Kreißsaal-Report: Ein hartes Stück Arbeit

Alle Schwangeren hoffen auf eine reibungslose Entbindung – und oft klappt das auch. Doch Komplikationen kann es immer geben. Auch beim zweiten Kind

Nein!” Diana Gebhardt hat ihre Entscheidung getroffen, noch bevor Hebamme Petra Wigger ausgeredet hat. Diana Gebhardt ist keine wehleidige Frau. Aber Spritzen mag sie nicht. “Ich möchte Ihnen jetzt einen Zugang in die Vene legen”, hat Petra Wigger gesagt. “Mir wäre wohler dabei.” Sie will auf alles vorbereitet sein und auf Komplikationen schnell mit Medikamenten reagieren können.


Noch verläuft die Geburt im Kreißsaal des DRK-Klinikums Köpenick normal. Aber eine rote Ziffer links auf dem Bildschirm des Überwachungsgerätes beunruhigt die Hebamme. Die Zahl gibt Auskunft über die Herzfrequenz des Kindes, die über das Aufnahmegerät des Wehenschreibers, des CTG, gemessen wird. Zwischen 160 und minimal 110 Schlägen pro Minute sollte die sich bewegen. Momentan pendelt sie bei 90. Wigger holt Luft. Seit fünf Stunden liegt Diana Gebhardt in den Wehen. Bisher hat sie ihre Sache souverän gemacht. Jetzt aber sollte sie sich helfen lassen, meint Wigger. Sie erklärt ihr, dass sie sich wegen der schwachen Herztöne Sorgen macht. Eine neue Wehe. Diana Gebhardt lehnt sich im Gebärbett zurück, schließt die Augen, drückt die Hand von Marcus Koletzki, ihrem Mann. Als sie den Griff wieder lockert, sagt sie: “Okay.” Sie wird es nicht bereuen.


Mehr als 30 000 Babys kommen jedes Jahr in Berlin zur Welt. Für Diana Gebhardt ist es das zweite. Die erste, komplikationslos verlaufene Schwangerschaft, ist elf Jahre her. Sohn Tobias freut sich sehr auf seinen Bruder. Aber der lässt ganz schön auf sich warten: Eine Woche nach dem errechneten Termin gab es noch immer keine Anzeichen dafür, dass das Baby sich auf den Weg machen will. Alle zwei Tage musste Diana Gebhardt nun an das CTG, ab der 42. Woche täglich. Genauer gesagt: Ab “Tag 41+0”. So rechnen das die Ärzte. “Wenn auch weiterhin alles ruhig bleibt, leiten wir am Sonntag ein”, hatte das Ärzteteam des DRK Klinikums Berlin-Köpenick am Freitag beschlossen. “Medikamentöses Priming” nennen die Gynäkologen das. Dabei wird werdenden Müttern eine Tablette verabreicht, die Wehen fördernde Wirkung hat. “Die Plazenta, über die der Fötus versorgt wird, ist ein Organ auf Zeit”, sagt Hebamme Wigger. “Es unterliegt einem Alterungsprozess. Man wartet nicht mehr ewig”.


Vielleicht hat der Kleine dieses Ultimatum gebraucht: Am frühen Sonntagmorgen wird Diana Gebhardt von einem Ziehen im Rücken geweckt. Kurz danach beginnt der Bauch zu krampfen. Die Wehen setzen ein. Auf der Fahrt ins Krankenhaus kommen sie bereits in einem Abstand von vier Minuten. Das Klinikum hat Diana Gebhardt bewusst ausgewählt – schon zur ersten Geburt war sie hier. “Ich mag die familiäre Atmosphäre” sagt die 36-Jährige, als sie durch die Flure der Geburtsstation geht. Noch hat die Klinik mit knapp 800 Geburten im Jahr eine der niedrigsten Geburtenraten im Umfeld. Doch die Anmeldezahlen steigen. Schon in der 33. Schwangerschaftswoche hat Diana Gebhardt sich in der Klinik angemeldet.


Zur Philosophie des Krankenhauses gehört es, dass Mutter und Kind sich mit dem Ankommen in ihrer neuen Rolle Zeit lassen dürfen. Sie bekommen auf der Geburtstation ihr eigenes, großes Zimmer. Großzügige Doppelbetten mit Vorhängen gibt es darin, damit das Eltern werdende Paar hier gemeinsam übernachten kann, Sitznischen in der Wand und ein Bad. Alle Räume sind frisch renoviert. Während der Eröffnungswehen sollen sich die Frauen viel bewegen. “Das ist durchblutungsfördernd und schmerzlindernd”, sagen Hebammen. Durch stetes Auf-und Ablaufen oder Treppensteigen werde das Kind in den Geburtskanal geschaukelt, die Schwerkraft hilft quasi mit. Nach einem Spaziergang im Park der Klinik wird Diana Gebhardt zum zweiten Mal an diesem Morgen untersucht, diesmal bereits im Kreißsaal. Zwei Zentimeter misst der Muttermund nun, die Hebamme Petra Wigger ist zufrieden – bis die Probleme mit den Herztönen auftreten. Als Ärztin Lisa Cabrera in die Vene sticht um endlich den von der Hebamme gewünschten Zugang zu legen, jault Diana Gebhardt auf. Doch im nächsten Moment ist der Schmerz vergessen: Die Fruchtblase ist geplatzt.


Es ist die ständige Anwesenheit eines Arztes, die ausschlaggebend dafür ist, dass auch heute noch ein Großteil aller Frauen zur Entbindung in die Klinik geht. Statistisch gesehen ist jedes achte Neugeborene krank. Und Komplikationen bei der Geburt sind keine Seltenheit. “Nur etwa zwei Prozent der Schwangeren gebären im Geburtshaus oder zuhause”, sagt Jitka Weber vom Berliner Hebammenverband. Damit liegt Berlin sogar über dem Durchschnitt. Elf Geburtshäuser gibt es in der Stadt. Viele Methoden und Hilfsmittel, die einst Zeichen alternativer Geburtshilfe waren, gehören mittlerweile auch in den Krankenhäusern zum Standard: Mit Sprossenwänden und an der Decke befestigten Seiltüchern zum Festhalten wird zum Beispiel im DRK-Klinikum Köpenick ein Gebären in aufrechter Position gefördert. Längst ist es nur noch eine Minderheit, die auf dem Rücken liegend gebärt. Auch die geräumige Gebärwanne – auch sie ist in vielen Kliniken Standard – wird gern genutzt, denn das warme Wasser wirkt beruhigend. Diana Gebhardt möchte aber nicht in die Wanne. Jede Frau soll tun, was ihr beliebt.


Die Wehen kommen jetzt heftiger, Diana Gebhardt weint und schreit. Ihr Mann Marcus Koletzki weicht ihr nicht von der Seite. Man sieht es: Er leidet mit. In weniger als einer halben Stunde hat sich der Muttermund um weitere acht Zentimeter geweitet, bis auf die vollen zehn. Über den Tropf, den die Ärztin mit dem Zugang verbunden hat, wird der Mutter Flüssigkeit verabreicht. Dass Diana Gebhardt jetzt übel wird, ist normal. Das Baby muss sich Platz im Bauch schaffen und der Magen ist im Weg. Plötzlich ist der Muttermund vollständig eröffnet und das Köpfchen tief im Becken: Bei dieser Lage kann das Wehenmessgerät, das am Bauch befestigt ist, die Herztöne des Kindes nicht mehr verlässlich erfassen. Deshalb platziert die Ärztin eine Elektrode auf dem Kopf des Babys, für die Überwachung. Sie möchte sicher gehen. “Tut ihm das weh?”, fragt die Mutter. “Nur ein Pieks”, antwortet die Ärztin.


Ist das Baby im Muttermund bereits zu sehen, orientieren sich Hebammen und Mediziner an einer imaginären Linie, die das Becken der Mutter in zwei Ebenen einteilt. Das erleichtert die Entscheidung, mit welcher Technik auf Komplikationen bei der Geburt reagiert werden muss. Liegt das Köpfchen oberhalb der Beckenmitte, ist in heiklen Situationen ein Notfallkaiserschnitt die Regel. Befindet es sich tiefer, kann die Saugglocke die bessere Wahl sein. Nur bei ­circa vier Prozent der Entbindungen kommt die Vakuumexktraktion zum Einsatz.


Ganz risikolos sei so ein Eingriff nicht, meint Hebamme Jitka Weber. Babys haben aber recht flexible Schädeldecken. Ein blauer Fleck ist meist das Einzige, das bleibt. Zwischen Gummiglocke und dem Kopf des Kindes wird ein Unterdruck aufgebaut, der dem Kind im Mutterleib die Richtung weist. Gleichzeitig wird von außen gezogen. Immer wehensynchron.


Diana Gebhardt hat allerhand Positionen ausprobiert. Jetzt legt sie sich auf die Seite. Augenblicklich sinkt die Herzfrequenz des Kindes auf 30. “Drehen!”, ruft die Hebamme alarmiert. Der Wert klettert wieder zurück auf 90, doch das Team kann nichts mehr riskieren. Die Ärztin gibt Diana Gebhardt eine Wehen hemmende Spritze, die dem Kind eine Verschnaufpause verschaffen soll. “Das Mittel kann bei Ihnen Herzflattern verursachen”, warnt die Ärztin sie vor. Jetzt ist es geradezu lebenswichtig, dass die Frau über den Zugang, gegen den sie sich gewehrt hat, unterstützt wird. Als der nächste Wehenschub kommt, presst und hechelt Diana Gebhardt auf Kommando. Irgendwann sackt sie im Bett zurück und flüstert: “Ich kann nicht mehr”.


In diesem Augenblick greift die Ärztin zur Saugglocke und holt das Baby.


Der Kopf des Jungen ist noch etwas bläulich, aber das wird sich geben. “Wichtig ist, dass der Körper rosig ist”, sagt Ärztin Lisa Cabrera. Knappe neun Stunden nach der ersten Wehe ist Marian geboren. Vorsichtig öffnet der kleine Kerl die winzigen, blauen Augen. Dass er ein reifes Kind ist, verraten seine Hände: Ganz schön schrumpelig sind die, weil er solange im Fruchtwasser lag. Ansonsten ist Marian ein kerngesunder Junge, relativ groß und schwer. Glücklich küsst der Papa die jetzt zweifache Mutter. Die ist voller Energie: Das Adrenalin überwiegt die Erschöpfung. Marian steckt sich das Däumchen in den Mund, er will sich erst mal erholen. Damit er es dabei kuschelig warm hat, wird er in Frottee gehüllt. “Du hast uns ganz schön auf die Probe gestellt”, sagt die Hebamme. Dann legt sie Marian in die Arme seiner Mutter. “Willkommen in der Welt.”




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