Hintergrund: Krebs-Operation mit dem Roboter namens Da Vinci

Die so genannte roboter-assistierte Prostataentfernung ist ein recht junges Operationsverfahren, von dem sich Chirurgen erhoffen, dass es die Vorteile der offenen Operationen mit denen der minimalinvasiven Eingriffe kombinieren kann


Um eine vom Krebs befallene Prostata aus dem Körper eines Patienten zu entfernen, müssen Chirurgen heute nicht mehr zwingend selbst ein Skalpell in die Hand nehmen, sie müssen dabei nicht einmal mit am OP-Tisch stehen – sie können auch Meter weit entfernt sitzen und Joysticks bewegen. Steffen Weikert, stellvertretender Klinikdirektor der Urologie der Charité Mitte, bedient an einer Konsole “zwei High-Tech-Joysticks” – zwei Meter vom eigentlichen OP-Tisch entfernt. Mit den Bedienhebeln kontrolliert er einen OP-Roboter. Der US-amerikanische Hersteller nennt ihn “da Vinci”, in Anlehnung an die frühen Baupläne für “mechanische Ritter”, die Leonardo Da Vinci im 15. Jahrhundert entworfen hatte.


Im Bauch des Patienten versenken sich die Roboterarme

Sahen die Pläne des Konstrukteurs der frühen Neuzeit noch Ritterrüstungen für die Maschinen vor, tritt der moderne Da Vinci in einem deutlich futuristischeren Stil auf: Der Roboter hängt über dem Patienten wie eine Spinne, seine angewinkelten Arme versenkt er in dem Bauch des Patienten.


Chirurg Weikert steuert zeitgleich zwei der drei Arme des Roboters, an deren Spitze zwei Zangen und eine Stereokamera montiert sind. Unterstützt von einem Computer, der große Handbewegungen des Operateurs in kleine Bewegungen der Operationsinstrumente herunterrechnet, kann der Chirurg mit den kleinen Scheren sehr feine Schnitte ausführen. Darüber hinaus ermöglicht ihm der Roboter, die Instrumente um ihre eigene Achse rotieren zu lassen, anstatt sie nur hin- und herzudrehen, wie es bei der durch die menschliche Anatomie begrenzten Handumdrehung möglich ist.


Mit einem Pedal kann Weikert die Steuerung so umschalten, dass er mit dem Joy-Stick die Kamera am dritten Roboterarm bedient. Diese liefert ihm über zwei Linsen ein dreidimensionales Bild des Körperinneren, das stufenlos vergrößert werden kann.


Schlüsselloch-OPs sollen verbessert werden

Die Technik des OP-Roboters soll die Nachteile der herkömmlichen “minimal-invasiven” Operationsverfahren beheben. Bei diesen auch Schlüsselloch-Operationen genannten Eingriffen führen Chirurgen über meist nur ein Zentimeter kleine Hautschnitte langstielige Operationsinstrumente in den Körper ein. Diese Methode verspricht dem Patienten wenig Blutverlust, kleinere Narben und einen kürzeren Krankenhausaufenthalt. Für den Chirurgen bedeutet sie jedoch, sich mit einer zweidimensionalen Sicht in das Körperinnere begnügen zu müssen. Zudem wird dem Mediziner viel Erfahrung und Geschick abverlangt, um auch komplizierte Operationsschritte mit den schwer zu handhabenden Operationsinstrumenten präzise durchführen zu können.


Der computergestützte Roboter erlaubt hingegen intuitive Bewegungen. Chirurgen können sich dadurch die Operationsmethode schneller aneignen und somit die Behandlungsqualität steigern. Während Chirurgen, um anspruchsvolle laparoskopische Operationen zu erlernen, weit über 100 Eingriffe begleiten müssen, könne der gleiche chirurgische Eingriff Roboter-assistiert bereits nach deutlich weniger Behandlungen sicher beherrscht werden.


Doch Weikert sieht auch Nachteile: Durch die räumliche Distanz zum OP-Tisch und seinen assistierenden Kollegen am Patienten könne er Anweisungen nur verbal formulieren und die Instrumente des Assistenten nicht selbst korrigieren. Auch bei einem möglichen Fehler seiner Assistenten kann er nicht direkt eingreifen. “Deshalb braucht es ein gut eingespieltes Team.” Zu dem kann der Operateur die Gewebekonsistenz nicht spüren, ihm fehlt, wie es Mediziner nennen, die taktile Rückmeldung.


“Dies ist die Zukunft”

Trotzdem glaubt Steffen Weikert, dass “dies die Zukunft ist.” Er setzt das Roboterverfahren derzeit vor allem bei der radikalen Prostataenfernung, im Fachjargon Roboter-assitierte Prostatektomie genannt, und bei Nierenkrebs-Operationen ein. Zwar liegen noch kaum Langzeitstudien über den Behandlungserfolg dieser Roboteroperationen vor, aber Weikert ist davon überzeugt, dass die Vorteile des Verfahrens die Nachteile aufwiegen und weitere Entwicklungen das Roboterverfahren noch sicherer und effizienter werden lassen.


DaVinci ist nicht der erste Roboter, der in der Chirurgie zum Einsatz kommt. Mit Robodent, in der Kieferchirurgie und Robodoc bei Hüftgelenkoperationen assistieren weitere Maschinenkollegen. Jedoch ist ihr Können nicht unumstritten. Gegen Robodoc waren sogar mehrere Kunstfehler-Klagen anhängig. Der Bundesgerichtshof wies die Klage in einem Musterprozess aber ab mit der Begründung, dass die Patienten ordnungsgemäß über die Risiken der Methode aufgeklärt worden seien. Die Aufklärungspflicht gilt selbstverständlich auch für den DaVinci-Roboter.




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