Hintergrund: Im Tunnelsystem

Bei Frauen lassen sich die Schilddrüsen auch minimalinvasiv entfernen – durch die Brüste. Präzisionsarbeit unter der geschlossenen Haut


Eine Narbe am Hals? Für jedermann sichtbar? Viele Frauen wollen dies vermeiden und lassen ihre Schilddrüse trotz Empfehlung von Ärzten nicht entfernen.


Auch Lisa Kochs Schilddrüse funktionierte nicht mehr richtig, sie wurde zu groß, musste entfernt werden. Doch eine Narbe wollte die 50-Jährige nicht. Im Helios-Klinikum Buch wurde ihr geholfen: Operation ja, Narben am Hals nein. Nur eine Handvoll Krankenhäuser bundesweit bietet die neue Methode an, bei der die Instrumente durch das Brustgewebe zur Schilddrüse geführt werden. Bei Männern geht das nicht. “Nur im Brustfett gibt es die nötige Bewegungsfreiheit”, erklärt Martin Strik, Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie in Buch. In den vergangenen zwei Jahren sind bei ihm 180 Patientinnen auf diese Weise operiert worden.


Mit Kamera, Schere und Zange unter die Haut

Lisa Koch schläft unter Vollnarkose auf dem OP-Tisch. Unter den Brustwarzen öffnet Strik die Haut mit je einem Schnitt, knapp ein Zentimeter lang. Dann bohrt er mit dem Finger nach und löst die Haut etwas vom Fettgewebe. Nun steckt er einen Trokar in die Öffnung, ein Titanrohr, das wie ein langer Pistolenlauf aussieht. Auch unter der rechten Achsel der Patientin macht er einen Schnitt: Insgesamt drei Tunnels von der Haut zum Hals entstehen so im Körper der Frau.


Unter der Achsel wird eine winzige Kamera mit Präzisionslampe eingeführt – der Operateur muss schließlich sehen, was er unter der Haut tut. Durch eine der Brustöffnungen schiebt er einen Ballon bis zum Hals, pumpt ihn dort durch einen dünnen Schlauch auf. “Raum schaffen”, sagt der Chirurg routiniert. Er braucht Platz für Schere und Zange, mit denen er unter der geschlossenen Haut der Patientin arbeiten wird.


Nachdem der Ballon entfernt wurde, pumpen Kollegen den Hals durch einen der Brusttrokare mit Kohlendioxid auf, das Gas hält den Hals aufgespannt. Strik schiebt die feinen OP-Instrumente nach. “Diese Methode kommt für etwa 30 Prozent der Patientinnen in Frage”, erklärt er. Einige haben nicht genug Fettgewebe, andere zu viele Vorerkrankungen.


Wie ein Dirigent

Knapp 20 Zentimeter ist der Weg von den Schnittstellen bis zum Hals. Durch die Metalltunnels bahnen sich Zange und Schere ihren Weg, bis sie auf denmit Kohlenstoff aufgeblähten Raum aus Fleischgewebe treffen – rosa, braun, rot, lila, gelb, weiß: Hier sitzt die Schilddrüse.


Strik zerschneidet Gewebe, trennt Äderchen, löst das Organ. Wie ein Dirigent bewegt er beide Stangenrohre, durch die seine Werkzeuge tief in den Körper führen. Mit kleinen Stromschlägen werden Blutungen gestoppt. Das Gewebe wird durch den Strom quasi verschweißt. Auf drei Monitoren sehen der Chefarzt und seine Kollegen, wie sie die Instrumente in Lisa Kochs Hals bewegen. Ab und zu ziehen sie die Kamera heraus, wischen sie ab.


Da der Körper weitestgehend geschlossen bleibt, gilt diese Methode als Herausforderung. Strik muss seine Instrumente immer genau zwischen Muskel- und Gewebeschichten bewegen, wichtige Adern darf er nicht verletzen, auch die Zugänge unter den Brustwarzen dürfen nicht aufreißen. Hauptrisiko: Die Stimmbänder verlaufen wenige Millimeter von der Schilddrüse entfernt. Doch nur in einem Prozent der Fälle werden sie bei der Operation verletzt. Ein eigenes Gerät überwacht die Funktionsfähigkeit der Bänder während des Eingriffs.


Das Zerschneiden der Schilddrüse unter der Haut dauert länger als 30 Minuten, ist aber nötig, denn nur halbiert passt das krankhaft vergrößerte Organ durch die Öffnung unter der Achsel. Bei Frauen sollte eine gesunde Schilddrüse höchstens 20 Gramm schwer sein. Blutverschmiert landen Lisa Kochs Drüsenhälften auf der Waage: insgesamt 40 Gramm.


(Name der Patientin von der Readktion geändert.)




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