Künstliches Hüftgelenk: Neue Beweglichkeit

Wenn die schützende Knorpelschicht des Hüftgelenks im Alter schwindet, kann das zu großen Schmerzen führen. Mit einer Endoprothese – einem künstlichen Gelenk – können Betroffene nach einer Arthrose sogar wieder Sport treiben

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Grafik: Fabian Bartel


Was nützen die Bretter, die die Welt bedeuten, wenn jeder Schritt darauf schmerzt? Maren Schweiger ist Sopranistin in einem Theaterchor. Bewegung und Tanz gehören dazu. Schon immer stellten diese Aufritte die 47-Jährige mit dem angeborenen Hüftleiden vor eine Herausforderung, von der ihr Publikum nichts ahnte: “Auf der Bühne wollte ich nicht hinken”, sagt Schweiger. Und lange Zeit gelang ihr das auch – durch Körperspannung und Lampenfieber. Im normalen Leben dagegen bewegte sie sich im “Entengang”, wie sie ihre Schonhaltung nennt. Durch ihn konnte sie die schmerzenden Bereiche entlasten.
Maren Schweiger hat eine angeborene Hüftdysplasie. Ihre Hüftgelenkpfannen sind nicht richtig ausgebildet. Die Hüftköpfe, der kugelförmige Teil der Oberschenkelknochen, sind nicht ausreichend von der Pfanne überdacht. Beim Stehen und Gehen wird die Belastung deshalb nicht wie bei einem gesunden Menschen gleichmäßig verteilt, sondern konzentriert sich auf einen Punkt im Gelenk. An dieser Stelle wird die schützende Knorpelschicht auf Dauer abgerieben. Wenn sie fast oder bereits ganz verschwunden ist, sprechen Mediziner von einer Arthrose. Und die ist schmerzhaft: An Schlaf war für Maren Schweiger zuletzt nicht mehr zu denken. Und auch auf der Bühne konnte sie das Hinken nicht mehr verbergen. Zwei künstliche Hüften könnten helfen, sagten die Ärzte. Sie zögerte dennoch fast zwei Jahre: “Ich fühlte mich einfach zu jung für eine Prothese.” Doch die Gelenke, die sie versuchte zu entlasten, wurden immer steifer. Zuletzt konnte sie sich nicht mehr die Schuhe binden.
Deshalb nahm Schweiger allen Mut zusammen, unterbrach die Proben für das Sommerprogramm und begab sich in die Klinik. Nachdem die erste OP gut verlaufen war, wurde die zweite Hüfte sechs Wochen später eingesetzt. Jetzt liegt sie in einem geräumigen Zweibettzimmer im Sana Klinikum Sommerfeld und freut sich über das nassgraue Sommerwetter vor dem Fenster: “Da ist es leichter, im Bett zu bleiben.”
Von außen erinnern die Gebäude der Sana Kliniken in Sommerfeld an Schweizer Bauernhäuser. Sie wurden im frühen 20. Jahrhundert von der Stadt Charlottenburg als Tuberkulosestation erbaut. Heute ist dort eine der großen endoprothetischen Abteilungen in Deutschland angesiedelt. “Hüfte oder Knie – das ist bei uns die Standardfrage”, sagt Chefarzt Andreas Halder auf dem Weg zum OP.
Bei Anton Richter ist es die Hüfte. Als Halder den Operationssaal betritt, hat der 76-Jährige bereits einen Kopfhörer auf: beruhigende klassische Klaviermusik. Eigentlich wollte Anton Richter heute mit seiner Frau an die Amalfiküste in Süditalien aufbrechen, die Urlaubsreise war bereits gebucht. Doch weil sich die Knorpelschicht in seiner Hüfte immer mehr abnutzte, bis Knochen auf Knochen rieb und die Schmerzen in der rechten Hüfte schier unerträglich wurden, liegt er jetzt statt auf der Sonnenliege zwischen viel Elektronik und Schläuchen im OP. Sein rechtes Bein ist bis zur Leiste in blaues Tuch eingewickelt. Nur noch die Hüfte schaut heraus.
Richter wurde ein lokales Betäubungsmittel in den Rückenmarkkanal gespritzt, eine sogenannte Spinalanästhesie. Richter ist bei Bewusstsein, Unterkörper und Beine sind betäubt und bewegungsunfähig. “Nur bei Patienten, die eine Vollnarkose körperlich zu sehr belasten könnte, entscheiden wird uns für diese Variante”, sagt Chefarzt Halder. Ein Beruhigungsmittel und ein blauer Sichtschutz verhindern, dass Anton Richter mehr von der Operation wahrnimmt, als ihm lieb wäre.
Die Ansammlung von großen Meißeln, Raspeln, Hämmern und Bohrern auf den blauen OP-Tischen lässt erahnen, dass die Hüftgelenksoperation eine handfeste Angelegenheit ist.
Bevor es losgeht, überprüft Andreas Halder noch einmal zweidimensional am Röntgenbild, was der Computertomograf vorher dreidimensional ausgemessen hat: Größe und Winkel des neuen Hüftgelenks stimmen mit der Schablone überein. Dann setzt Halder mit dem Skalpell den ersten, etwa fünfzehn Zentimeter langen Schnitt an der Hüfte, der Haut und Fettgewebe durchtrennt. Dass die Operation deutlich unblutiger ist als ihr Ruf, liegt an der kleinen elektrischen Spitze, mit der ein zweiter Operateur die kleinen Blutgefäße verödet. Mit dem nächsten Schnitt wird das Muskelgewebe durchtrennt.
Über diesen kleinen Schnitt auf dem Weg zur Hüfte gehen die Meinungen unter Medizinern weit auseinander: Beim Muskelschnitt würden meist auch kleine Nerven beschädigt, sagt Wolfgang Noack, Chefarzt der Orthopädie im Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau. Deshalb werden bei der dort angewandten Methode die Muskeln nicht angeschnitten, sondern mit Spezialinstrumenten gedehnt. So weit, dass auch das große künstliche Hüftgelenk hindurchpasst. Die Vorteile: Der Schnitt ist kleiner und damit auch die Narbe. Vor allem aber seien die Patienten bereits nach wenigen Tagen wieder auf den Beinen, sagt Noack.
Für den Sommerfelder Chefarzt Andreas Halder hat die Methode dagegen mehr Nachteile. “Die Muskelfasern müssen sehr weit gedehnt werden, damit das Gelenk durchpasst. Dabei reißen die Muskelfasern aber häufig ein.” Gerissene Fasern könnten aber nur schlecht zusammengenäht werden und heilen schlecht. Im Sana Klinikum Sommerfeld hat man sich deshalb bei muskelkräftigen Patienten für den größeren Schnitt entschieden.
Die Ärzte im Operationssaal in Sommerfeld haben den Oberschenkelknochen erreicht. Nachdem sie die Gelenkkapsel geöffnet haben, wird der Knochen mit einer Art elektrischer Stichsäge durchtrennt und der obere Teil des Knochens mit dem Hüftkopf herausgehebelt. Um Platz für den Schaft des künstlichen Hüftgelenks zu schaffen, wird jetzt der mit Mark gefüllte Knochen mit einer Raspel ausgehöhlt. Danach testet der Chirurg, ob die Länge des Schafts zum Knochen passt. Immer wieder schlägt er einen etwa 15 Zentimeter langen Probeschaft mit dem Hammer in den Oberschenkelknochen.
Was nach rohem Kraftakt aussieht und sich auch so anhört, ist Maßarbeit, die Erfahrung verlangt: Denn ist der Schaft zu klein, hält er den starken Belastungen an der Hüfte nicht stand und lockert sich wieder. Ist er dagegen zu groß, steht er zu weit hervor. Die Folge: wieder eine Fehlbelastung der Hüfte. In beiden Fällen stünde dem Patienten noch eine Operation bevor. Die richtige Länge für Anton Richter ist jedoch schnell gefunden, der Testschaft wird entfernt und durch einen Titanschaft ersetzt, der nach einigen Wochen in den Knochen einwächst.
Noch drei Teile müssen eingesetzt werden und fertig ist die Hüftgelenksprothese: Dazu wird zunächst der Beckenknochen für die neue Gelenkpfanne vorbereitet. Mit der halbkugelförmigen Raspelfräse wird die Form für die Gelenkpfanne in den Knochen gesägt. Weil sie zwei Millimeter größer ist als die gefräste Form im Knochen, bedarf es auch hier einiger Kraft, sie mit Hammerschlägen in den Knochen hineinzuklopfen. Dort wird sie von der Spannung des Knochens gehalten. Darauf kommt eine Art Knorpelersatz aus hoch verdichtetem Polyethylen. Das Gegenstück ist eine weiße Keramikkugel, die etwas kleiner als ein Golfball ist. Sie wird auf den Konus am oberen Ende des Titanschafts gesteckt und das Bein in die neue Gelenkpfanne gehoben.
Die Chirurgen bewegen Anton Richters Oberschenkel zum Test in verschiedene Richtungen und messen die Länge des Beines: Beide Beine sind gleich lang und die Kugel springt nicht aus der Pfanne – Anton Richters neues Gelenk scheint perfekt zu sitzen.
Kurze Zeit später erwacht Anton Richter auf der Intensivstation. Aus seinem Bein ragen zwei Schläuche, die die Nachblutungen in unterschiedlichen Tiefen ableiten. Bis Richter den Urlaub in Italien nachholen darf, wird es aber noch ein bisschen dauern. Zunächst muss alles verheilen und sich eine neue Kapsel um das fremde Gelenk im Körper bilden. Dann beginnt die Reha: Beim behutsamen Muskelaufbau sollen die Hüft- und Oberschenkelmuskeln gestärkt und so wieder ein natürliches Laufen ermöglicht werden.
Die kritische Phase, das heißt die Zeit, in der die Hüfte bei unüberlegten Bewegungen herausspringen kann, dauert sechs Wochen. “Danach ist eine normale Belastung wieder möglich”, sagt Andreas Halder. Dazu gehören auch gelenkschonende Sportarten wie Radfahren, Nordic Walking und Schwimmen. Von Tennis, Alpinski und Fußball rät der Arzt aber ab.
Sein Kollege Wolfgang Noack vom Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau meint dagegen, dass jede Sportart mit künstlicher Hüfte möglich ist. “Die verwendeten Materialien werden immer besser”, sagt Noack. Auch die besonders belasteten “Verschleißteile” – die kleine Gelenkkugel und die Polyethylenscheibe in der Hüftpfanne – hielten heute 20 Jahre und länger. Bei jungen Patienten, wo Gelenkkugel und -pfanne aus Keramik verwendet werden, seien auch bei stärkerer Belastung 25 Jahre und mehr möglich. Wenn allerdings erste Abnutzungsspuren sichtbar sind, rät Noack dazu, sofort zu handeln und das Teil in einem kleinen Eingriff auszutauschen. Der Abrieb droht sonst den gesunden Knochen anzugreifen.
Doch die Aussicht auf Folgeoperationen schreckt viele Hüftpatienten ab. Ob und wann es Zeit für ein künstliches Hüftgelenk wird, dafür gibt es aus seiner Sicht keine Regel. Entscheidend sei das Empfinden des Patienten, sagt Noack. “Deshalb lautet meine erste Frage: Wie steht es um Ihre Lebensqualität?” Wenn alle physiotherapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und ein Leben ohne Schmerzmittel nicht mehr möglich sei, rät Noack zur OP.
Dass sich manche Patienten auch danach noch mit dem Gehen schwertun, habe einen einfachen Grund: “Wenn sich Patienten jahrelang im Schongang bewegen, ist das Bewegungsmuster im Kopf verankert.” Ein gesunder Gang muss dann bei der Physiotherapie erst wieder erlernt werden.
Darum wird es auch bei Maren Schweiger, der Chorsopranistin mit den beiden neuen Hüftgelenken gehen. Drei Wochen Reha hat sie vor sich und die große Hoffnung auf ein neues Leben ohne “Entengang”. Noch fühlt sich die Hüftgegend etwas komisch an: “Irgendwie groß und kalt”, sagt Schweiger. Sie hat die künstlichen Hüften deshalb “eiserne Fäuste” getauft. Dass sie sich trotzdem daran gewöhnen wird, daran hat sie keine Zweifel. Denn das Ziel ist klar: Spätestens in zwei Monaten will Maren Schweiger wieder auf der Bühne stehen.
Markus Langenstraß



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