Hintergrund: Streit um das bessere Hormon

Gerade bei Kindern sei Analoginsulin besser als Humaninsulin, meinen Ärzte. Andere sind skeptisch und halten die Studienlage für zu dünn.


Ohne dieses Medikament drohen jedem Zuckerkranken schwere Gesundheitsschäden und sogar der Tod: künstliches Insulin. Früher mussten sich Diabetiker Schweineinsulin spritzen, an dessen Stelle trat das ­Humaninsulin, das aus gentechnisch veränderten ­Mikroorganismen gewonnen wird.


Die neueste Generation der ­Präparate sind die sogenannten Insulinanaloga, die ebenfalls gentechnisch hergestellt werden. Die Struktur des Hormons wurde dabei chemisch so variiert, dass dessen Wirkung rascher eintritt und gleichzeitig kürzer anhält. Diese deshalb kurzwirksam genannten Insulinanaloga sollen die Blutzuckerschwankungen durch das ­Essen besser ausgleichen können. Das ist besonders für Typ-1-Diabetiker von Vorteil, die kein eigenes Insulin bilden können. Denn bei ihnen sind heftige ­Ausschläge im Blutzuckerspiegel häufiger als bei Typ-2-(Alters-)Diabetikern.


Kölner Studie: Neues Insulin nicht wirksamer als bisherige Stoffe

Doch genau diese Vorteile sind umstritten. Und zwar so heftig, dass Insulinanaloga für Erwachsene von den Krankenkassen bald nicht mehr bezahlt werden sollen. Nun könnten sie auch für Kinder und ­Jugendliche aus dem Leistungskatalog der Kassen verschwinden, ­fürchten Selbsthilfegruppen und Mediziner. Grundlage ist ein Gutachten des Kölner Instituts für­­ ­Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Das ­Institut wertete mehrere Studien aus, um zu untersuchen, ob die kurzwirksamen Analoga einen Vorteil gegenüber den Humaninsulinen haben – entweder in ihrer Wirkung oder in Form einer ­höheren Lebensqualität, weil die ­Medikamente leichter zu handhaben sind.


Das ­Ergebnis: Es ­gebe keine ­Belege dafür, dass die Analoga überlegen sind. Es gibt aber auch ­keine dagegen, denn die Studienlage ist dünn. Deshalb ­müsse die Frage offenbleiben, ob eine Langzeitbehandlung mit den neuartigen Mitteln im Vergleich zu den ­Humaninsulinen besser ist. Ob sie ­also das Risiko von Folgeschäden des Diabetes verringerten, Krankenhausaufenthalte vermieden oder ob sie die ­Lebensdauer der ­Kranken beeinflussten, so das IQWIG in ­einer Patienteninformation.


Ministerium: Vergleichsweise geringe Ersparnis

Trotz dieses vagen ­Ergebnisses fürchten Diabetologen nun, dass der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen, der unter anderem über die Verschreibungs­fähigkeit von Arzneien für ­gesetzlich Versicherte entscheidet, beschließen könnte, die Erstattung der Kosten für die Insulinanaloga zu streichen. Dann müssten die meisten Betroffenen auf Humaninsulin umgestellt werden oder die Analoga selbst bezahlen. Im Dezember 2010 will sich zunächst ein Untergremium des Bundesausschusses damit beschäftigen, bevor dann – wahrscheinlich erst 2011 – der Gemeinsame Bundesausschuss entscheidet.


Hintergrund ist die Geldfrage. ­Eine Tagesdosis Humaninsulin ist im Schnitt 30 Prozent günstiger als die Analoga. Das sind täglich 50 Cent, hat das Bundesgesundheitsministerium ausgerechnet. Von 25?000 an ­Diabetes Typ 1 erkrankten Kindern in Deutschland verwenden rund 13?000 die Insulinanaloga. Die Mehrkosten liegen bei rund 2,4 Millionen Euro. Das Ministerium bezeichnete die Ersparnis als “vergleichsweise gering” und forderte im Jahr 2008 vom Bundesausschuss, für Patienten unter 18 Jahren die Erstattung für die Präparate beizubehalten.


Kinderdiabetologen: kurzwirksame Insulinanaloga besser geeignet

Das Ministerium tat das auch, weil die Einsparung mit einem massiven Eingriff in die Therapie von Kindern verbunden wäre. Denn von ihnen könne man nur schwer Diättreue und Einhaltung genauer Essenszeiten verlangen wie von Erwachsenen. “Kinder wollen ­zwischendurch auch mal naschen”, sagt Thomas Danne, Kinderdiabetologe und Präsident der Deutschen Diabetesgesellschaft. Für die ­Lebenssituation von Kindern seien die kurzwirksamen Insulinanaloga viel besser geeignet: “Sie sind näher dran an der Insulinwirkung beim gesunden Menschen und machen Komplikationen wegen einer Unter- oder Überzuckerung weniger wahrscheinlich.”


Gerade in den vergangenen Jahren habe man festgestellt, dass immer mehr junge Diabetespatienten sehr gut medikamentös eingestellt seien und Komplikationen seltener werden, so Danne, der auch Vorstandsvorsitzender von ””diabetes?DE(diabetesDE) ist, einem Dachverband von Fachärzten, Wissenschaftlern und Patientengruppen: “Wenn sich der Gemeinsame Bundesausschuss tatsächlich gegen die Erstattungsfähigkeit der ­Insulinanaloga bei unter 18-Jährigen entscheidet, ­wäre das eine massive Gefährdung dieses Erfolges.”




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