Interview: „Wir brauchen mehr Transparenz“

Berlins Psychiatriebeauftragter Heinrich Beuscher über das Image der Psychiatrien und Qualitätsvergleiche

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Herr Beuscher, warum hat die Psychiatrie oft einen so schlechten Ruf?

Der hat vor allem in der Vergangenheit gelitten. Die Psychiatrie wurde in der Zeit des Nationalsozialismus missbraucht. Es gab Zwangssterilisierung, Deportationen und Tötungen. Auch in der Nachkriegszeit gab es kaum öffentliche Diskussionen über die Behandlung psychisch kranker Menschen. Sie wurden einfach in die Großkliniken am Stadtrand abgeschoben. Erst die Psychiatrie-Enquete-Kommission des Bundestages hat 1975 deutlich auf die Missstände hingewiesen. Danach wurde die Psychiatrie aus ihrem Inseldasein geholt und grundlegend reformiert. Heute ist sie fachlich besser aufgestellt und hat eine größere Akzeptanz in der Bevölkerung.


Was können die Psychiatrien tun, um ihr Image zu verbessern?

Wir brauchen mehr Transparenz. Die Kliniken müssen sich öffnen. Die Senatsverwaltung erhält bereits Angaben etwa zur Verweildauer in der Klinik, Plätze in Tageskliniken, Betten- und Fallzahlen. Wir haben allerdings keine Information über die Personalausstattung. Weitere Qualitätsmerkmale sind die Formen der Kooperation, die die Kliniken eingehen, also, ob es verbindliche schriftliche Vereinbarungen zum Beispiel mit Selbsthilfegruppen, Kontakt- und Beratungsstellen oder sozialpsychiatrischen Diensten gibt. Entscheidend ist auch, wie sehr die Klinik die Angehörigen in die tägliche Arbeit mit einbezieht – ähnliche Parameter, wie sie jetzt der Tagesspiegel veröffentlicht. Außerdem braucht die Psychiatrie mehr Aufmerksamkeit von den Medien. Denn psychisch Kranke haben keine Lobby – und seelische Krankheiten werden immer noch stigmatisiert.


Wie sieht die psychiatrische Versorgung in Berlin aus?

Wir haben ein sehr differenziertes, regionalisiertes Versorgungssystem. 1993 lagen die durchschnittlichen Liegezeiten in den großen Fachkliniken noch bei 70 Tagen. Heute haben wir in jedem Bezirk eine psychiatrische Abteilung an einem Allgemeinkrankenhaus oder eine psychiatrische Fachklinik in Wohnortnähe. In Berlin findet die klinische Versorgung auf hohem fachlichen Niveau statt, so dass inzwischen die Behandlungsdauer bei unter 20 Tagen liegt.


Auch Kliniken, die über keine Psychiatrie verfügen, nehmen Patienten mit psychischen Störungen auf. Können die Kranken dort korrekt versorgt werden?

In somatischen Kliniken – also jenen, die eigentlich nur körperliche Erkrankungen versorgen – werden schätzungsweise 20 bis 25 Prozent der Patienten mit psychischen Begleitstörungen behandelt. Aber nur, weil sie neben einer somatischen Erkrankung eine psychisch relevante Zweitdiagnose haben, zum Beispiel ein Suchtproblem neben der Leberzirrhose. Krankenhäuser ohne psychiatrische Abteilung können Konsildienste einschalten. Dann kommt ein Psychiater oder niedergelassener Spezialist zum Patienten auf die Station. Außerdem gibt es Kooperationen mit den Kliniken, die im Bezirk zur Behandlung von psychisch Kranken verpflichtet sind.


In jedem Berliner Bezirk gibt es eine Klinik, die verpflichtet ist, jeden psychisch Kranken aus ihrem Versorgungsgebiet aufzunehmen. Weshalb hat man sich für diese Regionalisierung der Psychiatrie entschieden?

Sowohl die Regionalisierung als auch die Pflichtversorgung sind grundlegende Elemente der psychiatrischen Versorgung in Berlin. Sie sind vor allem für die Menschen wichtig, die chronisch an einer psychischen Erkrankung leiden, etwa an Schizophrenie. Diese Personen sind oftmals schwer krank, in ihrem Verhalten auffällig und benötigen viel Unterstützung, um zurechtzukommen. Deswegen wurden sie früher gerne abgeschoben. Für diese chronisch Kranken muss es ein vernünftiges Versorgungssystem geben, da sie nicht in der Lage sind, sich selbst Hilfe zu holen. Die Regionalisierung steht dafür, dass keiner aus der Behandlungs- und Betreuungskette rausfällt. Die Kliniken können sich ihre Patienten nicht aussuchen.


Wäre es nicht sinnvoller, dass sich verschiedene Einrichtungen auf bestimmte Krankheitsbilder spezialisieren?

Das ist ein ewiges Streitthema in den Fachgesellschaften. Aber letztendlich ist die Psychiatrie ein Basisfach,das heißt: Sie gehört zur Grundversorgung der Bevölkerung. Die psychiatrischen Kliniken haben genügend Kapazitäten, um sich fachlich differenzieren zu können. Zusätzliche Betten aufzubauen, um Spezialangebote zu erbringen – etwa für Borderline-Persönlichkeitsstörung oder manisch-depressive Störungen – das halte ich für unnötig.


Die Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV) regelt bundesweit den Personalbedarf in der stationären Psychiatrie. Kritiker sagen jedoch, dass die Personalverordnung in den meisten Kliniken und Fachabteilungen nicht eingehalten wird. Stimmt das?

Die Psychiatrie ist eine “sprechende Medizin”. Deshalb ist Personal ein zentrales Kriterium. Eine Unterschreitung der PsychPV ist inakzeptabel, denn die Verordnung definiert lediglich einen Mindeststandard. Bei der hohen Leistungsanforderung, die an die Kliniken gestellt wird, kann es nicht sein, dass eine Station nicht einmal diese Mindestzahl erfüllt. Dann hat man auch nicht die notwendigen Mitarbeiter, um einen reibungslosen Übergang von der stationären in die ambulante Behandlung zu gewährleisten.


Wird die Einhaltung der Verordnung vom Staat kontrolliert?

Die Senatsverwaltung führt regelmäßig Umfragen zur Erfüllung der PsychPV durch. Die letzte ergab, dass in Berlin bis zu 95 Prozent erreicht werden. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 90 Prozent. Das sind jedoch alles freiwillige Angaben der Kliniken. Zurzeit arbeiten wir an einer Folgeerhebung, die viel differenzierter ist.


Warum gibt es keine überregionale Beschwerdestelle, an die sich Psychiatrie-Erfahrene wenden können, wenn sie schlechte Erfahrungen gemacht haben?

Wir haben ein neues Konzept zum Beschwerdemanagement erarbeitet. Zum einen soll es pro psychiatrischer Abteilung einen Patientenfürsprecher geben. Das ist gesetzlich festgelegt, allerdings hat der Senat nicht geprüft, ob tatsächlich alle Stellen besetzt sind. Vor allem aber werden wir unabhängige Besuchskommissionen einführen. Diese sollen sich aus ehrenamtlichen Psychiatern, Juristen und Personen des öffentlichen Lebens zusammensetzen. Die Kommissionen sollen jährlich ohne Vorankündigung alle psychiatrischen Abteilungen besuchen, um Defizite aufzudecken, zum Beispiel ob die PsychPV erfüllt wird oder nicht. Diese Ziele werden hoffentlich innerhalb der nächsten zwei Jahre umgesetzt.


Heinrich Beuscher (51) ist seit 1996 Landesbeauftragter für Psychiatrie in Berlin und damit auch Interessenvertreter für die psychisch Kranken in der Stadt.




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