Klinik-Report: Körperverletzung

Wund gelegen: 95 Prozent aller Dekubitusfälle sind vermeidbar, sagen Experten. Leitlinien in der Pflege sollen das Risiko für Druckgeschwüre verringern


Gerda Schröder ist 85. Sie lebt ­allein. Sich Essen zu kochen, ist ihr längst zu anstrengend, sie wiegt nur noch 45 Kilo. Ihre Haut ist mit dem Alter ­trocken geworden, auch ihr Herz ist nicht mehr gesund. Eines Tages stürzt sie auf dem Weg in den Supermarkt, bricht sich den Oberschenkelhals und kommt in ein Krankenhaus. Dort liegt sie auf einer Spezialmatratze – und dennoch hat sich nach einem Tag ein Geschwür am Rücken gebildet, oberhalb des Steißbeins, das aussieht wie eine Brandwunde: Gerda ­Schröder hat sich wund gelegen, Fachleute sprechen von einem Druckgeschwür oder Dekubitus. Es kann dann entstehen, wenn bestimmte Körperstellen über zu lange Zeit belastet werden. Durch den ständigen Druck wird das darunter liegende Gewebe nicht ausreichend durchblutet – und stirbt langsam ab. Besonders gefährdet sind Körperpartien, wo die Haut direkt auf dem Knochen liegt: Hinterkopf, Schulter, Ferse, Steißbein.


Ein Dekubitus gilt oft als Paradebeispiel für Pflegemängel. Viele Fälle dürften gar nicht auftreten, sagt Armin Hauss, Dekubitusbeauftragter an der Charité Mitte: “95 Prozent sind vermeidbar.” Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung drückt es noch deutlicher aus: “Dekubitus ist das älteste Thema der Pflege – und Körperverletzung”. Kommt es zur Anklage, hat das Krankenhaus die Pflicht nachzuweisen, dass es alles Mögliche getan hat, um Druckgeschwüre zu verhindern.


Viele Risikofaktoren

Gerda Schröder ist keine reale Person. Aber jenes Beispiel einer alten Dame in schlechtem Allgemeinzustand sei heute oft die Regel im Klinikalltag, sagt Andrea Lemke, Pflegedirektorin des Jüdischen Krankenhauses in Wedding. Und sie verteidigt die Pflegepraxis: Die Entstehung eines Geschwürs sei von vielen Faktoren abhängig, nicht nur von der Lagerung, sagt Lemke. “Manchmal können wir das gar nicht beeinflussen. Es kommt sehr darauf an, in welchem Allgemeinzustand der Patient hier ankommt. Wie die Haut aussieht zum Beispiel und wie der Patient ernährt ist.” Wenn ein alter Mensch ­etwa abgemagert sei, drückten die Knochen auch von innen gegen die besonders gefährdeten Stellen. Aber auch hohes Alter, Zuckerkrankheit, körperliche Unbeweglichkeit führten oft zu dieser Hautverletzung.


Kommen mehrere solcher Faktoren zusammen, nennt man die Betroffenen Hochrisikopatienten – vor allem, wenn sie älter sind als 75 und sich nicht oder wenig bewegen können. Die fiktive Gerda Schröder ist ein typischer Fall einer solchen Risikopatientin, bei der in einer Klinik ein Dekubitus Grad 2 entstanden ist – wie er ab und zu auch im Jüdischen Krankenhaus vorkommt. Und doch ist es schwierig, eine “Gerda Schröder” im Jüdischen Krankenhaus zu treffen. Derzeit seien alle Patienten, die sich während ihres Aufenthalts wund gelegen hätten, nicht ansprechbar, heißt es bei einem Besuch in der Klinik. Aber man könne sich mit Ursula Fraas unterhalten.


Willkommene Veränderung der Lage

Die 83-Jährige ist sorgfältig frisiert und sitzt aufrecht und lächelnd in ihrem Bett auf einer der Dekubitusprophylaxe-Matratzen, die das Krankenhaus für alle Betten angeschafft hat, da “unsere Patienten immer älter und pflegebedürftiger werden.” Und damit gefährdeter. Das liege am Demografiewandel, denn mit steigendem Alter steige die Krankheitsanfälligkeit, sagt Lemke.


Ursula Fraas gehört zur Gruppe der Hochrisikopatienten – allein schon wegen ihres Alters. Sie hat ein neues Hüftgelenk bekommen und liegt seit zwei Wochen im Jüdischen Krankenhaus. In den ersten Tagen nach der Operation konnte sie sich kaum bewegen. Also lagerten die Pflegekräfte sie anfangs alle zwei Stunden um, und zwar immer so, dass sie nicht auf knochigen Körperteilen lag. Sie achteten darauf, dass ihre Fersen und die anderen empfindlichen Stellen keinem Druck ausgesetzt wurden. “Das ist gut, wenn man ab und zu eine andere Lage kriegt”, sagt sie mit ihrer freundlichen Großmutter-Erzählstimme. Inzwischen ist das Umlagern nicht mehr notwendig. “Ich kann schon wieder ganz allein laufen”, sagt sie stolz. Ärzte und Pfleger ermutigten sie sehr schnell, sich selbstständig zu bewegen. Ein Geschwür ist nicht entstanden.


“Mobilität ist die beste Dekubitusprophylaxe”, sagt Experte Armin Hauss von der Charité. Hauss, ausgebildeter Krankenpfleger mit 15 Jahren Berufserfahrung und einem Master in “Science of Nursing”, hat sich dem Kampf gegen die Druckgeschwüre verschrieben. Er ist dabei, die Stationen an allen Standorten der Charité zu überprüfen. “Prozessaudits” nennt Hauss das: “Wir wollen damit der Glaubhaftigkeit der abgegebenen Dekubitus­meldungen nachgehen und die Arbeit der Stationen vergleichbar machen.”


Die Waterlow-Skala: Hohe Punktzahl = hohes Risiko

An einem kalten Dienstagmorgen um kurz nach acht ist Hauss mit seinem Kollegen Thomas Skiba auf dem Weg in den 14. Stock des Charité-Hochhauses in Mitte – in die Rheumatologie. Welche Station an der Reihe ist, entscheidet das Los. Er hat wie immer erst eine halbe Stunde vor der Inspektion bei der Stationsleitung Bescheid gesagt und auf einer Patientenliste die Gefährdeten mit einem roten Punkt markiert. Die werden besucht. Die Kriterien für Risikopatienten sind aber sehr weit gefasst. Sie werden in der Charité nach der sogenannten Waterlow-Skala beurteilt. Für jeden Risikofaktor gibt es eine Punktzahl, Rauchen etwa ist ein Faktor, der Punkte bringt, ebenso Antibiotikaeinnahme und natürlich das Alter. Eine Herzinsuffizienz bringt gleich fünf Punkte, ebenso viele gibt’s, wenn jemand als “bewegungslos im Sitzen” beurteilt wird. Eingeschränkte Mobilität zählt drei Punkte. Und auch fehlende Sensibilität der Nerven – etwa bei Querschnittgelähmten – ist ein wichtiges Kriterium.


Spätestens sechs Stunden nach der Aufnahme sollen die Pflegekräfte einen Patienten in die Skala eingestuft haben. Für alle, die sich nicht ausreichend bewegen können, muss außerdem in diesem Zeitraum ein Lagerungsplan erstellt werden. Alle, die mehr als 20 Punkte bekommen, werden von Hauss und Skiba vollständig “auditiert”, wie Hauss es nennt: Er sieht sich ihre Haut an, befragt sie und füllt ein Formular aus. Bei anderen Patienten, die Hilfe bei Körperpflege und Nahrungsaufnahme brauchen, schauen sie auch vorbei. “Ich nehme die Zimmer 2 bis 10”, sagt Hauss jetzt. Hauss’ erste Patientin ist trotz einer hohen Punktzahl angezogen und schiebt gerade ihren Tropf in Richtung Flur. Sie braucht keine Hautinspektion.


Dann ist der Mann in Zimmer 3 an der Reihe. Der 65-Jährige hat 30 Punkte angesammelt und kann sich kaum selbstständig bewegen. “Er hat ein ganz hohes Risiko”, sagt Hauss, bevor er in die Privatsphäre des Patienten verschwindet. Doch bei der Untersuchung ist alles in Ordnung. “Perfekte Haut”, sagt Hauss, als er wieder aus dem Zimmer kommt. Er hat den Patienten zum Beispiel gefragt, ob er über die Gefahr des Wundliegens vorschriftsmäßig von den Pflegern informiert wurde und konnte ein Ja auf seinem Formular eintragen. Dann kontrolliert er im Arbeitsraum der Pfleger die Akte des Mannes: “Nur was dokumentiert ist, gilt auch juristisch als tatsächlich gemacht.” Haben die Schwestern regelmäßig eingetragen, dass die Haut angesehen wurde? Und entsprechen die Lagerungsintervalle seinen Einschätzungen? Hauss ist zufrieden mit den Einträgen.


Prophylaxe: Spezialmatratzen oder Kinästhetik

Im nächsten Zimmer holt sich Hauss eine “nette Abfuhr” bei einer älteren Dame, die auf mehr als 20 Punkte auf der Skala kommt. “Nicht alle wollen sich auf den Hintern schauen lassen”, sagt Hauss verständnisvoll. Die alte Dame ist in der Nacht eingeliefert worden und habe “jetzt andere Prioritäten”. Dabei ist sie tatsächlich schon mit einem Wundgeschwür auf der Station angekommen. Die Schwestern haben gleich ein Spezialbett aus dem Bettenlager im Keller des Hochhauses für sie bringen lassen, das mit einem elektrischen Wechseldrucksystem funktioniert: Durch eine Luftmatratze mit verschiedenen Kammern werden abwechselnd Luftströme gepustet, so dass mal diese Körperstelle belastet wird, mal jene. So eine Matratze kosten etwa 2500 Euro. Im Charité-Hochhaus stehen zehn davon bereit, der Rest wird von externen Firmen geleast – so macht das auch das Jüdische Krankenhaus.


Nach einem “Feedbackgespräch” mit der Stationsleiterin ist der Besuch auf der Charité- Rheumatologie beendet. Thomas Skiba muss bald weiter, an diesem Tag will er auch noch in der Urologie kontrollieren. Aber erst gibt der Kollege von Armin Hauss noch eine kurze Einführung in sein besonderes Fachgebiet, die Kinästhetik: die Beschäftigung mit der menschlichen Bewegung im Alltag. Die Kinästhetik ist in der letzten Zeit immer wichtiger für die Dekubitusprophylaxe geworden. Skiba lehrt seine Kollegen, immobile Patienten so zu lagern, dass ihre natürliche Bewegung imitiert wird – statt sie nur hin- und herzuziehen. Dazu gehören etwa Mikrolagerungen, die kleine Bewegungen eines Schlafenden nachahmen. Oder man simuliert den Stand, indem man sanft, aber bestimmt Druck auf Beine und Füße ausübt. “Das stärkt den Muskeltonus, regt den Stoffwechsel an, und der Patient wird wesentlich schneller mobil”, sagt Skiba.


Trotz Rückgang ein Dauerbrenner

Manchmal müsse ein Dekubitus aber in Kauf genommen werden, um Schlimmeres zu verhindern: etwa Patienten mit schwerem Lungenversagen, die reglos auf dem Bauch liegen müssen, um eine Heilungschance zu haben. Lemke sagt, in den vergangenen 20 Jahren sei bei keinem Patienten ein Dekubitus der Stufe 4 entstanden. 2006 und 2007 habe es keinen des Grades 3 gegeben, 2008 waren es zwar bereits zwei – besonders problematische Fälle auf der Intensivstation – “aber insgesamt werden wir immer besser”. Doch trotz “aller unserer Mühe” sei es unrealistisch zu erwarten, dass es in nächster Zeit überhaupt keine Dekubitusfälle mehr geben werde. Das liege allerdings nicht an dem in allen Krankenhäusern beklagten Mangel an Pflegekräften: “Der gefährdet bei uns die Dekubitusprophylaxe nicht.” Hauss hingegen sagt, dass es “bei unserem Stellenschlüssel” schwierig sei, “gute Qualität zu leisten”. Trotz des Verständnisses und des Pflegepersonals “wird Dekubitus ein Dauerbrenner aufgrund der immer älter werdenden Gesellschaft bleiben”, sagt Lemke.


siehe Pflegequalität




Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet