Hintergrund: Die drei Therapieoptionen bei Prostatakrebs

Operationen: Wird der Krebs früh genug erkannt und ist lokal begrenzt, ohne erkennbare Metastasen gebildet zu haben, kann er operativ entfernt werden. Um das Karzinom vollständig zu entfernen, wird die gesamte Vorsteherdrüse entnommen. Werden Muskeln oder die entlang der Prostata verlaufenden Nervenbündel verletzt, drohen Nebenwirkungen: Zwei bis fünf Prozent der Patienten, deren Prostata wegen Krebs entfernt wurde, können nach einer Operation den Schließmuskel ihrer Blase nicht mehr vollständig kontrollieren, sie bleiben inkontinent. Auch die Erektionsfähigkeit kann betroffen sein. Ein halbes Jahr nach der Operation kehre sie jedoch bei den meisten Betroffenen – Manfred Beer, Chefarzt der Urologie am Franziskus-Krankenhaus, spricht von rund 75 Prozent – langsam wieder zurück. Die Operation sollte als erster Schritt in Betracht gezogen werden, sagt Beer. Danach bliebe die Bestrahlung immer noch als zweite Option, falls der Krebs zurückkehrt. “Nach einer Strahlentherapie kann im Falle eines wiederkehrenden Tumors nicht mehr gut operiert werden, weil das Gewebe durch die Behandlung zu sehr geschädigt ist und schwer heilt.”

Bestrahlungen: Ziel der Strahlentherapie ist es, die Krebszellen durch Strahlen so stark zu schädigen, dass sie absterben. Das gesunde Gewebe soll dabei geschont werden. Als “perkutane Radiotherapie” bezeichnen Mediziner die Bestrahlung von außen durch die Haut hindurch. Daneben kann man die Prostata auch von innen mit harten Strahlen beschießen. Hierzu werden kleine radioaktive Stifte (Seeds) in das Organ gepflanzt, die allmählich ihre Wirkung entfalten. Durchaus ein Plus für die Lebensqualität. Denn für die Seeds-Implantation ist nur ein Termin nötig. “Die Bestrahlung der Prostata von außen hingegen muss an fünf Tagen der Woche stattfinden – und das acht Wochen lang”, sagt der Charité-Chefurologe Miller. Allerdings sei die Seeds-Behandlung oft mit Irritationen für die Blasenfunktion verbunden. “Dass danach jemand eine Windel benötigt, ist aber sehr unwahrscheinlich.”

Die Erektionsfähigkeit bleibe zunächst erhalten. Doch durch die Gewebeschäden infolge der Behandlung nehme sie langsam ab. Allerdings sei der Totalverlust der Potenz bei der Methode im Vergleich zur Totaloperation seltener. Eine neue Form der Strahlenanwendung ist der “hochintensive fokussierte Ultraschall” – kurz HIFU. Die eigentlich aufgrund ihres geringen Energieniveaus ungefährlichen Ultraschallwellen werden in dem Zielgebiet gebündelt. Dort nimmt das Gewebe die Energie auf und erwärmt sich auf über 65 Grad Celsius, wodurch es zerstört wird. Dazu wird die Ultraschallsonde in den Enddarm eingeführt. Das zwischen Schallquelle und dem Krebs liegende Gewebe wird kaum belastet. Trotzdem ist der Eingriff nicht schmerzund nebenwirkungsfrei. Die Hitzeeinwirkung lässt das Gewebe mehrere Tage anschwellen, so dass ein Blasenkatheter notwendig wird. Rund ein Drittel der Patienten wird vorübergehend inkontinent. Jeder Zweite verliert die Erektionsfähigkeit. Bisher gibt es keine ausreichenden Studien, um den Nutzen der HIFU-Therapie mit den etablierten Verfahren vergleichen zu können. Trotzdem wird das Verfahren bereits an Erkrankten angewandt, bei denen die herkömmlichen Therapien nicht infrage kommen.

Gewebezerstörung: Statt durch Hitze kann der Zelltod auch mit starker Kälte herbeigeführt werden. Bei der Kryochirurgie – abgeleitet von dem griechischen “kryos” für Kälte – werden über den Darm mehrere Nadeln in die Prostata gestochen. Sie kühlen das Gewebe mehrmals rasch auf minus 30 Grad Celsius und tauen es anschließend auf. Die umliegenden Nervenbündel werden oft in Mitleidenschaft gezogen und die Potenz beeinträchtigt. Bisher ist die Kryochirurgie in Deutschland kein Standardverfahren.

Kontrolliertes Zuwarten: Manchmal aber kann einfach nur Abwarten und Beobachten die beste Therapiewahl sein. Bei sehr langsam wachsenden Tumoren müsse man gerade bei Männern in höherem Lebensalter jenseits der 70 nicht mehr eingreifen, sagt der Urologe Beer. “Diese Patienten sterben irgendwann mit ihrem Prostatakrebs, nicht an ihm.” Und auch bei jüngeren Männern, bei denen der Krebs langsam wächst, kann das kontrollierte Nichtstun der beste Weg sein. Der PSA-Wert sollte nach der Diagnose alle drei Monate kontrolliert werden, verbunden mit regelmäßigen Tastuntersuchungen, rät der Urologe Miller. “Nach dem ersten Jahr und am Ende des dritten Jahres folgt dann eine Biopsie, also Gewebeentnahme aus der Prostata.”

Informationen und Beratung:

Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe e.V., Beratungstelefon (0800) 708 01 23 (Di. bis Do. 15 bis 18 Uhr, gebührenfrei); www.prostatakrebs-bps.de

Deutsches Krebsforschungszentrum, kostenloses Beratungstelefon (0800) 420 30 40; www.krebsinformationsdienst.de

Berliner Krebsgesellschaft, Tel. (030) 283 24 00; www.berliner-krebsgesellschaft.de

www.dgu.de (Urologenportal mit Patienteninfos)

www.prostata.de aufbereitet, von einer Pharmafirma gesponsert)

Das Robert-Koch-Institut bietet ein Heft zum Thema an. Es kann als PDF heruntergeladen oder online bestellt werden unter: www.rki.de.

Die Deutsche Krebsgesellschaft bietet die Informationsbroschüre “Patientenratgeber Prostatakrebs” zum Herunterladen an: www.krebsgesellschaft.de



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