Hintergrund: Therapiehunde - geduldig und gehorsam

Therapiehunde können Demenzkranken helfen ihr Gedächtnis zu trainieren und ihre Lebensfreude zu wecken. Dazu müssen die Tiere jedoch sehr geduldsam und diszipliniert sein.

Therapiehunde können Demenzkranken helfen ihr Gedächtnis zu trainieren und ihre Lebensfreude zu wecken. Dazu müssen die Tiere jedoch sehr geduldsam und diszipliniert sein.


Timber schnüffelt neugierig auf dem Boden. Um ihn herum sitzen neun Bewohnerinnen des Seniorenzentrums Bethel in Friedrichshain-Kreuzberg. Der zweijährige Elo-Rüde, eine Neuzüchtung, kennt seine Aufgaben. Timber ist ein Therapiehund. Er hat ein schwarz-weiß-braun geflecktes Fell und einen buschigen nach oben stehenden Schwanz. Und er befolgt haargenau die Befehle von Lutz Hemke, Geschäftsführer von Little Big Dogs.


Ohne Lekerli keine Arbeit

Der 40 jährige Tierpsychologe hat ein freundliches Gesicht, trägt eine Brille und kurz geschnittene Haare. Er begrüßt die Teilnehmer einzeln per Handschlag, guckt ihnen in die Augen. Hemke fragt jede Bewohnerin, ob der Hund ihre Hand abschlecken darf. Ohne Leckerli arbeitet auch der beste Therapiehund nicht, denn eigentlich bedeuten viele fremde Menschen für die Tiere immer Stress, sagt Hemke. Damit Timber seine Begrüßung schleckt, zieht der Kynotherapeut, wie Führer von Therapiehunden auch genannt werden, jeder Frau eine dünne Linie Käsecreme aus der Tube auf die Handfläche.

Monika Müller, eine 78-jährige Frau mit langen schneeweißen zusammengesteckten Haaren, sitzt im Rollstuhl. Sie wirkt angespannt und guckt zunächst den schwanzwedelnden Hund skeptisch an. “Beißt der?”, fragt sie vorsichtig. Hemke geht behutsam auf Monika Müller zu und versichert ihr, dass sein Hund ein menschenfreundliches Tier sei. Schon während sich Timber ihr ohne Vorbehalte nähert und ihre Hand ableckt, entspannt sich ihr Gesichtsausdruck.

Ihre Nachbarin Uschi Haller kann es kaum erwarten, dass ihre linke Hand von Timber abgeschleckt wird. “Nun beeil Dich”, sagt sie forsch. Ihre Ungeduld weicht erst, als Timber sich ihr zuwendet. “Mensch, ick könnt Dir knuddeln”, sagt die 72-Jährige freudig und streichelt das Tier mit ihrer rechten Hand.


Viel Therapiehunden wird viel Disziplin verlangt

Rüde Timber muss nicht nur Befehle genau befolgen und geduldig auf ihre zweibeinigen Begleiter warten, sondern er muss auch damit umgehen können, versehentlich getreten zu werden. Würde er bei ungeschickten Bewegungen alter Menschen aggressiv werden, wäre er als Therapiehund ungeeignet. Schließlich soll er Heimbewohnern helfen, zu sprechen, ihr Gedächtnis zu trainieren, ihre Lebensfreude zu wecken.

Doch in der Runde sitzen nicht nur hellwache Heimbewohner. Einige sind bereits an Demenz erkrankt. So wie Hannelore Busch. Ihr Kopf ist halb zur Seite gekippt und wirkt abwesend. Therapeut Hemke nimmt Buschs Hand und spricht mit ihr, sagt, dass Timber ein kuscheliger Zeitgenosse ist. Erst als sie ihre Hand in das Fell führt, wird ihr Gesicht lebendig. Gekonnt und länger als ihre Mitbewohnerinnen streichelt sie Timber, so als ob sie nicht mehr damit aufhören möchte.

Bei einer Hundetherapie wird der Vierbeiner als eine Art Medium verwendet, das motivierend wirkt. Entweder um die verbliebenen Fähigkeiten der Bewohner zu erhalten oder sogar zu verbessern. Denn wenn eine Bewohnerin kaum noch spricht, können Hunde helfen, dass sie sich für Angehörige und Pfleger wieder öffnet. “Die pflegebedürftigen Menschen wissen, was sie mit einem Hund machen müssen: streicheln, füttern und spielen”, sagt Hemke. “Sie geben sich dabei maximale Mühe, was sie für einen Menschen oft nicht mehr machen würden.”


Die Hundetherapie ist in Deutschland nicht anerkannt

Viele Heime nutzen Tierbesuchsdienste, um ihren Bewohnern angenehme Momente zu verschaffen. Hundetherapie in Kleingruppen ist aber in Deutschland keine anerkannte Therapieform wie etwa Ergo- oder Logopädie. In der Tat könnte jeder mit einem Hund die Bewohner in Pflegeheimen besuchen, sagt Hemke und ärgert sich.

Nach einer halben Stunde riecht der Gemeinschaftsraum im dritten Stock des Heims nach Trockenfutter, das Timber während der Übungen mit den Bewohnern – wie etwa die Befehle “Sitz” und “Platz” geben – gefressen hat.

Hertha Ball ist die letzte in der Runde. Die 72-jährige Frau hat ein gütiges Gesicht, sonnengebräunte Haut, trägt einen pinken Schal. Früher, sagt sie, hatte sie einen lustigen und schlauen schwarzen Pudel, der konnte mit einem einzigen Sprung auf die Klinke eine geschlossene Tür öffnen. “Die Hundetherapie könnte ruhig öfter stattfinden”, sagt sie schmunzelnd.



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet