Interview: "Mündige Bürger sollten sich entscheiden"

Der Transplantationsexperte Wolfgang Schareck über die Bereitschaft zur Organspende

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Herr Schareck, immer wieder ist zu hören, es gebe nicht genug Spenderorgane. Wie steht es um die Spendenbereitschaft in Deutschland?

Der Organmangel ist tatsächlich ein Problem, international. Insgesamt ist die Spendenbereitschaft in Deutschland aber ähnlich hoch wie in anderen Ländern, in denen man einer Organspende zustimmen muss. Es gibt allerdings regionale Unterschiede. Der Nordosten - also Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern – beispielsweise ist eine Region mit einer ausgesprochen hohen Zahl von realisierten Organspenden, die sogar im europäischen Vergleich an der Spitze liegt.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Eine Erklärung ist eine gute Vernetzung der Deutschen Stiftung Organtransplantation und der Transplantationszentren mit den Krankenhäusern in der Region. Durch eine konsequente Einführung von Transplantationsbeauftragten in großen Kliniken sind diese Partner auf eine mögliche Organspende vorbereitet.

Das Problem ist also nicht mangelnde Bereitschaft, sondern die Organisation?

Sowohl als auch. Umfragen zeigen, dass mehr als die 14 Prozent der Deutschen, die einen Spenderausweis haben, tatsächlich bereit sind, Organe zu spenden. Allerdings hat die Ablehnungsquote in den letzten Jahren zugenommen. Heute liegt sie bei rund 40 Prozent, vor rund zehn Jahren waren es noch 30 Prozent. Dabei spielt die Berichterstattung in den Medien eine große Rolle. Sobald es kritische Berichte gibt, geht die Spendebereitschaft zurück.

Haben Sie einen Vorschlag, wie man den Mangel in den Griff bekommen könnte?

Gut wäre, wenn wir auf den geplanten Gesundheitskarten eine Zu- oder Absage konsequent speicherten. Ich wünschte mir von mündigen Bürgern, dass sie sich eindeutig für Ja oder Nein entscheiden. Ein zweiter Vorschlag wäre, flächendeckend in allen Krankenhäusern Beauftragte einzusetzen, die das Problem im Blick haben und darauf hinweisen, wenn jemand als Spender infrage kommt.

Neben Eurotransplant gibt es noch weitere ähnliche Organisationen wie zum Beispiel Scandiatransplant für den nordeuropäischen Raum. Wäre es nicht sinnvoll, die Organisationen zu vereinen, um so die Zahl der vermittelbaren Organe zu steigern?

Es gibt bereits sehr gute Kontakte zu den anderen europäischen Organisationen. Nicht nur Erfahrungen und Informationen werden ausgetauscht, sondern auch Organe, für die in den Ländern kein geeigneter Empfänger gefunden wurde. Wir bemühen uns jedoch, diese internationalen Kontakte weiter auszubauen. Allerdings muss für einen Organaustausch auch immer die Zeit zwischen Entnahme und Einpflanzung berücksichtigt werden. Herzen beispielsweise schafft man nicht in vier Stunden aus den USA über den Atlantik. Länger darf das aber nicht dauern.

In manchen Ländern ist die Organspende so geregelt, dass jeder, der nicht widerspricht, automatisch zustimmt. Hat das Vorteile?

Natürlich. Die Zahl der Spenden ist dort höher. Österreich beispielsweise, das eine solche Regelung hat, hatte 2006 pro Million Einwohner 25 Spender, Deutschland nur 15,3. Der hiesige Ethikrat hat kürzlich noch mal versucht, unsere Gesetze dahingehend zu ändern. Es fehlt allerdings die politische Akzeptanz. Dergleichen wird als Entmündigung der Bürger betrachtet. Die Tatsache, dass wir im Nordosten Deutschlands mit einer guten Infrastruktur aber genauso gute Zahlen erreichen wie in Ländern mit Widerspruchslösung, lässt meines Erachtens eine solche Umstellung zwar wünschenswert, aber nicht zwingend nötig erscheinen.

Ließe sich der Mangel eventuell auch alternativ lösen?

Es gibt ja beispielsweise Experimente mit Schweineherzen. Natürlich wird daran gearbeitet, aber das ist noch ein langer Weg. Auch in der Stammzellenforschung, die eventuell einmal helfen könnte, erkrankte Organe in ihren Funktionen wiederherzustellen, sind wir noch ganz am Anfang. Ebenso haben künstliche Organe heute hauptsächlich nur eine Überbrückungsfunktion. Stichwort Hirntod. Immer wieder wird kritisch gefragt, ob die Diagnose hinreichende Sicherheit bietet. Der Hirntod ist doch nicht von Organtransplanteuren erfunden worden. Neurologen haben festgestellt, dass ein Gehirn, wenn es mehrere Minuten nicht durchblutet wird, nie mehr arbeitet. Ich persönlich glaube, man hat keine bessere Garantie, nicht scheintot begraben zu werden, wenn vorher eine Hirntoddiagnostik durchgeführt wurde.


Wolfgang Schareck ist Professor für Gefäßchirurgie an der Uniklinik Rostock. Er sitzt im wissenschaftlichen Board der Stiftung Eurotransplant, die die Spenderorgane verteilt.



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