Knochenbrüche: Konservativ mit Gips

Brüche verheilen bei Kindern besser als bei Erwachsenen, denn der noch wachsende Knochen kann eine Fraktur korrigieren. Deshalb sollte die Behandlung kindgerecht verlaufen


Eigentlich hätte es einer der schönsten Tage des Jahres werden können. Der 21. Juni, Sommersonnenwende und Beginn der Schulferien in Brandenburg. Marc* trifft sich mit seinen Freunden auf dem Spielplatz, um sich auszutoben. Der hagere Junge mit dem kurzen schwarzen Haar wollte es wissen, als er auf einer rotierenden Drehscheibe versucht “zu surfen”, während ihn seine Freunde immer schneller drehen. “Bis die Fliehkraft zu groß wurde”, bemerkt der Zehnjährige nüchtern. Im hohen Bogen wird Marc ins Gras geschleudert. Sein rechter Arm, mit dem er sich dem Aufprall entgegenstemmt, verkraftet die Wucht nicht, die beiden Unterarmknochen – Elle und Speiche – nahe dem Handgelenk brechen. Marc krümmt sich am Boden, sein Arm schmerzt stark, jede Bewegung ist eine Tortur. Ein Fall für die Notaufnahme.
Wie Marc bricht sich jeder zweite Junge bis zum 16. Lebensjahr einen Knochen. Bricht er dabei in nur zwei Teile mit glatten Bruchflächen, sprechen Ärzte von einem einfachen Bruch. Zerbirst er in mehrere Teile, wird dies Splitter- oder Trümmerfraktur genannt. Bei offenen Brüchen verschiebt sich der Knochen so stark, dass er durch das umgebende Gewebe und die Haut eine offene Wunde reißt und oft aus ihr hervortritt. Marc hat Glück im Unglück: Die Enden seiner Unterarmknochen sind glatt gebrochen und werden deshalb besser heilen. In der Notaufnahme richten die Chirurgen dem Jungen den Bruch nicht nur ein, sondern entscheiden sich dafür, den Bruch mit zwei Spickdrähten zu stabilisieren.
Wenige Tage später begutachtet Tomas Kiel die Arbeit seiner Kollegen. Er ist Facharztarzt für Kinderchirurgie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Wie es sich für einen Arzt ziemt, trägt er einen weißen Kittel. Erste silberne Haare zeigen sich. Durch eine modisch überdimensionierte Brille schauen seine Augen auf einen Bildschirm, über den Röntgenaufnahmen von Marcs Bruch flimmern. Weiß zeichnen sich die Knochen des Jungen auf dunklem Grund ab. Und deutlich zu erkennen, sind auch die beiden Spickdrähte, im Fachjargon auch Kirschnerdrähte genannt, die V-förmig in Speiche und Elle ragen.

“Platten, Schrauben und Nägel sind oft nicht nötig”

“Die Frakturstellung ist gut”, sagt Kiel zu Marc und dessen Vater, die ihm gegenüber sitzen. Der Vater, Ende 30, trägt eine rotbraune Lederjacke und blaue Jeans. Am Hinterkopf verliert er bereits erste Haare. “Wahrscheinlich hätte es gereicht, den Bruch wieder einzurichten und in einem Gips ruhigzustellen”, sagt Kiel. Diese Methode wird als konservativ bezeichnet. Sind die Knochen in ihre natürliche Lage zurückgebracht, kann der Körper meist die restliche Reparaturarbeit übernehmen, während der Bruch durch einen Gips- oder Kunststoffverband stabilisiert wird.
“Die kindlichen Knochen verfügen über eine große Korrekturpotenz, die wir in unserem Therapiekonzept berücksichtigen”, erklärt der Kinderchirurg. Und bei Heranwachsenden sei diese Selbstheilungskraft deutlich größer als bei Erwachsenen. Der Zug der Muskeln reicht häufig aus, um die beiden Bruchenden bis zur Heilung aneinanderzupressen. “Platten, Schrauben und Nägel sind oft nicht nötig”, sagt Kiel. Erst komplizierte Brüche, die gesplittert oder stark verschoben sind, müssten operiert werden. Auch sei mehr Verschiebung tolerierbar, die beiden Bruchenden müssen nicht ganz gerade aufeinanderliegen. “Eine leichte Abkippung von fünf Grad ist kein Problem”, befindet der Kinderarzt.
Warum Brüche gerade bei Kindern gut verheilen, lässt sich mit dem Knochenwachstum erklären: Um die Bruchstelle beginnt sich zunächst ein sogenannter Kallus zu bilden. Dieses erst knorpelartige und mit der Zeit verknöchernde Gewebe legt sich wie eine Rohrschelle um den Bruch und stabilisiert so den Knochen von außen, bis er sich im Inneren vollständig remodelliert hat. Die Verdickung des Kallus bildet sich zurück, sobald der Bruch ausgeheilt ist. Auch dem zehnjährigen Marc kommt dabei zugute, dass er noch wächst. Denn die an den Enden der Knochen liegenden Wachstumszonen reagieren auf Verschiebungen oder Abknickungen an den Bruchstellen. Liegen die Bruchenden schief aufeinander, wächst der Knochen unterschiedlich stark an den Enden, bis die Fehlstellung korrigiert ist. Das funktioniere umso besser, je näher der Bruch an der Wachstumszone des Knochens liege und je jünger das Kind sei. “Das gleicht sich im Stillen aus”, sagt der Kinderchirurg. “Nach einem Jahr wird man viele Brüche auf einer Röntgenaufnahme nicht mehr sehen.”

Kinderheilkunde: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Doch viel zu häufig therapiere man Kinder, als seien sie Erwachsene – da sei Marc kein Einzelfall, kritisiert Tomas Kiel. Schuld sei eine mangelnde Erfahrung in der Behandlung, denn durch den Geburtenrückgang werden Kinder immer seltenere Patienten. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – das muss bei der Therapie beachtet werden. “Manche der Kleinen werden schon unruhig, wenn sie einen weißen Kittel sehen”, sagt Kiel. Er muss sehr einfühlsam mit seinen kleinen Patienten sprechen und ihnen manchmal die Angst vor dem Arzt nehmen. Deshalb lagern in Kiels Schubladen nicht nur Mullbinden und Pflaster, sondern auch bunte Bausteine und Puppen. Um traumatische Erlebnisse zu vermeiden, müssen Kinder ganz anders behandelt werden als Erwachsene. Das fange bei der Schmerzverträglichkeit an. “Wir benutzen selten eine örtliche Betäubung.” Geeigneter sei die Analgosedierung. Durch ein in eine Vene injiziertes Medikament werden das Kind in den Tiefschlaf versetzt und das Schmerzempfinden betäubt. Im Gegensatz zu einer Vollnarkose bleiben jedoch Atmung und Schutzreflexe erhalten.
Auch Marc wird tief schlafen, wenn die beiden Drähte aus dem verheilten Bruch entfernt werden. “Bis dahin ist deine Hand so sicher wie die Bank von England”, scherzt der Facharzt mit dem Jungen. “Kinder gehen oft viel legerer mit einer Verletzung um als ihre Eltern”, sagt Kiel. Während Erwachsene nach einem Knochenbruch häufig eine Physiotherapie benötigen, um verletzte Knochen und Muskeln wieder zu mobilisieren, genügt bei Kindern meist der Spieltrieb: “Alles, was nicht schmerzt, ist in Ordnung – und wenn Kindern etwas wehtut, lassen sie es ohnehin sein.” Daher bräuchten Eltern auch nicht viel zu verbieten.
Sechs Wochen hat Marc nun Sommerferien – genauso lange muss der Junge auch seinen Arm in einem blauen Kunststoffverband ruhigstellen. Pünktlich zum Schulbeginn wird er wieder schreiben können.
*Namen geändert



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet