den erworbenen Leistenbruch, hin. Der wievielte Leistenbruchpatient Klaus Setzer in seiner Arztkarriere ist, kann Chefarzt Georg Arlt nicht sagen. Mehrere tausend habe er davon schon operiert, schätzt er. Der Eingriff ist also Routine.
Georg Arlt operiert heute minimalinvasiv, also über nur drei Fünfcentstück große Schnitte in Setzers Bauchdecke. In die kleinen Öffnungen führen Arlts Operationsassistenten drei langstielige Instrumente ein: Zwei Zangen und die Linse einer Weitwinkelkamera dienen dem Chirurgen als Hände und Augen im Körper seines Patienten. Den Bruch wird Arlt mit einem Netz stabilisieren. Früher vernähten Chirurgen das körpereigene Gewebe. Der Vorteil der Netztechnik ist, dass keine Spannung auf dem verschlossenen Bruch liegt und das Netz den Druck des Bauchraumes auf eine größere Fläche verteilt. Diese Methode eignet sich besonders für ältere Patienten und bei Wiederholungseingriffen. Während bei der herkömmlichen Methode sich bei bis zu 15 Prozent der operierten Patienten der Bruch erneut öffne, senkten implantierte Netze solche sogenannten Rezidive auf rund zwei Prozent. “Bei jungen Patienten erzielt aber das Nahtverfahren auch sehr gute Langzeitergebnisse”, sagt Arlt.

“Zur Navigation im Körper suchen wir uns Landmarken wie das Schambein”

Doch bevor der Chirurg den Bruch beheben kann, muss er sich zunächst zwischen Bauchmuskeln und Bauchfell entlang zum Ort des Geschehens vorarbeiten. Mit der einen Zange hält er Gewebe fest. Mit der anderen Zange schneidet und schiebt Arlt am Bindegewebe, das Muskeln und Bauchfell zusammenhält und ihm den Weg versperrt. Es erinnert an eine geschmolzene, Fäden ziehende Kunststofffolie. Während sich der Chirurg so immer näher zum Bruch vorarbeitet, blickt er unablässig auf einen hochauflösenden Monitor, der zu Füßen des Patienten hängt. Für einen Laien ist das Wirrwarr, das der Bildschirm zeigt, kaum zu entschlüsseln. Orangene, rote und weiße Strukturen überträgt die Kamera, die in der Bauchdecke des Patienten steckt. “Fett, Muskeln, Bindegewebe”, sagt Arlt. “Zur Navigation im Körper suchen wir uns Landmarken wie das Schambein, an denen wir uns orientieren können.”
Auf dem Weg hat der Chefarzt mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen. Denn während sich das Bindegewebe, das er durchtrennt, sich später schnell wieder regenerieren wird, sollten andere Strukturen tunlichst geschont werden. So kreuzen große rote, pulsierende Blutadern seinen Weg. “Wenn man die Arteria testicularis durchtrennt, gibt es richtig Ärger”, sagt Arlt. “Und zwar nicht nur im OP.” Denn diese Arterie versorgt den Hoden mit frischem Blut. Wird sie beschädigt, droht eine Hodenatrophie – also ein Schrumpfhoden. “Das finden Männer gar nicht witzig.” Auch den Samenstrang sollte Arlt besser nicht verletzen, möchte er die Fruchtbarkeit des Patienten erhalten.

Bis zu 6000 Menschen leiden nach der OP unter chronischen Schmerzen

Eine bislang unterschätzte Komplikation einer solchen OP sind chronische Schmerzen danach. Sie drohen, wenn einer der drei großen Nervenstränge in der Leistengegend verletzt wird oder das implantierte Netz mit einem Nerv verwächst. “Ich bin kaum noch belastbar, ein Arbeitstag reicht schon, um am Feierabend kaum noch was machen zu können”, berichtet zum Beispiel “Didi” in einem Online-Forum für chronische Schmerzen. Seit ihm vor sieben Jahren ein Kunststoffnetz implantiert wurde, leide der heute 26-Jährige unter Dauerschmerzen. “Ich kann nicht mehr. Bin mit den Nerven runter und weiß nicht mehr weiter”, klagt er.
Georg Arlt weiß, dass “Didi” nicht allein mit dieser Komplikation ist: “Deutschlandweit leiden zwei bis drei Prozent der Patienten nach einem Leistenverschluss unter postoperativen chronischen Schmerzen, die sie meist arbeitsunfähig machen.” Bei jährlich 230 000 operierten Hernien sind das immerhin 4600 bis 6000 Menschen. Häufig schmerzt es in der Leistengegend, im Bein oder im Hodensack. So können selbst leichte Aktivitäten zur Qual werden, und meist leidet auch die Partnerschaft, wenn der Sex zum Martyrium wird.

Verwachsene Netze: Schlechte Heilungschancen

Bisher stünden die Heilungschancen für die betroffenen Patienten jedoch schlecht. “Ein verwachsenes Netz wieder zu entfernen, ist ausgesprochen kompliziert”, sagt der Chirurg. Immerhin müssten Operateure heutzutage diesen Eingriff seltener vornehmen als das früher der Fall war. Nach Arlts Erfahrungen gibt es jedoch immer weniger Komplikationen mit dem Netz, da das verwendete Material dem Körper immer besser angepasst wird.
Eines dieser Netze wird der Chefarzt gleich bei Klaus Setzer implantieren. Denn am Leistenring des Pankowers klafft ein zwei mal drei Zentimeter großes Loch. “Das hört sich klein an, ist aber geeignet, viel Dünndarm hineinrutschen zu lassen.” Und den muss der Chirurg nun dorthin zurückziehen, wo er hingehört. Er müht sich ziemlich ab, um mit beiden Zangen das Bauchfell samt des anderen ausgetretenen Gewebes aus dem Bruch herauszuholen. Es ist verflixt, sobald er das Gewebe aus dem Bruch gezogen hat, rutscht es wieder hinein. Geduldig wiederholt der Chirurg die Prozedur, bis das Bauchfell dort bleibt, wo es hingehört.
Nun endlich kann er das Netz implantieren, um den Bruch zu verschließen. Arlt schneidet aus einem großen Stück des blau-weiß gestreiften Geflechtes einen zehn mal 15 Zentimeter großen Flicken heraus, schiebt ihn durch eines der langstieligen Instrumente und positioniert ihn mit den Zangen über dem Bruch. Einige Ärzte fixieren das Netz noch zusätzlich mit einem Eiweißkleber. “Kann man machen, muss man aber nicht”, sagt Arlt. “Durch den natürlichen Druck des Körperinneren auf die Bruchstelle hält das Netz auch ohne Klebstoff.”
Nach 55 Minuten im OP-Saal ist Klaus Setzers Schwachstelle geflickt. Und bald wird der Hobbygärtner wieder in seinem Schrebergarten in Wartenberg zupacken können. “Alles, was nicht wehtut, ist erlaubt”, gibt Arlt seinem Patienten mit auf den Weg. Das ist gut so, denn in so einem Garten ist immer viel zu tun. “Da warten 100 Rosen auf mich.”
*Namen geändert



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