Hintergrund: Rebellion gegen die eigene Therapie

Diabetes erfordert Diszi­plin, sonst drohen langfristig Schäden. Doch das fällt vielen Patienten schwer.

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Warum ist es so wichtig, dass sich Zuckerkranke an die Therapiepläne halten?

Diabetes, das ist ein Dilemma: Kein Mensch hat Lust, sich ständig mit seiner Krankheit zu beschäftigen und täglich daran erinnert zu werden. Doch genau das verlangt die Zuckerkrankheit: Man muss sich täglich mehrfach mit ihr beschäftigen, muss Broteinheiten berechnen, muss den Blutzucker messen, muss sich Insulin spritzen. Man will das alles vergessen, darf es aber nicht. Und doch tun es viele Patienten und riskieren damit langfristig ihre Gesundheit.


Welche Spätfolgen können bei Diabetes auftreten?

Durchblutungsstörungen und Nervenschäden sind häufige Folgeerkrankungen. Bei einer schlechten Insulintherapie verschließen die Blutgefäße aufgrund von Stoffwechselprodukten schneller als bei anderen Menschen. Geschädigte Nervenbahnen führen dazu, dass viele Diabetiker vor allem in den Füßen weniger empfindsam werden und Gefahr laufen, dort an schweren Infektionen zu erkranken. Auch leiden Diabetiker an einem erhöhten Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko.


Wie können sich Betroffene ­gegen die Spätfolgen schützen?

Der beste Schutz sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Für Patienten mit Diabetes gibt es seit 2002 Programme von Krankenkassen zur verbesserten Behandlung über die Grenzen von Krankenhaus und Arztpraxis hinaus, die sogenannten Chronikerprogramme. Der Programmablauf wird von einem Arzt koordiniert, der auch die Krankenakte des Patienten pflegt. Ersten Studien zufolge sind schwere Folgeerkrankungen deutlich zurückgegangen. Die Deutsche Diabetesgesellschaft geht davon aus, dass in den vergangenen fünf Jahren halb so viele Beinamputationen wegen schwerer Durchblutungsschäden bei Diabetikern notwendig wurden.


Warum lehnen gerade Jugend­liche ihre Behandlung ab?

Diabetes ist psychisch und sozial für die Betroffenen eine Herausforderung, gerade in der Pubertät und nach dem Schulabschluss. In dieser Zeit kommt es häufiger zu Stoffwechselentgleisungen, wenn die Insulintherapie zu stark vernachlässigt wird. Denn die Behandlung nervt, weil sie auf den Partys Spontaneität und Freiheit beschneidet.


Einige der jungen Patienten nehmen deshalb in dieser Phase das Spritzen nicht mehr so ernst. “Es gibt junge Erwachsene, die versuchen sich einfach durchzumogeln”, sagt Wolfgang Kohn, Diabetologe an einem Medizinischen Versorgungszentrum in Charlottenburg. Da fehlten Laborwerte, ganze Krankenakten, was die Behandlung sehr erschwere. Wichtig seien deshalb vor allem Gespräche mit Therapieverweigerern. “Oft haben Jugendliche sich selbst und ihre Erkrankung noch nicht akzeptiert. Schließlich sind sie, wie alle anderen auch, zunächst einmal Rebellen.”


Wie kann man Jugendlichen den Umgang mit ihrer Krankheit erleichtern?

Die Ärzte können sich auf ein ausgeklügeltes System stützen, um Patienten zu motivieren, oder wie es Ärzte nennen, die Therapietreue zu stärken. In Schulungen sollen die Patienten lernen, die Krankheit in ihren Alltag zu integrieren. Die Spezialpraxen engagieren Berater, die mit Patienten reden, ihnen die Techniken erläutern. Aber das Gesundheitssystem macht es den Heranwachsenden nicht gerade leicht. Wurde der Diabetes im Kindesalter entdeckt, werden die Patienten oft jahrelang von einem Kinderdiabetologen betreut.


Doch mit der Volljährigkeit muss ein “Erwachsenenarzt” an dessen Stelle treten. Das kann durchaus ein Therapiebruch sein. Dann beginnt die Suche nach einem Vertrauensverhältnis von Neuem. “Wir können niemanden zwingen, sein Insulin zu nehmen und sich regelmäßig kontrollieren zu lassen”, sagt der Diabetologe Kohn. Ärzte können ihren Patienten nur immer wieder ein Angebot machen. Kohn nennt es “einen Minimalvertrag aushandeln”. Dabei geht es dem Arzt vor allem darum, dass der Kranke seine Blutzuckerwerte langfristig misst und erfasst, denn der gebe Aufschluss über den Erfolg einer Therapie. Auch der technische Fortschritt hilft. Insulinpumpen würden gerade von den ­Jugendlichen gut angenommen.




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