Interview: "Der Schmerz als eigene Krankheit"

Schmerzen können schützen – werden sie chronisch, verlieren sie ihre Warnfunktion. Der Gesundheitberater sprach mit dem Charité-Schmerzexperten Andreas Kopf über Phantomschmerzen, Akkupunktur und die Versorgungslage von chronisch kranken Schmerzpatienten

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Warum haben wir überhaupt Schmerzen?

Normalerweise sind sie sinnvoll und haben eine schützende Funktion: Nach einer Verletzung warnen Schmerzen den Betroffenen. Dadurch soll der Körper auch vor Überbelastung bewahrt werden. Chronische Schmerzen haben diese Warnfunktion verloren, der Schmerz ist zu einer eigenen Krankheit geworden.

Manche Betroffene leiden jahrelang: Wie viele Ärzte hat ein Schmerzpatient im Schnitt besuchen müssen, bis ihm jemand helfen kann?

Dazu haben wir in der Charité eine Untersuchung gemacht: Bei chronischen Rückenschmerzen dauert es zehn Jahre, bei Nervenschmerzen ein Jahr und bei Kopfschmerzen 18 Jahre bis zum Aufsuchen einer spezialisierten Therapieeinheit. Dabei haben Schmerzpatienten bis zur Diagnose oft mehr als acht Ärzte besucht.

Warum ist es so schwierig, bei Schmerzpatienten die richtige Diagnose zu stellen?

Das Problem ist, zwischen normalen und chronifizierten Schmerzen zu unterscheiden, da bei letzteren, also bei einer richtigen Schmerzkrankheit, die meisten normalen Methoden versagen: etwa die gängigen Schmerzmittel oder übliche Krankengymnastik. Bei einer Schmerzkrankheit ist es entscheidend, alle Faktoren zu finden. Dazu gehören biologische, psychische und soziale Ursachen.

Es gibt Menschen, die über Schmerzen klagen in einem Bein, das aufgrund einer Amputation nicht mehr da ist. Woher kommt das?

Ja, Phantomschmerzen. Sie entstehen nicht wirklich am Ort der Amputation, also dort, wo der abgetrennte Körperteil war, sondern im zentralen Nervensystem. Die Nervenbahnen im Rückenmark sind bei Phantomschmerzpatienten sensibilisiert, und im Großhirn hat sich die Zuordnung verschiedener Nervenstrukturen verändert.

Wie werden Schmerzpatienten behandelt?

In der Schmerztherapie werden schulmedizinische und komplementäre Zusatzmethoden gleichermaßen angewandt. Alternative Methoden wie Akupunktur können im Einzelfall helfen. Generell müssen sich Schmerzpatienten aktiv an der Therapie beteiligen. Etwa indem sie etwas über die Zusammenhänge von Körper und Seele lernen. Entspannungsverfahren müssen geübt und als eine Art Hausaufgabe in den eigenen Alltag übersetzt werden.

Ist die Versorgung in Deutschland besser als in vergleichbaren Ländern?

Die Behandlung von akuten Schmerzen nach Operationen und Tumorschmerztherapien ist im Vergleich mit anderen OECD-Ländern etwas besser. Für die Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen kenne ich keine belastbaren Daten, es scheint aber so, als ob die skandinavischen Länder und Österreich hier weiter als Deutschland sind – gerade was die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzten und Kliniken betrifft. Hierzulande läuft die Abstimmung zwischen Arztpraxen, Kliniken und Krankenkassen gerade bei chronischen Krankheitsfällen oft nicht reibungslos.

Wie sieht das bei der Schmerztherapie aus?

Krankenkassen, Ärzte und Kliniken haben bislang nur einzelne Verträge zu einer integrierten Versorgung geschlossen, bei denen die sektorenübergreifende Behandlung geregelt ist. Dazu zählt etwa, dass ein Schmerzpatient von seinem Hausarzt frühzeitig an spezialisierte Zentren zur Früherkennung und Frühbehandlung überwiesen wird.

Hat sich seit der Gesundheitsreform bei der schmerztherapeutischen Versorgung von Patienten etwas geändert?

Da diese Reform ein kontinuierlicher Prozess ist, ist dies nicht pauschal zu beantworten. Für niedergelassene Schmerztherapeuten gab es aber in den vergangenen Jahren eine Honorarkürzung, die eine richtige Schmerzbehandlung kaum attraktiv macht. Daher haben sich einige wieder auf andere Patienten konzentriert. In einigen Bundesländern gibt es inzwischen positive Entwicklungen, insbesondere die Einrichtung der sehr sinnvollen Schmerztageskliniken. Die Ambulanzen der Unikliniken geraten aber unter Druck, da die Behandlungspauschalen unzureichend sind, sie aber wichtige Ratgeber für die niedergelassenen Ärzte sind.

Was kostet eigentlich die Versorgung eines chronischen Schmerzpatienten?

Die Zahlen sind sehr unterschiedlich und schwer nachvollziehbar. Bei einigen Syndromen gibt es aber belastbare Daten: So entstehen bei chronischen Rückenschmerzpatienten jährliche Behandlungskosten von 40 000 Euro. Hinzu kommen indirekte Kosten wie Arbeitsausfall. Jedes Jahr kosten Schmerzkrankheiten in Deutschland schätzungsweise insgesamt mehr als zehn Milliarden Euro.

Wenn Sie in die Zukunft blicken könnten: Wo sehen Sie die Schmerztherapie im Jahr 2030?

In den nächsten Jahren wird sich das Interesse von der bisher eher speziellen Schmerztherapie auf eine allgemeine Schmerztherapie verlagern. Statt immer mehr Spezialisten zu fordern, wird die Gesundheitspolitik versuchen, dass jeder klinisch tätige Arzt das notwendige Rüstzeug erhält, chronische Schmerzen frühzeitig zu erkennen und normale postoperative Tumor- und Nervenschmerzen selbst zu behandeln. Dafür setzt sich auch eine Arbeitsgruppe hier an der Charité ein. Derzeit sind wir dabei, die allgemeine Schmerztherapie im regulären Medizinstudium zu verankern.




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