Katarakt: Trübe Aussicht

Der Graue Star ist weltweit die häufigste Erblindungsursache. In Deutschland kann man ihn dank modernster Technik problemlos und ohne Schmerzen operieren

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Die Rentnerin liegt gut gelaunt im Vorzimmer des Operationssaals des Berliner Sankt-Gertrauden- Krankenhauses, die Augen weit geöffnet, den Blick nach oben. “Die erste Operation am rechten Auge verlief super, da habe ich mich gleich zur zweiten angemeldet”, sagt Elisabeth Schröder. Chefarzt Joachim Wachtlin beugt sich über den Kopf seiner Patientin, träufelt ein paar Betäubungstropfen in ihr linkes Auge. Dort erkennt man schon leicht den Grauen Star. Er hat die Linse eingetrübt.
Früher dachten die Menschen, der Graue Star würde durch herunterlaufende Flüssigkeiten hinter der Pupille entstehen. Daher auch der medizinische Name “Katarakt”, also Wasserfall. Heute ist man schlauer. Zwar können Krankheiten wie Diabetes mellitus, Augenverletzungen und Infektionen einen Grauen Star begünstigen. Im Prinzip ist der Graue Star aber eine Alterskrankheit. “Man muss sich die Linse im Auge wie einen Baumstamm vorstellen”, erklärt Chefarzt Wachtlin. “Die Linse wächst seit der Geburt immer mehr und wird immer dicker. So ab dem 25. Lebensjahr beginnt sie zusätzlich ein bisschen trübe zu werden.” Das sei noch kein Problem. Aber meistens sei die Trübung ab dem 60. Lebensjahr bereits bemerkbar, und je nach Umweltbelastungen würde dies dann dazu führen, dass man schlechter sieht. So, als hätte sich im Inneren des Auges ein Vorhang herabgesenkt. “Die Farben kann man nicht mehr gut erkennen, das Sehen wird immer schlechter”, sagt Wachtlin. Im Prinzip müsse jeder Mensch irgendwann operiert werden. “Man muss nur alt genug werden.”

Katarakt-Operation: einer der häufigsten, sichersten und erfolgreichsten Eingriffe

Elisabeth Schröder ist jetzt 67 Jahre alt. Beim Autofahren hatte sie zuletzt Probleme, berichtet sie. Deswegen die Operation. Weil die Tropfen als lokale Betäubung bei ihr heute nicht ausreichen, setzt Joachim Wachtlin eine Spritze unterhalb des Auges. Ein kleiner Pieks, fertig ist die Sache. Etwas unangenehm, aber auszuhalten, sagt Elisabeth Schröder. Die meisten Katarakt-Operationen erfolgen unter örtlicher Betäubung. Oft reichen Tropfen, ansonsten gibt es eben die Betäubungsspritze, in Einzelfällen kann auch in Vollnarkose operiert werden. Elisabeth Schröder wird in den hell erleuchteten Operationssaal geschoben. Die Rollläden sind heruntergelassen, an den Decken strahlen Halogenlampen. Elisabeth Schröder wirkt ruhig und gelassen. “Ich bin nicht aufgeregt. Ich vertraue den Ärzten.”
Die Katarakt-Operation gilt mittlerweile als eine der häufigsten, sichersten und erfolgreichsten Operationen überhaupt. Deutschlandweit werden jährlich mehr als 500.000 Eingriffe durchgeführt – bei einer Komplikationsrate von deutlich unter einem Prozent. Risiken gibt es dennoch. In etwa einem von 5000 Fällen gelangen etwa Keime in das Augeninnere und führen zu Entzündungen, berichtet Chefarzt Duy-Thoai Pham vom Vivantes Klinikum in Neukölln, einem der größten Augenheilzentren der Stadt. Eine weitere Gefahr sind Netzhautablösungen. Dies gelte besonders für kurzsichtige Patienten, weil hier die Netzhaut ohnehin überdehnt ist, sagt Pham. “Das kommt zum Glück aber sehr selten vor, vielleicht in einem von 500 Fällen.”

Händel und Bach – prominente Opfer des Starstichs

Über Jahrhunderte hinweg galt die Katarakt-Operation dagegen als eher problematischer Eingriff. Bereits im Altertum stachen Ärzte mit einer Spezialnadel in das Auge und drückten dabei die getrübte Linse auf den Boden des Augapfels. Bei diesem sogenannten Starstich konnte der Patient im Idealfall zwar wieder klar sehen. Allerdings hatte er wegen der fehlenden Brechkraft der Linse eine starke Übersichtigkeit. Und dann gab es regelmäßig Komplikationen und Infektionen. Berühmteste Opfer waren Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, die beide vom englischen Okulisten John Taylor behandelt worden waren. Händel erblindete erneut, bei Bach vermutet man, dass er an den Spätfolgen der Operation starb.
Knapp 262 Jahre später beginnt Joachim Wachtlin mit der Operation. Vor ihm liegt Elisabeth Schröder unter einem grünen Tuch. Es ist ein ungewöhnlicher Anblick. Das Tuch hat eine Freistelle, aus dem das mit zwei Klammern weit geöffnete Auge der Patientin herausblickt. Wachtlin schaut durch ein Mikroskop, dessen Kamera Bilder auf einen Bildschirm überträgt. Darin sieht man, wie Wachtlin mit einer Kanüle Wasser über das Auge träufelt. Es läuft in konzentrischen Kreisen über den Augapfel. Für einen kurzen Moment wirkt das Bild auf dem Monitor wie ein abstraktes Aquarell. “Bitte geradeaus schauen”, sagt Wachtlin und fixiert das Auge zusätzlich mit einem ringförmigen Gerät. Dann sticht er mit einem kleinen Skalpell in die etwa 0,5 bis 0,6 Millimeter dicke Hornhaut. Es ist ein seitlicher, sich später selbst schließender Schnitt, der dem Arzt für die Zeit der Operation als Einfallstor zur Linse dient. Blut fließt nicht.
Viele Patienten haben Angst vor der Operation ohne Narkose. Doch dies sei unbegründet, versichert Wachtlin. Die lokale Betäubung sei ausreichend, und die Patienten würden durch das helle Licht von oben und die örtliche Betäubung auch kaum etwas sehen. Viele berichten sogar von angenehmen, kaleidoskopartigen Farbenspielen, erzählt Wachtlin, der nun mit einer Kanüle eine Lösung in die vordere Augenkammer füllt. Dadurch erweitert sich die Pupille. Anschließend stabilisiert er mit einer weiteren gelartigen Flüssigkeit die Augenkammer. Während der Operation träufelt eine Schwester immer wieder Kochsalzlösung über die Hornhaut, die ansonsten austrocknen würde.

Kunststofflinsen – Inspiriert durch verletzte Kampfpiloten

Nun kommt der wichtigste Teil der Operation. Die getrübte Linse soll durch eine Kunstlinse ersetzt werden. Das ist seit Jahrzehnten das Prinzip jeder Katarakt- OP – und eher zufällig entstanden. Der britische Arzt Harold Ridley hatte während des Zweiten Weltkrieges bemerkt, dass verwundete Piloten der Royal Air Force keine körperlichen Abwehrreaktionen zeigten, obwohl Kunststoffglassplitter aus der Cockpitscheibe in ihr Auge eingedrungen waren. Ridley nahm dies zum Anlass, mit Kunststofflinsen beim Grauen Star zu experimentieren. Mit Erfolg.
Joachim Wachtlin streckt die Hand zur Seite, eine Schwester reicht ihm das nächste Spezialinstrument. Damit macht Wachtlin einen kreisrunden Schnitt – und öffnet damit die Linsenkapsel, die hinter der Pupille liegt. Die Linse ist nun erreichbar. Wachtlin führt einen mit Ultraschall vibrierenden Metallstift ein und beginnt mit der Linsenkernzertrümmerung. Es entstehen kleine Risse in der Linse, die gleichzeitig abgesogen werden. Übrig bleibt nur der leere Kapselsack als Hülle für die neue Linse.
Die hatte Wachtlin bereits zuvor individuell ausgesucht und zurechtgelegt. Elisabeth Schröder konnte dabei sogar einen Wunsch äußern: Sie möchte in Zukunft vor allem Auto fahren können, also auf die Entfernung gut sehen können. Sich zum Lesen eine Brille auf die Nase setzen, sei dagegen kein Problem.
Die Linse steckt, wie ein zusammengerollter Fallschirm, in einer Spezialspritze, dem sogenannten “Shooter”. Den führt Chefarzt Joachim Wachtlin nun vorsichtig in die Linsenkapsel. Dann drückt er ab. Langsam entfaltet sich die Linse, zwei Bügel drücken an die Enden des Kapselsacks und stabilisieren das neue, künstliche Brennglas. “Jetzt ist die Operation eigentlich fast fertig”, sagt Wachtlin. Weltweit ist der Graue Star immer noch die häufigste Erblindungsursache, Schätzungen zufolge haben rund 20 Millionen Menschen dadurch ihr Augenlicht verloren. Im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus hat Joachim Wachtlin für die Operation dagegen gerade mal eine Viertelstunde gebraucht.



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