Interview: "Lachen ist unser Psychopharmakon"

Demenzkranke wollen nichts anderes als Gesunde – sie wollen nach ihren Vorstellungen leben. Wie das gelingen kann, erklärt Andreas Rath, Vorstandsmitglied der Alzheimer Gesellschaft Berlin.

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Herr Rath, warum bedürfen demenzkranke Menschen einer spezialisierten Betreuung und Pflege?

Demenzkranke Menschen verlieren langsam ihre Denkfähigkeit, leiden an Orientierungsstörungen und können andere psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen, Halluzinationen und Wahnvorstellungen entwickeln. Deshalb brauchen sie ein professionell organisiertes, aber behütendes Umfeld, um den Verlust des Gedächtnisses und des Orientierungsvermögens aufzufangen.


Wie sollten demenzkranke Menschen betreut und gepflegt werden?

Lassen wir Demenzkranke, wie sie sind, lassen wir sie leben, wie sie möchten. Es ist ein anderes Leben als das unsrige. Nach vielen Jahren im Zusammenleben mit Demenzkranken glaube ich, dass wir Gesunden mit unseren oft hierarchischen Strukturen das eigentlich störende Element sind. Ziel ist es, die Demenzkranken in ihrem gewohnten Alltag zu begleiten, eine orientierende und sichere Tagestruktur zu bieten.


Was heißt das konkret?

Diese Menschen streiten miteinander, singen miteinander, reden miteinander, oft ohne, dass wir Gesunden es verstehen. Sie leben ihre Eigenarten aus, sammeln, kramen, summen vor sich hin, sind auch mal wütend, verirren sich in Zeit und Raum. Aber sie respektieren sich in einem sehr großen Umfang des täglichen Lebens.


Was möchten demenzkranke Menschen?

Sie wollen nichts anderes als wir Gesunde – leben nach ihren Vorstellungen. Dies ist sehr oft ganz einfach, ja normal zu bewältigen, seltener kompliziert. Auch Demenzkranke wollen etwas tun, sich beschäftigen. Ein Königsweg ist die Musik, ein anderer der Garten, die Freiheit der Bewegung in geschützter Umgebung. Das Wesentliche ist, dass die Grundstimmung im Umfeld eines Demenzkranken optimistisch und respektvoll, freundlich und gefühlsbetont ist. Optimismus und Lachen sind unsere Psychopharmaka.


Da müssen sie aber viel Zeit für mitbringen.

Das Wichtigste in der Betreuung ist, dass wir für die Menschen individuell Zeit haben. Nicht nur dann, wenn es Krisen gibt. Dass wir Gespräche führen auf ihrem Niveau, in ihrer Biografie, sie in den Arm nehmen, sie drücken und streicheln. Auch die Akzeptanz einer Ablehnung uns gegenüber und unseren so “tollen” Bemühungen. Das Leben in der Demenz definiert sich immer mehr über Gefühle. Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken, oft auch schon eingeschränkt. Wir machen um 11 Uhr unsere Küchentür auf. Dann zieht der Essensgeruch durch das Haus. Das macht Appetit und Hunger.


Wie wichtig ist die Rolle der Angehörigen?

Extrem wichtig! Wer von den Demenzkranken soll denn uns gegenüber seine Interessen vertreten? Die Angehörigen kommen hier her, hören, wie der Ton ist, erleben das Klima im Haus ist, sehen, wie die Bewohner versorgt sind, wie die Haut aussieht und ob das Essen schmeckt. Die Zufriedenheit unserer Angehörigen ergibt sich aus gegenseitigem Respekt, dem Verständnis unsererseits für den Umgang mit erlebten Verlusten, das Auffangen und die Einbeziehung in unser Leben. Und andererseits das Ernstnehmen ihrer Fragen, Hinweise und Kritiken!


Und wie gehen die Familien selbst mit der Demenz ihrer Eltern, Partner oder Geschwister um?

Eine Tochter, die zu Besuch kommt, kann sich mit ihrer Mutter nicht mehr unterhalten. Vielleicht kann sie die noch erkennen. Furchtbar! Aber dann sitzt eine andere Bewohnerin neben ihr, mit der sie sehr wohl noch Worte wechseln kann, die “betuttelt” werden möchte. Die Tochter kommt gleich ganz anders zu ihrer Mutter. Die Hilflosigkeit weicht einer neuen Aufgabe. Sie sieht, dass ihre Mutter gut versorgt ist, streichelt sie, gibt ihr etwas Leckeres, kümmert sich dann aber auch um die andere Bewohnerin. Wir wollen eigentlich kein Pflegeheim sein. Die Angehörigen besuchen ihre Verwandten in deren Wohnung – und hier wird gelebt.


Andreas Rath ist Pflegedienstleiter des Gerontopsychiatrischen Seniorenheimes Splitt-Fennert in Berlin-Charlottenburg und Vorstandsmitglied der Alzheimer Gesellschaft Berlin e. V.




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