Interview: "Geriater werden gebraucht wie Kinderärzte"

Cornel Sieber, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, über die spezielle Altersmedizin

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Herr Sieber, was ist eigentlich Alter?

Eine subjektiv sehr unterschiedlich empfundene Lebensphase, die man nicht allein über das chronologische Alter definieren kann. Laut WHO beginnt sie mit 60 Jahren. Diese Zahl löst in Deutschland regelmäßig einen Aufschrei der Entrüstung aus. Die seit kurzem für Europa gültige Definition der geriatrischen Fachgesellschaften lautet: Mit 65 Jahren fängt das Alter an. Doch es gibt viele Menschen zwischen 65 und 75, die sind noch sehr gut beieinander und fühlen sich nicht alt. Es kann also sein, dass wir die Definition bald auf 70 Jahre heraufsetzen müssen. Doch das ist eigentlich nur eine formale Sache. Als Altersmediziner bin ich für die Menschen zuständig, die gleichzeitig unter mehreren Krankheiten leiden und auf viele Medikamente angewiesen sind. Im Durchschnitt sind meine Patienten 81 Jahre alt, vor sechs Jahren lag dieses Durchschnittsalter noch bei 77. Das ist ein Erfolg. Die Menschen brauchen immer später einen Geriater.


Und was ist altern?

Müsste ich eine kurze Definition dafür finden, würde ich sagen: Das Altern ist eine chronische Entzündung in verschiedenen Organen. Herz-Kreislauferkrankungen sind häufig entzündliche Prozesse, auch die Hirnablagerungen eines Alzheimer-Patienten sind umgeben von Entzündungsherden. Gelenkerkrankungen sind oft mit ebensolchen Abläufen verbunden. Dieser Alterungsprozess beginnt schon ab etwa 40. Dabei spielt die Genetik zwar eine Rolle – aber nur zu einem Viertel. Die restlichen 75 Prozent sind von unserer Lebensweise beeinflusst: Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht oder Einsamkeit beschleunigen das Alter. Wer sich aber regelmäßig bewegt, sich ausgewogen und gesund ernährt und über ein soziales Netzwerk verfügt, hat gute Karten, dass die typischen Altersbeschwerden erst jenseits des 75. Lebensjahres auftreten – und dass er bis dahin auf einen Geriater verzichten kann.


Wieso sind speziell ausgebildete Altersmediziner, also Geriater, nötig ?

Ich könnte zurückfragen: Wozu brauchen wir Kinderärzte? Da würde mancher Mediziner vielleicht auch denken, Kinder sind einfach kleine Erwachsene. Doch das sind sie nicht. Sie mögen ähnliche organische Defizite haben, doch die Auswirkungen auf den kindlichen Organismus können ganz anders verlaufen als bei einem Erwachsenen. Genauso verhält es sich bei einem älteren Menschen. Man sollte speziell ausgebildet sein, um die Zusammenhänge zu verstehen. Ein Geriater muss ganzheitlicher denken, als sich nur auf ein Problem mit einem kranken Organ zu konzentrieren, wie das andere Ärzte tun. Bei einem alten Menschen geht es um die Wiedergewinnung von einem Stück Selbstständigkeit, trotz der Alterserkrankungen, die ihn plagen, und die man nicht einfach organbezogen heilen kann. Ein Mensch hat jahrelang mit den Altersbeschwerden gelebt – und dann kommt plötzlich eine Krankheit hinzu, die ihm die Selbstständigkeit raubt, ein Schlaganfall etwa. Dann geht es dem Geriater zum Beispiel darum, dass der Patient wieder allein die Treppe hochkommt. Deshalb machen Rehabilitationsmaßnahmen auch einen ganz großen Teil der geriatrischen Behandlung aus.


Die Deutschen werden immer älter, Alterserkrankungen nehmen deshalb zu. Wie sieht die geriatrische Versorgung hierzulande aus?

Deutschland hängt im Vergleich zu anderen entwickelten Ländern weit zurück. Hierzulande existieren an den Universitäten eine Handvoll Lehrstühle für Geriatrie, in Italien sind es rund 60. Und es gibt in Deutschland keinen Facharzt für Geriatrie, wie in der Schweiz oder Österreich schon lange üblich, sondern nur eine entsprechende Weiterbildung. Eine Facharztausbildung dauert fünf Jahre plus zwei Jahre Spezialisierung. Die Weiterbildung eines Internisten aber, damit er den Schwerpunktzusatz Geriatrie führen darf, dauert gerade mal 18 Monate. Das ist nicht ausreichend.


Geriater haben es mit schwerkranken Patienten oft am Ende ihres Lebens zu tun. Ist das eine auf Dauer schwere Belastung?

Rein quantitativ haben wir Geriater mehr Sterbende zu betreuen als zum Beispiel Onkologen. Sicher stoßen wir da oft an die Grenzen unserer Arbeit, etwa wenn es um die Entscheidung geht, eine Therapie abzubrechen oder überhaupt noch eine zu beginnen. Deshalb ist es gut, dass Geriater immer im Team mit Kollegen, Pflegekräften und Therapeuten arbeiten. Da kann man vieles besprechen – ebenso natürlich mit der Familie des Patienten. Außerdem gibt es institutionelle Hilfe bei solch schwierigen Entscheidungen wie über einen Therapieabbruch – Ethikkommissionen beispielsweise.


Wie erkennt man gute Qualität in der Geriatrie?

Da gibt es mehrere Indikatoren, die bisher sehr unterschiedlich gewichtet wurden. Bisher haben wir uns zu sehr auf die Strukturqualität konzentriert. Zum Beispiel auf die Personalausstattung. Es existieren ganz klare Empfehlungen, wie viele Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte pro Klinikbett zu beschäftigen sind. Das sind Mindeststandards. Werden diese unterschritten, dann ist das ein schlechtes Zeichen für die Qualität. Schwieriger wird es mit der Ergebnisqualität. Dafür ist die Verbesserung des Barthelindex, der den Grad der Selbständigkeit eines Menschen im Alltag misst, sicher ein guter und leicht zu bestimmender Parameter. Als Orientierung kann man sagen, dass eine Verbesserung des Barthelindex um 25 Punkte ein guter Durchschnitt ist. Aber er wird beeinflusst durch die Patientenzusammensetzung: Werden in der Geriatrie mehr Schwerkranke versorgt oder eher leichte Fälle? Sind es mehr Schlaganfallpatienten, bei denen eine Wiederherstellung der Selbständigkeit schwerer zu erreichen ist oder Patienten mit Brüchen, bei denen das etwas einfacher ist? Einfluss darauf hat auch die Ausstattung der Klinik.


Wie lange bleiben die Patienten im Krankenhaus, gibt es eine angeschlossene Tagesklinik zur ambulanten Nachsorge?

In Berlin existieren zwei Varianten der Geriatrien: einerseits Fachabteilung in einem normalen Akutkrankenhaus, andererseits selbständige geriatrische Fachklinik.


Was ist aus Ihrer Sicht besser?

Die Fachabteilung! Denn nur so wird die Einbeziehung des Geriaters in die Behandlung von Anfang an ermöglicht. Oft kommen die Patienten über die Notaufnahme ins Haus. Wenn eine geriatrische Fachabteilung vorhanden ist, kann neben der Akutversorgungsofort die anschließende Rehabilitationsbehandlung geplant und vorbereitet werden. In eine Fachklinik dagegen werden die geriatrischen Patienten in der Regel erst verlegt, wenn die Klinikbehandlung abgeschlossen ist. Da ist die Koordinierung und Abstimmung des Behandlungsverlaufes wesentlich schwieriger. Eine gut abgestimmte Versorgungskette ist aber gerade bei den schwerkranken älteren Menschen essenziell für die Zurückerlangung der Selbständigkeit.


Cornel Sieber (49) ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie und Inhaber des Lehrstuhls Innere Medizin – Geriatrie am Universitätsklinikum Nürnberg.




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