Interview: "Eine ADHS-Diagnose muss sehr sorgsam gestellt werden"

Der Kinderpsychologe Thomas Jans über Studien, Stimulanzien und weshalb er Eltern mitbehandelt

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Thomas Jans. Foto: privat

Herr Jans, im letzten Jahr hat die Barmer/GEK in ihrem Ärztereport festgestellt, dass die ADHS-Diagnosen zwischen 2006 und 2011 um 42 Prozent gestiegen sind. Andererseits gibt es viele, die erst als Erwachsene die Diagnose bekommen. Was stimmt nun: Wird AD(H)S zu häufig oder zu selten diagnostiziert?

Internationale Studien zeigen, dass rund fünf Prozent der Bevölkerung im Lauf ihres Lebens an ADHS leiden. Vor 20 Jahren war die Versorgung bei uns völlig unzureichend, deshalb ist der Anstieg der Fälle gut zu erklären, und inzwischen ist ja auch ein Plateau erreicht. Eine ADHS-Diagnose muss allerdings sehr sorgsam gestellt werden, denn man kann vieles damit verwechseln.


Zum Beispiel?

Zum Beispiel Verhaltensauffälligkeiten von Kindern, die Probleme in der Familie haben, oder von Schülern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche, die in der Schule nicht gut mitkommen: Ihnen Stimulanzien wie Methylphenidat (Ritalin) zu geben ist nicht gerechtfertigt. Und es wird auch nicht wirken.


Sie erforschen in einer Studie die Behandlung von Kindern mit ADHS und bieten dabei auch betroffenen Müttern Medikamente und Psychotherapie an. Warum?

Studien haben bereits gezeigt, dass ein Elterntraining wirkt: Die Behandlungserfolge bei den Kindern sind meist deutlich. Wir wissen auch, dass Mütter und Väter, die selbst unter ADHS leiden, sich besonders schwer tun, in der Behandlung ihrer ebenfalls betroffenen Kinder am Ball zu bleiben. Deshalb wollten wir untersuchen, was es der Familie im Vergleich zu einer Kontrollgruppe bringt, wenn wir diesen Müttern zusätzlich zum Elterntraining noch eine Behandlung mit Medikamenten und einer intensiven Gruppentherapie anbieten. Die Mütter der Kontrollgruppe bekamen keine Medikamente und keine Gruppentherapie, neben dem Elterntraining aber noch eine regelmäßige Einzelberatung.

Haben sich die Hoffnungen erfüllt? Ging es beiden besser, Eltern und Kindern?

Was herauskam, ist etwas komplizierter: Den Müttern der intensiven Behandlung mit Medikament und Gruppentherapie, von denen übrigens nur jede Zehnte vorher schon irgendwann einmal Medikamente gegen ADHS genommen hatte, ging es nach der Behandlung eindeutig besser. Bei den Kindern zeigte sich hingegen kein Unterschied. Das hat uns überrascht.

Nicht auch enttäuscht?

Nein, enttäuschen konnte es uns schon deshalb nicht, weil in der Kontrollgruppe die Ergebnisse besser ausfielen als erwartet. Allen Kindern ging es nach dem Elterntraining also besser. Wir führen das darauf zurück, dass die Mütter, die an der Studie teilgenommen haben, sehr motiviert waren und ihr Verhalten stark reflektiert haben. Das ist aber nicht immer der Alltag in unseren Kliniken und Ambulanzen: Es gibt auch Familien mit vielschichtigen Problemen, die umfassendere Hilfe brauchen. Zur Behandlung der Schwierigkeiten der Kinder genügt die wirksame Behandlung der Mutter mit ADHS natürlich nicht.

Thomas Jans ist Leitender Psychologe an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Würzburg und erforscht die Behandlung von ADHS bei Kindern.



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