Hintergrund: Schrittmacher fürs Gehirn

Dr. Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Hilfe für Parkinsonkranke


Die Zeichen der Krankheit von Papst Johannes Paul II. waren unübersehbar. In seinen letzten Jahren litt er deutlich an der Parkinson-Krankheit, der Schüttellähmung. Sie beugte seinen Körper, verlangsamte ihn, machte die Muskeln wächsern und ließ die Hände zittern. Bis heute gibt diese Krankheit Rätsel auf, und noch immer lässt sie sich nicht heilen. Doch hat in den letzten Jahren eine neue, viel versprechende Behandlung an Boden gewonnen: der Hirnschrittmacher.

Die Ursache der Bewegungsstörungen bei der Parkinson-Krankheit ist das Absterben derjenigen Nervenzellen im Mittelhirn, die Dopamin bilden. Sie liegen in einem Gebiet, das mit der Feinsteuerung von Bewegungen betraut ist.


Dabei ist der Botenstoff Dopamin wichtig. Die Mediziner sprechen vom extrapyramidal-motorischen System. Solange es funktioniert und unsere Bewegung harmonisch dirigiert, nehmen wir es nicht wahr. Erst der Mangel an Dopamin bringt es aus dem Takt. Die Folge sind Muskelstarre, Zittern, Bewegungsarmut und verlangsamte geistige Prozesse.


Über einen langen Zeitraum lassen sich die Krankheitszeichen gut behandeln. Mit Medikamenten versucht man, den Mangel an Dopamin auszugleichen. Allerdings lässt die Wirkung mit den Jahren nach, und Nebenwirkungen der Arzneimittel machen den Kranken das Leben schwer.

Deutsche Mediziner haben nun bewiesen, dass ein Hirnschrittmacher Menschen mit fortgeschrittener Parkinson-Krankheit helfen kann und der Behandlung mit Medikamenten häufig überlegen ist. Die Ärzte, die ihre Ergebnisse im Fachblatt “New England Journal of Medicine” veröffentlichten, behandelten knapp 160 Patienten entweder mit Hirnschrittmacher oder mit Arzneitherapie.


Nach einem halben Jahr zogen die Mediziner Bilanz. Sie stellten fest, dass die Patienten mit Hirnschrittmacher überwiegend mobiler waren, den Alltag besser bewältigten und sich seelisch und körperlich wohler fühlten. “Die Lebensqualität wurde um 30 Prozent gesteigert”, sagt Andreas Kupsch von der Berliner Uniklinik Charité, einer der beteiligten Wissenschaftler. “Manche Patienten fühlen sich um Jahre zurückversetzt, als ihre Krankheit noch nicht so fortgeschritten war.”


Allerdings ist die Operation kein Pappenstiel, und sie dauert acht bis zehn Stunden. Die Hirnschrittmacher sind zwei dünne isolierte Drähte, die von beiden Seiten über kleine, knopflochgroße Öffnungen in der Schädeldecke bis zu dem betroffenen Hirngebiet vorgeschoben werden. Hier wird millimetergenau ausgetestet, wo der Draht liegen muss, damit er die Parkinson-Symptome unterdrücken kann. Ein Risiko des Eingriffs sind Blutungen; einer der 76 Operierten starb daran.


Warum die Hirnstimulation die Symptome unterdrücken kann, ist ungeklärt. “Der Schrittmacher bringt das aus dem Takt geratene Gehirn wieder in den richtigen Rhythmus”, umschreibt Kupsch die Wirkung. Jetzt wollen die Mediziner erforschen, ob die Behandlung auch schon in früheren Stadien sinnvoll ist.




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