Hintergrund: Kinderrettungstellen - Kostbare Zeit für eine Entscheidung

Im Notfall können ­Minuten Leben retten. ­Eltern von erkrankten ­Kindern sind dann gefordert.

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Was tun im Notfall?

Es passiert ohne Vorwarnung: ­Irgendwo in der Stadt ringt ein Kind plötzlich um Luft. Es hustet und ­röchelt. Tief in der Lunge rasselt es hörbar. Welcher Elternteil gerät da nicht in Angst? Ist das Leben des Kindes in Gefahr? Was tun? Sofort einen Rettungswagen rufen! In der Regel entscheiden also die Eltern, was ein Notfall ist oder nicht. Ein Pseudo-Krupp-Anfall etwa wie die geschilderte Situation wirkt oft dramatisch. Dabei ist der Kehlkopf entzündet. Bei dem metallisch klingenden Husten verbunden mit einem krächzenden Schnappen nach Luft denken die meisten Eltern an das Schlimmste.


Ein Anruf bei einer Kinderrettungsstelle reicht in diesem Fall oft aus, um das Wichtigste zu erfahren: nämlich Ruhe zu bewahren, und damit auch die aufgeschreckten Kinder zu beruhigen. Dadurch normalisiert sich ihre Atmung innerhalb weniger Minuten. Und: Frische kalte Abendluft hilft, damit der bellende Husten abklingen kann. Manchmal sind Medikamente nötig, die niedergelassene Kinderärzte oder Ärzte der nächstgelegenen Kinderrettungsstelle den Kleinen ­mithilfe der Inhalation verabreichen. Sie wirkt sofort abschwellend, wodurch betroffene Kinder wieder normal atmen können. In diesen Fällen sind stationäre Aufnahmen meist nicht notwendig.


Was müssen Eltern in einem Notfall beachten?

Oft spielt die Zeit eine entscheidende Rolle. Dennoch sollten Eltern nicht hektisch werden. Bevor Sie sich mit ihren Kindern auf den Weg machen, bitte folgendes beachten: Gelbes Vorsorgeheft und Impfbuch einpacken sowie Unterlagen über eventuelle Vorerkrankungen des Kindes. Diese Angaben können den Ärzten helfen, die Erkrankung zu diagnostizieren und das Kind somit schneller zu behandeln. Auf dem Weg zur Rettungsstelle sollte man vertrautes Spielzeug oder ein Plüschtier mitnehmen, um das Kind zu beruhigen.


Was passiert auf einer ­Kinderrettungsstelle?

Ein Kinderarzt ist rund um die Uhr in Bereitschaft und es gibt eine chirurgische Abteilung, die auf kleine Patienten spezialisiert ist. Eltern erkrankter Kinder werden in der Rettungsstelle zunächst befragt. Denn für Notbehandlungen sind neben den körperlichen Untersuchungen vor allem auch Gespräche zu Vorerkrankungen und Krankheitsverläufen wichtig. “Wir müssen die Sorgen der Eltern ernst nehmen”, sagt der Neuköllner Kinderarzt Rainer Rossi, Chefarzt der Kinderklinik am Vivantes Klinikum Neukölln. Er leitet eine der größten Kinderrettungsstellen Berlins.


Viele Berliner Kinderettungsstellen arbeiten mit dem sogenannten Manchester-Triage-System. Demnach werden alle ankommenden Patienten anhand von festgelegten Indikatoren – etwa Blutverlust, Temperatur oder ­Lebensgefahr – in eine Pyramide von fünf Gruppen eingestuft. Fälle mit der Einstufung “Sofort” sind rot gekennzeichnet und werden ohne Wartezeit behandelt. “Dringend” ist gelb gekennzeichnet und bedeutet bereits eine Wartezeit von etwa 30 Minuten. Nicht dringende Fälle müssen mit deutlich längeren Wartezeiten rechnen. Aber die Erstellung dieser Pyramide ist ein nicht ganz einfaches Unterfangen für Mediziner, sagt Rainer Rossi. Denn bevor es zur eigentlichen Behandlung komme, müssten alle wartenden Kinder angemeldet und ihre Krankengeschichte aufgenommen werden.


Was wird auf einer Rettungsstelle behandelt?

“Meist haben die Kinder mit akuten Infektionen zu kämpfen”, sagt Kinderarzt Rainer Rossi. Nicht immer sind diese dramatisch, aber bei schweren bakteriellen Infektionen wie etwa Hirnhautentzündung sei Zeit sehr kostbar. Im Sommer kommt es zusätzlich zu Ertrinkungsunfällen. “Meist ertrinken Kinder dort, wo es die Eltern nicht erwarten”, sagt Birgit Bockenkamp, Leitende Oberärztin der Kinderrettungstelle des Charité Virchow-Klinikums in Wedding. Vor allem Teiche in Gärten sind eine große Gefahr für die Kleinen. Aber auch Knochenbrüche treten beim Spielen draußen im Sommer häufiger auf als im Winter.


Können Eltern bei den ­Behandlungen dabei sein?

Selbst während Behandlungen von schweren Notfällen in den Kinderrettungsstellen können Eltern bei ihren Kindern bleiben. “Wenn Eltern ­wollen, können sie selbst bei der Reanimation ihres Kindes dabei sein”, sagt Kinderärztin Birgit Bockenkamp.


Warum sind die Wartezeiten so unterschiedlich lang?

Kinder und Eltern in Neukölln, aber auch in anderen Berliner Kinderrettungsstellen müssen nicht selten Warte­zeiten zwischen drei und fünf Stunden hinnehmen – vor allem an den Wochenenden. “Rettungsstellen sind eigentlich für die Lebensrettung zuständig”, sagt Rainer Rossi vom Vivantes Klinikum. Die Kleinen sollen vor schweren Folgeschäden geschützt werden.


Das sei heute aber nicht mehr ihre Hauptaufgabe, ärgert sich der Kinderarzt. Die notwendige 24-Stunden- Notfallversorgung werde zunehmend durch hausärztliche Routineuntersuchungen belastet. “90 Prozent der Patienten schicken wir wieder nach Hause”, sagt der Kinderarzt. Besonders Mittwoch- und Freitagnachmittag sowie an den Wochenenden herrsche Hochbetrieb in der Notaufnahme. “Da haben die meisten niedergelassenen Kinderärzte geschlossen, die natürlich den Löwenanteil der Notfallversorgung sicherstellen.”


Einer der wichtigsten Kritikpunkte der Rettungsmediziner ist, dass Eltern oftmals nicht in der Lage sind, auf die nächste Sprechstunde ihres Kinderarztes wegen eines Hustens und Schnupfens zu warten. Auch Eltern, die keine feste Bindung zu einem niedergelassenen Kinderarzt aufgebaut hätten, suchten regelmäßig Rettungsstellen auf, um Routineuntersuchungen durchführen zu lassen. “Unverhältnismäßige Überbehandlungen” von nichtakuten Notfällen, nennt das Rossi: “Ein Kinderarzt, der über einen langen Zeitraum ein Kind behandelt, kann Krankheitsverläufe am besten bewerten.” Aber in vielen Fällen sei dies eben nicht der Fall.




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