Hintergrund: Neue Offenheit in der Psychiatrie

Mit welchen Kriterien der Klinikführer Berlin die Psychiatrien der Stadt vergleicht


Das Bild eines schwarzen Loches wäre sicher übertrieben, wenn man über Berlins Psychiatrien spricht. Aber sicher ist auch, dass dieser Klinik-Bereich oft deshalb unter einem schlechten Ruf leidet, weil wenig über ihn bekannt ist. Selbst dem Senat fehlten einige Fakten, sagt der zuständige Landesbeauftragte Heinrich Beuscher. So habe man keine detaillierten Informationen über die Ausstattung der einzelnen Psychiatrien mit Personal. Genausowenig wie über die diversen Formen der Kooperationen, die die Kliniken eingehen, oder über deren Angebote, mit denen die die Angehörigen von Patienten in die tägliche Arbeit einbeziehen.


Im Rahmen des “Klinikführer Berlin” werden die Erwachsenenpsychiatrien der Stadt tabellarisch einander gegenübergestellt. Wir haben dafür drei Krankheitsbilder ausgewählt, die besonders häufig in den Psychiatrien behandelt werden müssen: Depressive Störungen, Schizophrenie und Suchterkrankungen. Und wir haben dafür auch einige der vom Landespsychiatriebeauftragten genannten Parameter herangezogen, für die die Chefärzte und Klinikleitungen bereitwillig Daten zur Verfügung stellten. Der vorliegende Vergleich ist ein Einstieg. Sicher gibt es noch vieles zu verbessern. Und das werden wir für künftige Projekte auch berücksichtigen. Die Diskussionen mit den Krankenhäusern gehen also weiter. Folgende Indikatoren werden erfasst:


Patientenzahl

In den Berliner Erwachsenenpsychiatrien wurden im Jahr 2007 rund 40.000 Patienten stationär versorgt. Diese Zahlen steigen. So verdoppelte sich im St. Joseph-Krankenhaus in Weißensee von 2006 auf 2007 die Zahl der vollstationären Patienten von 2040 auf 4058. Die Ärztliche Direktorin des Hauses, Iris Hauth, spricht von einem “enormen Aufnahmedruck”, der auf der Klinik laste.


Viele Kranke kommen ohne Überweisung eines niedergelassenen Arztes selbst in die Kliniken und bitten um Behandlung. Chefärzte beziffern diese Selbsteinweisungsquote auf bis zu 90 Prozent bei bestimmten Indikationen, wie zum Beispiel Suchterkrankungen oder Depressionen.


Aber nicht alle Betroffenen können von dem Recht der freien Arztwahl – die auch für Psychiatrien gilt – Gebrauch machen. Denn ihnen fehlt die Fähigkeit, eine solche Entscheidung selbstverantwortlich treffen zu können. Deshalb kommen viele Patienten per Überweisung, entweder durch niedergelassene Psychiater oder über die vielen Hilfseinrichtungen für Menschen mit psychischen Problemen. Viele Patienten konnten in der Übersicht bisher noch nicht berücksichtigt werden. Das gilt besonders für die kinder- und jugendpsychiatrischen oder die gerontopsychiatrischen Abteilungen der Kliniken.


Versorgungspflicht

Die so genannten versorgungspflichtigen Kliniken müssen jeden Patienten, der in ihrem Bezirk wohnt, aufnehmen. Sie werden deshalb in unserer Tabelle extra gekennzeichnet.


Personalausstattung

Die Anzahl der Patienten, die eine Schwester oder ein Arzt im Laufe des Jahres versorgen müssen, kann eine Orientierung dafür sein, ob genug Personal in der Abteilung zur Verfügung steht. In psychosomatisch orientierten Abteilungen, wie in der zu den DRK-Kliniken gehörenden Wiegmann-Klinik, sind die Behandlungszeiten der aufgenommenen Patienten eher länger, weshalb im Laufe eines Jahres dort weniger Patienten behandelt werden können. Deshalb ist hier das Verhältnis von Fallzahl zur Personalausstattung niedriger als in anderen Psychiatrien. Manche Kliniken, die jährlich sehr viele Patienten durchschleusen, meinen dagegen, sie würden eben schnell und effektiv behandeln und könnten so die Patienten nach kürzerer Zeit wieder in ihr gewohntes Umfeld entlassen.


Kooperationen

Wir haben abgefragt, wie eng die Kooperation mit Selbsthilfegruppen, Angehörigeninitiativen und mit ambulanten psychiatrischen Angeboten ist. Diese Angaben der Kliniken wurden von der Redaktion stichprobenartig überprüft, so etwa in den Kooperationsverträgen und Wochenplänen der Psychiatrien.


Ärztebefragung

Hierbei geht es nicht um die Abfrage der Empfehlungen für planbare chirurgische Eingriffe, wie in den anderen Kapiteln des Klinikführers. Sondern eher um die Erfahrungen, die die Ärzte und Therapeuten, die zum Teil Patienten nach dem Klinikaufenthalt weiterversorgen, gemacht haben.


Viele Ärzte und Therapeuten haben uns dazu gern Auskunft gegeben. Dafür unser Dank!




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