Geburtshilfe: Unter Wasser geboren

Im Zuge alternativer und natürlicher Geburten waren Wassergeburten anfangs angesagt. Inzwischen hat die Nachfrage deutlich nachgelassen

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Foto: Doris Spiekermann-Klaas


Unter Schmerzen geboren – diese Aussage kommt nicht von ungefähr. “Eine normale Geburt ist immer mit Schmerzen verbunden”, sagt Birgit Teuwen, Hebamme in der Hebammengemeinschaft der Praxis FERA am Vivantes Wenckebach-Klinikum in Berlin- Tempelhof. Diese Schmerzen so gering wie möglich zu halten und damit eine Geburt so angenehm wie möglich zu machen, ist nicht nur der Wunsch vieler Schwangerer, sondern auch Ärzten und Hebammen ein Anliegen. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten: Medikamentöse, wie die Periduralanästhesie (eine regionale Betäubung), oder auch ganz natürliche – wie zum Beispiel warmes Wasser.
“Wasser mit einer Temperatur von 36 bis 37 Grad wirkt schmerzlindernd und entspannt die Muskulatur”, sagt Hebamme Teuwen. Außerdem könne es die Wehen anregen und damit die Geburtsarbeit erleichtern. Darum mache in der Gemeinschaftspraxis FERA fast jede Schwangere in der Eröffnungsphase der Geburt, in der sich der Muttermund öffnet, ein Entspannungsbad.
Manche Frauen bleiben auch noch länger in der Wanne: War sie einst lediglich Bestandteil alternativer Geburtshilfe, ist die Gebärwanne heute auch in den meisten Kliniken Standard. Die großen, runden Badewannen bieten den Schwangeren dabei nicht nur ausreichend Platz, sondern mit ihren Griffen für die Hände und Haltern für die Füße auch einen guten Halt.
Die Vorteile einer Wassergeburt ergeben sich nicht nur aus der schmerzlindernden Wirkung des Wassers. Die Frauen brauchen im Vergleich zu einer normalen Geburt auch weniger Energie, da sie sozusagen in der Wanne schweben und das Wasser den schweren Bauch mitträgt. “Hinzukommt, dass das Gewebe durch das Wasser geschmeidiger wird”, sagt Teuwen. Dadurch erlitten weniger Frauen Geburtsverletzungen wie zum Beispiel einen Dammriss.

Geburt: “Die Schwangeren sollten frei und spontan entscheiden”

Für die Säuglinge ist es kein Problem, unter Wasser auf die Welt zu kommen. Ein natürlicher Reflex verhindert, dass sie zu atmen beginnen, bevor sie aufgetaucht sind. Hebamme Teuwen geht zudem davon aus, dass eine Wassergeburt schonender und die Babys daher meist entspannter seien.
Dennoch haben sich Wassergeburten nach einem anfänglichen Boom nicht dauerhaft durchgesetzt. Zwar kommen in der Gemeinschaftspraxis FERA pro Jahr rund 40 der insgesamt 240 Kinder unter Wasser zur Welt. In der Charité sind es weitaus weniger – bei insgesamt über 4600 Geburten.
“Die Nachfrage hat in den letzten Jahren deutlich nachgelassen”, sagt Wolfgang Henrich, Leiter der Kliniken für Geburtsmedizin am Campus Virchow und am Campus Mitte der Charité. Dafür macht er auch die Nachteile verantwortlich. So kann zum Beispiel der Körper auskühlen und die Haut aufweichen, wenn man zu lange im Wasser bleibt. Hinzukommt, dass eine Frau bei der Geburt gelegentlich Blut und andere Körperflüssigkeiten ausscheidet, die sich dann im Wasser befinden. “Das empfinden einige Frauen als unangenehm”, sagt Henrich. Am schwersten wiegt jedoch der Nachteil, dass der Zugang zu der Frau in der Wanne schwieriger ist, sollte während der Geburt ein Notfall auftreten. So könne es etwa zu einer Schulterdystokie kommen, bei der die Schulter des Kindes nach Geburt des Kopfes stecken bleibt, oder ein operativer Eingriff notwendig werden. Der Einsatz einer Saugglocke bei schlechten Herztönen des Kindes oder bei einem Geburtsstillstand sei jedoch nicht möglich, ohne die Frau aus der Wanne zu holen und umzulagern.
Es gibt auch medizinische Gründe, die eine Wassergeburt von vornherein ausschließen; etwa Frauen mit Hepatitis- oder Herpesinfektionen sowie mit Gerinnungsstörungen oder akuter Thrombose. Auch wenn die Herztöne des Kindes auffällig sind, darf es nicht unter Wasser zur Welt kommen.
Ansonsten sind sich Klinikchef Henrich und Hebamme Teuwen einig: Die Schwangeren sollten möglichst frei und auch spontan entscheiden, wie sie ihr Kind zur Welt bringen möchten. Teuwen: “Oft merken sie erst während der Geburt, was ihnen guttut und womit sie sich wohlfühlen.”



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