Hintergrund: Verwahrt statt behandelt?

Zu wenig Personal, zu viele Medikamente – sind psychisch Kranke gut genug versorgt?


KRITIKPUNKT 1: Die Patienten werden zu früh entlassen

Der durchschnittliche Klinikaufenthalt von 20 Tagen sei für eine akute Krise zu kurz, bemängeln Kritiker. Noch vor 15 Jahren habe er bei 69 Tagen gelegen. Um Kosten zu sparen, üben die Krankenkassen viel Druck auf die Kliniken aus, die Verweildauer im Krankenhaus möglichst kurz zu halten. “Aber häufig werden Patienten mit ihrer Psychose viel zu früh wieder entlassen”, sagt Jutta Crämer, Vorstandsmitglied des Landesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker. “Die Behandlungsdauer wird jedem Patienten individuell angepasst”, sagt Joachim Zeiler, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Psychiatrie-Chefärzte in Berlin. Dazu gehöre auch, dass es eine vernünftige ambulante Nachsorge gebe. Aber wenn diese schlecht vorbereitet sei, bestehe ein erhöhtes Rückfallrisiko.


Deshalb gehen seit Jahren zwar die Verweildauern runter, die abgerechneten Fälle steigen jedoch – durch die Wiederaufnahmen. “Die Zahl der behandelten Patienten bleibt also gleich”, sagt Erdmann Fähndrich, ehemaliger ärztlicher Direktor des Vivantes Klinikums Neukölln. So kämen zum Beispiel Suchtkranke mehrfach zum Entzug. Während eine solche Behandlung heute sieben bis zehn Tage dauert, lag der Standard früher bei drei Wochen. “Es wird nicht ausreichend lange behandelt”, sagt Fähndrich.


KRITIKPUNKT 2: Es gibt nicht ausreichend Personal auf den Stationen

In den meisten Kliniken wird die Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV), die bundesweit den Personalbedarf in der Psychiatrie regelt, nicht eingehalten, sagt Reinhard Wojke, Vorstandsmitglied der Berliner Organisation Psychiatrie-Erfahrener (BOP&P). Dadurch blieben die Patienten sich selbst überlassen.


“Tatsächlich wird die PsychPV im großen Stil unterlaufen”, sagt Zeiler. “Dabei ist die PsychPV ebenso wie die Straßenverkehrsordnung eine Verordnung mit Gesetzeskraft.” Doch im Gegensatz zur StVO wird eine Verletzung der Personalverordnung nicht sanktioniert – kein Bußgeld, kein Strafzettel. “Entscheidend ist doch, dass die Verordnung eine Patientenschutzverordnung ist”, sagt Fähndrich. Sie legt in Minuten fest, wie viel Therapie jedem Patienten zusteht. Ein akut psychisch Kranker hat pro Woche Anspruch auf 207 Minuten Arbeitszeit eines Arztes. Jedoch entsprechen diese Mindeststandards nicht dem heutigen Bedarf. Die Ärzte verbringen aufgrund der Bürokratisierung des Medizinsektors immer mehr Zeit mit administrativen Aufgaben – und haben laut Fähndrich bis zu 30 Prozent weniger Zeit für ihre Patienten. “Daher ist das Gefühl vieler Kranker, dass sie in der Psychiatrie mehr verwahrt als behandelt werden, sicher richtig.”


Ein zusätzliches Problem vieler Krankenhausträger ist die Querfinanzierung: “Die Erlöse aus der Psychiatrie werden nicht verwendet, um ausreichend Personal zu finanzieren, sondern fließen in eine andere Fachabteilung”, sagt Fähndrich. Am meisten wird beim Pflegepersonal gespart. Dabei laufen in der Psychiatrie 80 Prozent der Kontakte der Patienten über die Pfleger.


KRITIKPUNKT 3: Zu viele Medikamente, zu wenige Gespräche

Das Dauerthema der Psychiatrie-Kritiker ist der Umgang mit Psychopharmaka. Diabetes, Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen – die Nebenwirkung etwa von Neuroleptika, die zur Behandlung von Schizophrenien eingesetzt werden, sind erheblich. Ebenso die Kosten, die dadurch entstehen. “Außerdem kann es nicht heilsam sein, einen Menschen lebenslang ruhig zu stellen”, sagt der Psychiatrie-Erfahrene Wojke. Man bewege sich wieder auf die “sprachlose Psychiatrie” zu, in der nicht mit, sondern über die psychisch Kranken gesprochen werde.


“Die Einführung moderner Psychopharmaka ist für viele Patienten ein Segen”, sagt Zeiler. Dank ihrer können heute schwer kranke Menschen in einem – wie auch immer eingeschränkten Maße – am alltäglichen Leben teilnehmen. Das ist laut Zeiler häufig nur durch eine langjährige prophylaktische Behandlung möglich. Dafür müssten Nebenwirkungen in Kauf genommen werden.

Aber werden in der Psychiatrie zu viele Medikamente verabreicht und zu wenige Gespräche geführt? “Ich würde nicht ausschließen, dass es die Tendenz gibt, in Fällen akuter Erregungszustände zu hoch zu dosieren”, sagt Fähndrich. Unbestritten ist hingegen die Tatsache, dass je schwerer ein Patient erkrankt ist, er desto mehr Medikamente braucht. “Für jemanden in einem erregten Wahnzustand kann ein fünfminütiges Gespräch Psychotherapie genug sein – mehr würde er nicht ertragen”, sagt Zeiler. Es gäbe keinen goldenen Standard von 50 Minuten, wie es etwa in ambulanten Psychotherapien der Fall ist. Aber bei personeller Unterversorgung besteht die Gefahr, dass es schneller zu einer Eskalation kommt –und dann mehr Psychopharmaka eingesetzt werden.


Gelegentlich werden Patienten in ihrem Bett festgebunden, vor allem dann, wenn sich jemand selbst oder andere gefährdet. Diese Fixierung ist für viele Patienten eine schreckliche Erfahrung. Einige verstehen nicht, dass dies nicht zu ihrer Bestrafung, sondern zu ihrer Sicherheit erfolgt. Deswegen ist es wichtig, danach darüber zu sprechen. Aber auch das hängt oft von den personellen Kapazitäten ab. “Außerdem hat jeder fixierte Patient ein Recht auf persönliche Betreuung”, fordert Fähndrich. Dieses Recht – zum Beispiel auf eine Sitzwache – müsste im Gesetz für psychisch Kranke (kurz: PsychKG) verankert werden.


KRITIKPUNKT 4: Die Kliniken sind nicht gut vernetzt

In vielen Fällen fehlt bei der stationären Entlassung die erforderliche zeitnahe Vernetzung mit dem ambulanten Bereich. Kritiker behaupten, es gebe zu lange Wartezeiten und zu wenig Austausch zwischen den Kliniken und niedergelassenen Fachärzten. “Die Berliner Verhältnisse sind relativ günstig”, findet Zeiler. Die Kliniken seien gut vernetzt mit zahlreichen komplementären Diensten: Kontakt- und Beratungsstellen, betreute Wohnprojekte und Tagesstätten. Chronisch kranke Patienten werden in der psychiatrischen Institutsambulanz oder in der Tagesklinik weiterhin versorgt. Jedoch gibt es Probleme im Bereich der niedergelassenen Ärzte.


KRITIKPUNKT 5: Die Angehörigen werden selten mit einbezogen

Der Angehörigenverband kritisiert, dass Familienmitglieder vom behandelnden Arzt nicht ausreichend informiert werden. Oft werde die ärztliche Schweigepflicht als Stoppschild vorgehalten. Jedoch leiden Angehörige sehr unter der psychischen Erkrankung eines Familienmitgliedes. 65 Prozent der Angehörigen sind aus Überforderungsgründen selbst behandlungsbedürftig. Tatsächlich wollen viele Patienten nicht, dass ihre Familie von ihren psychischen Problemen erfährt. “Doch die Vorwürfe stammen aus der Zeit, in der die Angehörigen – vor allem die Mütter der Betroffenen – auf der Anklagebank saßen”, sagt Zeiler. Die Angehörigenarbeit sei aufwendig und scheitere oftmals an den Zeitressourcen. Zudem ist der Dialog zwischen Arzt und Familie nicht immer leicht. Viele Angehörige meinen, etwas falsch gemacht zu haben. Diese Schuldgefühle zu verarbeiten, erfordert laut Zeiler, viel Geschick – und Zeit.




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