Hintergrund: HIV-Therapie

Seit dem ersten HIV-Medikament der 80er Jahre hat sich viel getan. Wir beantworten die wichtigsten Fragen über HIV-Therapeutika und deren Neben- und Wechselwirkungen


Noch immer gibt es keinen Impfstoff gegen das HI-Virus – Experten zufolge wird es auch in näherer Zukunft keine wirksame Immunisierung gegen den Erreger geben. Ging es jedoch vor Jahren noch darum den Tod binnen kurzer Zeit zu verhindern, lassen moderne Medikamente heute aus HIV eine chronische Krankheit werden. Forschern gelang es nicht nur, die Lebenserwartung der HIV-Infizierten zu steigern, sondern auch die Einschnitte in der Lebensqualität durch die lebenslange Medikamenteneinnahme zu mindern. Die Nebenwirkungen des 1987 eingeführten Azidothymidin – kurz: AZT – ließen noch kaum an einen geregelten Alltag denken, denn AZT war alternativlos und musste somit hoch dosiert werden. Heutige Medikamente sind verträglicher und lassen sich auch besser in den Alltag integrieren: Oft müssen sie nur noch zwei- statt drei- oder viermal täglich eingenommen werden. Zu dem tolerieren die Medikamente auch mal ein paar Minuten Abweichung von der verordneten Einnahmezeit.


Wie wirken HIV-Medikamente?

HIV-Medikamente nutzen bisher drei Wirkmechanismen, um das Virus zu bekämpfen: 1) Sie verhindern das Eindringen des Erregers in die Zelle, indem sie deren Eingang blockieren. Mit diesen deshalb auch Entry-Hemmer – zu Deutsch Eintrittshemmer – genannten Arzneien verfolgen die Mediziner zwei Strategien: Zum einen binden sich die Wirkstoffe (sogenannte CCR5-Blocker) an einen Rezeptor, der auf der menschlichen Zellmembran liegt. Da das Virus diese Anschlussstelle benötigt, um an die Zelle anzudocken, wird dessen Eindringen verhindert. Die Wirkstoffklasse der Fusionshemmer blockiert nach dem gleichen Prinzip einen Virusbestandteil.


2) Sie verhindern das Umprogrammieren der infizierten Zelle. Damit der Eindringling nicht das Regime in der Zelle übernimmt, unterbinden Reverse-Transkriptase- und Integrase-Hemmer die Bildung ihrer namensgebenden Enzyme. Diese werden vom Virus benötigt, um das eigene Erbgut in die RNS der menschlichen Zelle einzubauen.


Schließlich verhindern 3) so genannte Protease-Hemmer, dass sich das Virus in infizierten Zellen vermehrt und im Organismus ausbreitet. Dazu blockiert es die Produktion des Enzyms Protease, das vom HI-Virus zum Aufbau neuer Virenbestandteile gebraucht wird.


Jedoch ist Virus nicht gleich Virus. Bei der Vermehrung mutiert es häufig, wodurch viele verschiedene Varianten entstehen, gegen die ein einziges Medikament hilflos wäre. Erst die Kombination mehrer Medikamente mit verschiedenen Wirkmechanismen – die Kombinationstherapie – verspricht eine erfolgreiche Behandlung.


Ziel der Kombinationstherapie ist es, die Viruslast im Körper zu senken. Im Idealfall ist das Virus dank der Kombinationstherapie im Blut sogar nicht mehr nachweisbar. Doch das bedeutet nicht, dass der Infizierte geheilt ist: Das HI-Virus lebt und wirkt noch immer in den Organen. Zum Beispiel im Gehirn, in dem es ihm gelingt, die Blut-Hirnschranke zu überwinden, die für viele Medikamente noch immer eine unüberwindbare Barriere darstellt.


Wann sollte mit einer Therapie begonnen werden?

Internationale Leitlinien geben vor, wann mit einer HIV-Therapie begonnen werden sollte. Der Behandlungsbeginn richtet sich nach der Anzahl der T-Helferzellen im Körper: Sinkt die Konzentration der so genannten CD4+-Zellen auf weniger als 350 pro Mikroliter Blut, ist eine antiretrovirale Therapie “indiziert”, wie es in den Leitlinien heißt. Jedoch ist diese Grenze unter Medizinern nicht unumstritten: In den Vereinigten Staaten liegt dieser Wert etwas höher als in Europa. Derzeit ist eine Studie in Arbeit, die diese Frage klären soll.


Neben den Blutwerten müssen jedoch noch weitere Faktoren für den Therapiebeginn berücksichtigt werden. Liegt eine Hepatitis-Infektion vor, sollte schon vor Unterschreiten der 350 Zellen pro Mikroliter Blut mit der Behandlung begonnen werden. Allgemein gilt, dass die Behandlung starten sollte, wenn der Erkrankte unter HIV-typischen Symptomen leidet.


Wann werden welche Medikamente verordnet?

Die medikamentöse Therapie beginnt meist mit einer Kombination dreier Medikamente: Zwei Nukleosid-/Nukleotidanaloga (NRTI) werden entweder mit einem nicht-nukleosidischen Reverse- Transkriptase-Inhibitor (NNRTI) kombiniert oder mit einer wirkverstärkten Protease-Hemmer. Erstere Kombination ist sehr wirksam, lässt sich ohne große Einbußen in der Lebensqualität einnehmen und schont das Herz. Hingegen ist das Risiko das sich Resistenzen entwickeln bei letzterer Zusammenstellung geringer. Beide Kombinationen sind gut verträglich. Häufig werden im Laufe der Behandlung einzelne Substanzen ausgetauscht um die Verträglichkeit zu verbessern oder den Lebensgewohnheiten der Patienten anzupassen.


Welche Nebenwirkungen treten häufig auf?

Die Liste der möglichen Nebenwirkungen ist lang. Sie variieren je nach Medikament und von Mensch zu Mensch. Bei Therapiebeginn können Kopfschmerzen und Magen-Darm-Verstimmungen wie beispielsweise Durchfall oder Übelkeit als akute Begleiterscheinungen auftreten. Diese sind jedoch meist gut mit rezeptfreien Medikamenten oder bewährten Hausmitteln zu behandeln (siehe folgenden Punkt). Gravierender können die Langzeitfolgen einer HIV-Therapie sein. Durch die dauerhafte Medikamenteneinnahme sind Schädigungen an Leber, Nieren und Herz möglich. Auch die Knochen können geschädigt werden, so dass Osteoporose droht.


Wie bei vielen chronischen Erkrankungen kann es auch zu depressiven Verstimmungen oder Depressionen kommen. Neben den mit der Krankheit verbundenen Lebensumständen können aber auch antiretrovirale Medikamente mit dem Wirkstoff Efavirenz Ursache einer Depression sein.


Auch eine durch Protease-Hemmer ausgelöste Fettverteilungsstörung kann den seelischen Zustand beeinträchtigen: Bei der Lipodystrophie schwindet das Körperfett an Armen, Beinen, Gesicht und Gesäß. Zu dem kann sich mehr Fett an Rücken, Nacken, Brüsten und im unteren Bauchbereich ansammeln. Betroffene fürchten oft eine Stigmatisierung da diese Symptome von Menschen die mit der Krankheit vertraut sind leicht wahrgenommen werden können. Zu vielen Medikamenten existieren noch keine Langzeitstudien, da sie noch neu auf dem Markt sind. Daher können noch nicht alle Nebenwirkungen eingeschätzt werden.


Gerade zu Beginn einer Therapie sollte bei Beschwerden der behandelnde Arzt informiert werden. Oft genügt bei leichteren Nebenwirkungen auch ein Anruf.


Wie kann man selbst Nebenwirkungen lindern?

Leichtere Begleiterscheinungen lassen sich jedoch mit rezeptfreien Medikamenten aus der Apotheke lindern. Wer nicht zu noch mehr Chemie greifen will kann auch traditionelle Heilmittel verwenden: Bei Übelkeit mit Völlegefühl können Ginseng, Taigawurzel, Pfefferminze oder Scharfgabe helfen, in dem sie die Magen-Darm-Bewegung fördern. Jedoch sollten bei Ginseng und Taigawurzel mögliche Wechselwirkungen ausgeschlossen werden (siehe folgenden Punkt). Kamille, Melisse, Fenchel und Anis hingegen wird eine heilsame Wirkung nachgesagt, wenn sich zur Übelkeit auch Krämpfe und Schmerzen im oberen Bauchbereich mischen. Sie können als Tee getrunken werden oder als warme Kompresse auf den Bauch gelegt werden.


Um den Durchfall zu mildern wird fett- und reizstoffarme sowie leicht verdauliche Nahrung empfohlen. Milde Speisen wie gekochte Möhren, Kartoffelbrei, Äpfel oder Bananen bieten sich an. Hingegen sollte Alkohol, Nikotin und wenn möglich Aspirin gemieden werden.


Um einer depressiven Stimmung entgegen zu wirken kann es schon helfen den Körper wieder in Schwung zu bringen. Laufen, Nordic Walking oder Fahrradfahren können die Depression abschwächen. Auch eine ausgewogene Ernährung und genügend Schlaf helfen. Nicht vergessen werden sollte der positive Einfluss den lieb gewonnene Mitmenschen ausüben. Johanniskraut wird oft als Naturheilmittel gegen Depressionen empfohlen. Da es jedoch den Blutspiegel von Protease-Hemmern senkt und somit deren Wirksamkeit gefährdet sollte die Einnahme mit dem behandelnden Arzt abgeklärt werden. Bei anhaltenden Beschwerden sollte unbedingt ein Arzt zu rate gezogen werden.


Was sollte bei der Einnahme von anderen Medikamenten oder Lebensmitteln beachtet werden?

Nicht nur die meisten HIV-Medikamente werden über die Leber abgebaut sondern auch eine Vielzahl anderer Medikamente. Daher stellt jedes weitere Medikament eine Belastung für das Organ dar. Es ist möglich, dass andere Medikamente Enzyme in Leber beeinflussen die dem Abbau von antiretroviralen Medikamenten dienen. Wird die Enzymbildung gehemmt oder angeregt, kann dies Auswirkungen auf den Blutspiegel und die Wirksamkeit des Medikaments haben. Daher sollte vor der zusätzlichen Medikamenteneinnahme der Arzt befragt werden. Gute HIV-Schwerpunktapotheken prüfen meist ob Wechselwirkungen bestehen und schlagen gegebenenfalls Alternativen vor.


Daneben können auch Lebensmittel und Heilpflanzen die Wirksamkeit von HIV-Medikamenten beeinflussen. Insbesondere Johanniskraut und daraus hergestellte Präparate beschleunigen den Abbau von HIV- Therapeutika. Dadurch wird deren Wirksamkeit gefährdet – eine Resistenzbildung droht. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte verordnete im Jahr 2008, dass Hersteller von hochdosierten Knoblauchpräparaten dem Beipackzettel einen Warnhinweis hinzufügen müssen: Personen die den Protease-Hemmer Saquinavir einnehmen werden aufgefordert das Knoblauchpräparat nicht ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt zu nehmen. Hintergrund für diese Vorsichtsmaßnahme ist eine Studie in der Wechselwirkungen mit HIV-Medikamenten auftraten. Dabei bekamen die Probanden täglich ein Knoblauchpräparat, das der Menge von rund acht Gramm frischen Knoblauch entsprach. Daraus leitet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte unter einem Sicherheitsabstand eine Verzehrsempfehlung von 0,8 Gram Knoblauch am Tag ab. Der Wirkstoffverstärker Ritonavir kann zu einer Knoblauchunverträglichkeit führen die auch frischen Knoblauch betrifft. Die Wirkung von Grapefruits, Ginseng und Taigawurzel ist unter Experten umstritten, daher sollte der behandelnde Arzt befragt werden.




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