Interview: "Über 160 Menschen warten auf ein Herz"

Roland Hetzer, Chefarzt des Deutschen Herzzentrums Berlin, spricht über Herztransplantationen und warum das Herz so ein mythisches Organ ist

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Das Deutsche Herzzentrum Berlin gehört zu den großen Transplantationszentren in Deutschland. 2007 verpflanzte Ihr Haus 29 Spenderherzen – das sind nur noch gut halb so viele wie 2005. Wie ist dieser Rückgang zu erklären?


1991 konnten wir sogar noch insgesamt 119 Herzen transplantieren. Doch leider geht die Zahl der verfügbaren Spenderorgane immer weiter zurück. Während Anfang der neunziger Jahre bundesweit jährlich zwischen 500 und 600 Spenderherzen zur Verfügung standen, waren das im vergangenen Jahr 394. Es herrscht derzeit trotz aller Anstrengungen von Kliniken, Politik und Vereinen ein großer Mangel an Spenderorganen.


Jetzt, Ende 2008, läuft – wieder einmal – eine große öffentliche Kampagne, um die Bereitschaft zur Organspende zu erhöhen. Trotzdem bleibt der Mangel. Woran liegt das?


Zum einen gibt es den typischen Spender jener Zeit nicht mehr: den verunglückten jungen Motorradfahrer. Natürlich ist das eine sehr gute Entwicklung, aber auf der anderen Seite fehlen dadurch die Spenderorgane in gutem Zustand, die so wichtig sind für die erfolgreiche Transplantation. Ein anderer Grund ist, dass heutzutage wegen des medizinischen Fortschritts Sterbende viel länger behandelt werden, bis der Hirntot festgestellt wird. Doch damit steigt das Risiko von Infektionen oder Blutvergiftungen. Dann sind ihre Organe nicht mehr für eine Transplantation zu verwenden. Und schließlich geht ganz allgemein die Bereitschaft zurück, Organe zu spenden.


Was halten Sie von dem 2007 vorgelegten Vorschlag des nationalen Ethikrates, der forderte, das Organspendegesetz zu ändern? Statt der jetzigen Zustimmungsregel – ein Mensch muss zu Lebzeiten einer Organentnahme im Todesfall zustimmen – soll eine Widerspruchsregel eingeführt werden. Danach gälte jeder Verstorbene, der vorher nicht förmlich einer Organentnahme widersprochen hat, als potenzieller Spender.


Das ist der beste Vorschlag, den ich bisher gehört habe. Denn er besagt zweierlei: Zum einen soll die Bundesregierung alles tun, damit sich möglichst alle Bürger zur Frage der Organspende nach ihrem Tod grundsätzlich erklären, zum Beispiel im Personalausweis. Also explizit festhalten, ob sie es wollen oder eben nicht. Derzeit haben gerade mal zwölf Prozent einen Organspendeausweis. Und zum anderen soll man, wenn sich ein Verstorbener nicht dazu geäußert hat, davon ausgehen dürfen, dass die Spendebereitschaft da war. Es sei denn, die Angehörigen widersprechen. Das würde die Zahl der Spender endlich wieder erhöhen.


Wie viele Patienten stehen derzeit auf Ihrer Warteliste für ein neues Herz?

Über 160 Menschen – mit unterschiedlicher Dringlichkeit.


Wie viele von ihnen werden die durchschnittliche Wartezeit von einem Jahr und länger nicht überleben, weil ihr eigenes Herz schon so schwach ist?


Wir müssen von einer Sterblichkeit von 20 bis 30 Prozent ausgehen. Aber zum Glück bleibt als Option auch noch das Kunstherz zur Überbrückung, bis ein Spenderorgan zur Verfügung steht. Wir haben das weltweit größte Kunstherzprogramm. Allerdings haben auch diese trotz allen Fortschritts ihre Risiken. Zum Beispiel, dass sich durch die Technik der Pumpe ein Blutgerinnsel bildet und dieses möglicherweise einen Herzinfarkt oder Hirnschlag verursacht.


In München und anderen Kliniken wird an der Möglichkeit geforscht, Organe von Tieren in Menschen zu verpflanzen. Könnte das die Lösung für das Spenderproblem sein – das Herz eines Schweins, das in einem Menschen schlägt?


Ein schöner Traum, aber auch in den kommenden Jahren wird es wohl nicht möglich sein, ein Tierorgan in einen Menschen zu verpflanzen, das länger als ein paar Monate funktioniert. Wir haben jetzt Daten von Patienten, die seit zehn oder sogar zwanzig Jahren mit einem humanen Spenderherz überleben. Das wird in absehbarer Zeit mit einer Xenotransplantation von Tier auf Mensch nicht erreichbar sein. Und zur Überbrückung, bis ein humanes Spenderherz verfügbar ist, ist das Kunstherz wesentlich besser geeignet. Denn dabei sind die Risiken im Vergleich zur Xenotransplantation – etwa durch den dann nötigen massiven Arzneimitteleinsatz, um Abstoßungsreaktionen zu verhindern – wesentlich geringer.


Die Herzchirurgie gilt vielen Menschen – vielleicht neben der Hirnchirurgie – als Königsdisziplin in der Heilkunde. Wie schwierig ist die Verpflanzung eines Herzens tatsächlich?


Diese Gloriole kommt vom Mythos, den unsere Kultur um das Herz gemacht hat. Chirurgisch ist das eine eher geringe Herausforderung. Die Entnahme und Verpflanzung des Pumpmuskels sind vom Ablauf her sehr standardisierte Verfahren. und folgen einem festgelegten Modus. Der Erfolg der Transplantation hängt daher viel entscheidender vom Zustand des Spenderherzens und dem Gesundheitszustand des Empfängers ab. Und das genau ist das Problem, da neben dem Mangel an Spenderorganen auch deren Zustand eine Verpflanzung immer schwieriger macht. Und da zeigt sich dann der Einfluss von Erfahrung eines Krankenhauses auf den langfristigen Erfolg.


Herzverpflanzungen finden in Deutschland in 24 Kliniken statt. Von diesen führen aber nur sechs mehr als 20 Transplantationen pro Jahr durch. Halten Sie es für gerechtfertigt, Mindestmengen für Organverpflanzungen einzuführen, um durch Erfahrung und Routine den Erfolg einer Transplantation zu sichern?


Ich habe mich nie gegen kleinere Programme bei der Herztransplantation gestellt. Es ist nicht bewiesen, dass in einem Haus, das jährlich nur fünf Verpflanzungen vornimmt, die Ergebnisqualität – also etwa die Langzeitüberlebensrate der Empfänger – schlechter ist. Wegen dieser fehlenden Belege dürfte es schwierig sein, quasi per Anordnung einer Klinik die Herzverpflanzung zu verbieten. Ich sehe da für die kleinen Zentren eher ein ökonomisches Problem. Herzverpflanzungen sind wegen der hohen Anforderungen an Ausstattung und Personal teuer. Und da fragt sich vielleicht der eine oder andere Verwaltungsdirektor, ob sich so ein kostspieliges Miniprogramm lohnt.


Roland Hetzer (64) ist Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin.




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