Kreißsaal-Report: Mutterglück

Eine natürliche Geburt ist der Wunsch vieler Frauen. Doch manchmal gibt es Komplikationen. Wir erzählen von zwei Geburten.


Anna Jaspers* Wangen glühen. Vor Glück – und vom Kraftakt der letzten Stunden. Vorbei und vergessen sind die Qualen und der Schmerz. Nun wiegt sie ihren Erstgeborenen in den Armen. “Liam, der Starke”, flüstert der stolze Vater. Behutsam streichelt er die zur winzigen Faust geballte Hand seines Sohnes. Der Säugling hat in der Tat viel Stärke bewiesen. Die Geburt war für ihn sicher genauso hart wie für seine Mutter, eine schmale Frau, 30 Jahre alt, mit hennaroten Haaren und blassem Teint. Später wird Anna Jasper sagen, dass die Erinnerung an die Schmerzen schnell verblasst. Während der Entbindung sei sie aber in einer anderen Welt gewesen, so heftig waren die Wehen. “In diesem Zustand können Frauen Berge versetzen”, meint Hebamme Katharina Sorge.

Sieben Stunden zuvor im Kreißsaal des St. Joseph-Krankenhauses in Tempelhof: Ein schnelles Pochen füllt den Raum. Das sind die kindlichen Herztöne, die über den Wehenschreiber gemessen werden. Auf einem Flachbildschirm verfolgen Ärzte und Hebammen den Kurvenverlauf, der anzeigt, wie das Kind die Anstrengung der Geburt verkraftet.


Jedes achte Berliner Baby kommt krank zur Welt

Rund 30.000 Babys kommen jedes Jahr in Berlin zur Welt – laut Senatsstatistik durchschnittlich jedes achte von ihnen krank, häufig mit lebensgefährlichen Atem- oder Herz-Kreislaufproblemen. Fachleute sehen darin einen wichtigen Grund dafür, dass trotz alternativer Angebote wie Geburtshäusern, Hebammenpraxen oder Hausgeburten 96 Prozent der Schwangeren zur Entbindung eine Klinik aufsuchen. “Sollte ein Problem auftauchen oder eine Operation des Babys notwendig werden, liegt die Neugeborenen-Intensivstation neben dem Kreißsaal”, sagt Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Geburtsklinik im St. Joseph-Krankenhaus.


Kliniken berücksichtigen zunehmend die Wünsche der Schwangeren

Die Kliniken öffnen sich auch zunehmend für die Bedürfnisse und Wünsche der Frauen, stellt der Berliner Hebammenverband fest. Zum Beispiel mit der Initiative Babyfreundliches Krankenhaus. Das heißt, diese Kliniken – so auch das St. Joseph – ermöglichen es zum Beispiel, dass es zwischen Mutter und Kind sofort nach der Entbindung Hautkontakt gibt.

Auch alternative Heilmethoden werden eingesetzt. Um den Geburtsprozess zu erleichtern, nutzt Hebamme Katharina Sorge gerne homöopathische Tropfen, warme Kirschkernkissen und Kenntnisse aus der Fußreflexzonenmassage.

Und die Gebärwanne: groß und rund, mit Griffen für die Hände und Halter für die Füße. Einst Zeichen alternativer Geburtshilfe, gehört die im Kreißsaal stehende Wanne inzwischen zum Standard. “Wärme ist ein natürliches Schmerzmittel”, sagt Hebamme Sorge, während Anna Jasper in der grünen Wanne liegt. Das warme Wasser duftet nach Melisse, es wirkt entkrampfend. Die werdende Mutter kann sich hier eine halbe Stunde von den Wehen erholen, gebären aber will sie außerhalb. Zwar empfinden viele Frauen eine Wassergeburt als weniger schmerzhaft und entspannend, da das Wasser das Gewicht des Bauches trägt, doch für Anna Jasper kommt das nicht infrage. Die Hebamme wundert das nicht: “Beim ersten Kind ist den meisten Frauen das Wasser zu unsicher.” Für die Säuglinge ist es jedoch kein Problem, sie kommen direkt aus dem Frucht- ins Badewasser. Und Ärzte raten nur von der Unterwassergeburt ab, wenn sie Komplikationen befürchten, etwa wenn sich die Herztöne der Babys verschlechtern.


Ob liegend, stehend, in der Hocke – Frauen sollten ihrer Intuition folgen

Ob liegend, stehend, in der Hocke, im Vierfüßlerstand oder eben im Wasser – die Frauen sollen ihrer Intuition folgen, wie sie am liebsten gebären wollen. “Aber die meisten entscheiden sich ganz klassisch für das Gebärbett, in dem sie verschiedene Stellungen ausprobieren können”, sagt Babett Ramsauer, leitende Oberärztin für Geburtsmedizin im Vivantes-Klinikum Neukölln, während sie mit schnellen Schritten die Korridore der Mutter-Kind-Station entlangläuft.

Auch die werdenden Mütter sollen sich viel bewegen, im Flur hin- und herlaufen, die Treppen rauf und runter, damit sich das Kind in den Geburtskanal hineinschaukelt. “Das Baby sucht den Weg des geringsten Widerstandes”, sagt Hebamme Sorge. Bevor es auf die Welt kommt, macht das Kind eine halbe Drehung im Bauch. Es muss sich auf die Seite legen, das Becken der Mutter dehnen, dann den Kopf an die Brust nehmen und sich durch den Geburtskanal schlängeln.

Nach sechs Stunden Eröffnungswehen hat sich Anna Jaspers Muttermund vollständig geöffnet, zehn Zentimeter. Die ersten drei sind am qualvollsten, vor allem beim ersten Kind. Anna Jasper hat alle möglichen Positionen ausprobiert, nun liegt sie auf dem Rücken und presst mit aller Kraft. Als das Köpfchen mit dem Babyflaum sichtbar wird, lässt die Geburtshelferin eine Ärztin rufen. Mit einem Schwung erscheint endlich der ganze Kopf, regungslos, die Augen geschlossen. Mit der nächsten Wehe windet sich erst eine Schulter aus dem Mutterleib, dann die andere. Dann zieht die Hebamme den kleinen weißen Körper in die Welt – Liam ist geboren. Erschöpft liegt er auf der Brust seiner Mutter, nimmt still seine ersten Atemzüge, bevor er anfängt zu schreien, um die Lungen auszudehnen. Der überwältigte Vater kappt die Nabelschnur. Die neue Familie lernt sich kennen. Anna Jasper hat die Geburt gut überstanden – ohne Schmerzmittel, ohne ärztlichen Eingriff. “Aber viele Frauen wollen die Verantwortung abgeben und die Entbindung in die Hände der Ärzte legen”, sagt Vivantes-Ärztin Ramsauer. Zu groß ist oftmals die Angst vor den Schmerzen – deshalb wünschen sich viele einen Kaiserschnitt.


Zahl der Kaiserschnitt steigt

Doch der sei immer auch eine Hypothek auf weitere Schwangerschaften, sagt Klaus Vetter, Chefarzt des Mutter-Kind-Zentrums am Vivantes-Klinikum Neukölln. So könnte etwa die Narbe der Gebärmutter nachgeben, die vom Eingriff zurückbleibt. Dennoch: Was früher noch als Notmaßnahme galt, ist heute üblich. Seit Jahren steigt die Zahl der Kaiserschnitte – fast jedes dritte Baby kommt in Deutschland auf diese Weise zur Welt. Dafür gibt es laut Vetter eine einfache Erklärung: Die Erstgebärenden werden immer älter. “Mit zunehmendem Alter verändert sich der Stoffwechsel.” So nimmt auch das Durchschnittsgewicht der Neugeborenen zu: Zwölf Prozent wiegen bei der Entbindung mehr als vier Kilo. Nur wächst der Geburtskanal der Frauen nicht in gleichem Maße mit. “Und wenn die Geburt nicht rund läuft, wartet man nicht mehr, bis die Mutter völlig erschöpft ist”, sagt Vetter.

Genauso erging es Nalan Karakus. Die 35-jährige zierliche Frau mit dem ebenen Gesicht und dem dichten, dunklen Haar erwartet ihr drittes Kind – drei Wochen vor dem eigentlichen Termin. Da ihr Baby im Vergleich zu ihrer Körpergröße recht groß ist, wird die Geburt durch ein wehenförderndes Medikament nach 37 Schwangerschaftswochen eingeleitet.

Sehnlich hat sich Nalan Karakus eine natürliche Entbindung gewünscht, aber nach einem 18-stündigen Wehenmarathon im Kreißsaal des Mutter-Kind-Zentrums am Vivantes-Klinikum Neukölln sind ihre Kraftreserven aufgebraucht. Die Herztöne des Kindes haben sich verschlechtert. Zwar ist der Muttermund inzwischen fast vollständig geöffnet, doch der Kopf steht noch zu hoch. Geburtsstillstand nennen das Mediziner. Womöglich hat sich die Nabelschnur um den Hals gelegt. Am Kaiserschnitt führt kein Weg mehr vorbei. Von Vorteil ist, dass Nalan Karakus bereits zuvor eine sogenannte Periduralanästhesie (PDA) bekommen hat, um die Schmerzen zu lindern. Dabei wird über den unteren Rücken ein Medikament gespritzt und blockiert die Reizleitung der Nerven, so dass die untere Körperhälfte völlig betäubt ist.

Dann geht alles sehr schnell. Schnitt in den Unterbauch, durch die Bauchdecke und die Wand der Gebärmutter. Um 3.26 Uhr wird Durkan aus dem Unterleib seiner Mutter gehoben. In einem gut geheizten Raum nebenan versorgt ihn ein Kinderarzt.

Keine halbe Stunde hat die Operation gedauert, Nalan Karakus war die ganze Zeit bei Bewusstsein. Als man ihren Sohn im Brutkasten auf das Zimmer bringt, ist sie den Tränen nahe. Durch eine kleine Öffnung hindurch streicht Nalan Karakus mit ihrer Fingerspitze über seine Wange. “Breite Schultern”, bemerkt sie stolz. “Wie der Vater.”


*Name geändert



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet