Gebärmutterhalskrebs: Die Weiblichkeit bewahren

Besonders bei jungen Frauen, die an Gebärmutterhalskrebs erkrankt sind, versuchen die Ärzte gebärmuttererhaltend zu operieren – eine spätere Schwangerschaft ist dann noch möglich


Marina Hahnen* dreht sich auf die Seite und zieht das weiße Nachthemd über die hochgezogenen Knie. “Ich will nicht aufwachen und plötzlich ist meine Gebärmutter weg.” So zusammengerollt liegt sie da, als wolle sie das Organ in ihrem Unterleib beschützen. Und das will sie auch. Deswegen ist die 28-Jährige von Mannheim nach Berlin-Steglitz gekommen, in die Klinik für Gynäkologie am Campus Benjamin Franklin der Charité. “Ich will doch noch Kinder bekommen!”
Marina Hahnen ist aufgewühlt. Gerade hat sie erfahren, dass ihre Operation zwei Stunden nach hinten verschoben wurde. Die junge Frau mit den braunen, zum Pferdeschwanz gebundenen Locken und den leuchtend blauen Augen rollt sich enger auf dem Krankenhausbett zusammen. Noch länger warten. Sie hält es doch jetzt schon fast nicht mehr aus. Die Unsicherheit, diese Mischung aus Hoffnung und Angst, ist einfach zu groß. Marina Hahnen hat Gebärmutterhalskrebs, ein sogenanntes Zervixkarzinom. Heute soll es entfernt werden. Doch ob die Ärzte den Eingriff gebärmuttererhaltend durchführen können, ist noch nicht sicher.

Übergewicht begünstigt Gebärmutterhalskrebs

Tumore in der Gebärmutter, die Mediziner auch Uterus nennen, treffen Frauen hart. Denn der etwa neun Zentimeter große Hohlkörper im kleinen Becken ist untrennbar mit ihrer Weiblichkeit verbunden: In seinem oberen Abschnitt, dem Gebärmutterkörper, befindet sich die sogenannte Gebärmutterhöhle, in der während einer Schwangerschaft das Kind heranwächst. Und auch der Gebärmutterhals, ein nur etwa drei Zentimeter langer Schlauch aus Bindegewebe und Muskulatur, spielt eine große Rolle: Der untere Teil der Gebärmutter verbindet den Gebärmutterkörper mit der Scheide. Man könnte sagen: Er ist der enge und dunkle Gang, durch den sich neues Leben kämpfen muss – in beide Richtungen.
Für viele Frauen in Deutschland rückt die Gebärmutter aber noch aus einem anderen Grund plötzlich in den Mittelpunkt: Jährlich erkranken rund 11 300 Frauen an Gebärmutterkörperkrebs, den Ärzte auch Korpuskarzinom nennen, sowie 4900 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Während Gebärmutterkörperkrebs vor allem nach den Wechseljahren auftritt (das mittlere Erkrankungsalter beträgt 69 Jahre), sind von Zervixkarzinomen auch jüngere Frauen betroffen. Hier liegt das durchschnittliche Alter für die Diagnose bei 52 Jahre, besonders häufig erkranken jedoch Frauen zwischen 35 und 39 Jahren sowie ab 60 Jahren.
Gebärmutterkörperkrebs wird vor allem durch Übergewicht begünstigt. “In dem Fettgewebe werden Östrogene produziert, die das Zellwachstum in der Gebärmutter ankurbeln”, sagt Rüdiger Müller, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie am Achenbach Krankenhaus in Königs-Wusterhausen. Normalerweise werden diese weiblichen Geschlechtshormone von ihren Gegenspielern, den Gestagenen, in Zaum gehalten. Doch die werden mit den Wechseljahren, der Menopause, nicht mehr produziert. Eine Früherkennung ist bei Korpuskarzinomen nur schwer möglich. “Der Krebs verursacht im Frühstadium keine Beschwerden”, sagt Müller. Den meisten Frauen fiele er erst auf, wenn sich nach der Menopause eine Blutung einstelle. “Dann ist es aber schon ein richtiger Krebs.”

Früerkennung: Den Pap-Test zahlt die Krankenkasse

Gebärmutterhalskrebs kann dagegen oft noch in einem Frühstadium festgestellt werden. Es handelt sich dann um sogenannte In-situ-Karzinome, die die Gewebegrenze noch nicht überschritten und sich daher auch noch nicht auf andere Organe ausgebreitet haben. Auch bei Marina Hahnen ist die Erkrankung noch in einem Frühstadium, aber es ist bereits Krebs.
“Ein Zervixkarzinom entsteht nicht von heute auf morgen”, sagt Achim Schneider, Direktor der Klinik für Gynäkologie der Charité. Es entwickle sich über einen längeren Zeitraum, in dem die Zellen immer stärker mutierten, sodass schließlich Krebsvorstufen, sogenannte Präkanzerosen, entstünden. Diese können dann zu Krebs werden.
Gerade deshalb sind Vorsorgeuntersuchungen beim Frauenarzt so wichtig: Wenn die Krebsvorstufen früh genug erkannt werden, können die Ärzte das veränderte Gewebe entfernen, bevor es zum Krebs wird. Einmal jährlich können Frauen ab 20 Jahren einen Abstrich ihres Gebärmutterhalses machen lassen, den sogenannten Pap-Test. Er zeigt an, ob die Zellen noch normal und gesund sind, ob bereits Veränderungen (Dysplasien), die auf Krebsvorstufen hinweisen, vorliegen, oder gar Krebs. “Seitdem diese Art der Früherkennung 1970 eingeführt wurde, ist die Anzahl der Krebserkrankungen im Gebärmutterhals um gut 70 Prozent zurückgegangen”, sagt Schneider.

Eine Impfung gegen HP-Viren senkt das Krebsrisiko

Am besten ist es jedoch, wenn die Krebsvorstufen gar nicht erst entstehen. Und dagegen kann eine Impfung helfen. “So gut wie alle Zervixkarzinome gehen auf eine Infektion mit humanen Papilloma-Viren zurück”, sagt Chefarzt Müller vom Achenbach Krankenhaus. Diese seien sexuell übertragbar und gelangten in die unterste Schicht der Schleimhaut des Gebärmutterhalses, wo neue Zellen produziert würden. Dort lösten sie ein krankhaftes Wachstum aus. Eine Infektion mit den humanen Papilloma-Viren, kurz HPV, ist relativ häufig. 50 bis 80 Prozent aller Frauen erkranken einmal in ihrem Leben daran. In rund 98 Prozent der Fälle kann jedoch das Immunsystem die Viren bekämpfen. Seit 2007 empfiehlt nun die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts die Impfung für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren. “Am besten ist es, wenn sich die Mädchen impfen lassen, bevor sie Geschlechtsverkehr hatten”, sagt Gynäkologe Müller. Nur so könne sichergestellt werden, dass bei ihnen noch keine HPV-Infektion vorliege. Zwar gibt es über 150 verschiedene HP-Viren, die unter anderem auch Genitalwarzen verursachen können, die Impfung schützt jedoch gegen die gefährlichsten von ihnen. So kann die Impfung zusammen mit dem Gebrauch von Kondomen das Risiko von Krebsvorstufen im Gebärmutterhals sowie von Gebärmutterhalskrebs erheblich senken.
Für Marina Hahnen kam die Impfung zu spät: Als sie 17 war, stellte ihre Frauenärztin eine HPV-Infektion fest. Seitdem war sie regelmäßig beim Gynäkologen. Zuletzt sogar alle drei Monate. Denn die Ergebnisse der Pap-Tests waren immer wieder auffällig. Leichte und mäßige Dysplasien können von selber wieder verschwinden und müssen daher meist nicht behandelt werden. Sie verlangen lediglich regelmäßige Kontrollen, ob sie sich zu schweren, schon krebsartigen Veränderungen entwickelt haben. Und das war bei ihr zuletzt der Fall.
Die Ärzte in Mannheim beschlossen, eine sogenannte Konisation bei ihr durchzuführen. Dabei wird das erkrankte Gewebe entfernt, indem die Ärzte einen kleinen Gewebekegel aus dem Gebärmutterhals mit einer Schlinge oder einem Laser heraustrennen. Dabei ist es vor allem bei Frauen wie Marina Hahnen, die noch Kinder bekommen wollen, wichtig, dass so wenig Gewebe wie möglich entfernt wird. “Ansonsten können bei der Schwangerschaft Probleme auftreten, zum Beispiel eine Frühgeburt”, sagt Charité- Gynäkologe Schneider.

Die sicherste Tumorbehandlung ist eine vollständige Entfernung des Organs

Nach der Konisation untersuchten die Ärzte das entnommene Gewebe. Das Ergebnis war für Marina Hahnen ein Schock: Krebs. “Es war einfach nur schlimm”, sagt die lebensfrohe junge Frau, die gerade ihr Studium in Anglistik und Erziehungswissenschaften abgeschlossen hat. “Ich war panisch und fühlte mich so hilflos.” Denn der Befund bedeutete, dass die Ärzte noch mehr Gewebe entfernen müssen, am besten die ganze Gebärmutter. Die sicherste Behandlung gegen Tumore in der Gebärmutter ist die vollständige Entfernung des Organs, eine sogenannte Hysterektomie. Vor allem bei Frauen, deren Familienplanung abgeschlossen ist, greifen Ärzte schnell zu diesem Mittel. Marina Hahnen aber will noch Kinder bekommen. “Und ich will nicht, dass man mir meine Gebärmutter wegnimmt!”, sagt sie verzweifelt, aber auch ein wenig trotzig.
Deswegen ist sie hier in Berlin: Ihre Frauenärztin in Mannheim hatte davon gehört, dass an der Charité bei Gebärmutterhalskrebs eine sogenannte Trachelektomie durchgeführt wird. Dabei entfernen die Ärzte einen Großteil des Gebärmutterhalses sowie die Wächterlymphknoten, also diejenigen, die die direkteste Verbindung zum Gebärmutterhals haben und als erste Tumorzellen enthalten, wenn der Krebs streut. Anschließend vernähen sie dann den inneren Muttermund mit der Scheide. Dadurch ist eine spätere Schwangerschaft noch möglich. “Allerdings besteht ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten”, sagt Achim Schneider von der Charité. Voraussetzung für den Eingriff ist, dass der Tumor kleiner als zwei Zentimeter ist. Marina Hahnens Tumor misst etwa anderthalb Zentimeter – sie entschied sich für den Eingriff.
Doch nun, ein paar Stunden vor der OP, fühlt sie sich zusehends schlechter. “Heute ist einfach nicht mein Tag”, sagt sie. “Das Gespräch mit den Ärzten gestern war einfach viel zu ausführlich!” Denn sie machten Marina Hahnen darauf aufmerksam, was alles passieren könne. Dass zum Beispiel, wenn die Untersuchung der Lymphknoten ergibt, dass sich der Krebs schon weiter ausgebreitet hat, die Trachelektomie nicht ausreicht, um sie zu heilen. Dass dann doch die gesamte Gebärmutter entfernt werden muss. “Dem habe ich aber erst mal nicht zugestimmt”, sagt sie. “Das Risiko ist mir einfach zu groß.” Nein, aufwachen ohne Gebärmutter, das möchte sie wirklich nicht.

Die Gebärmutter kann nicht immer erhalten werden

Nun ist Marina Hahnen aber erst einmal eingeschlafen. Unter Narkose rollen die OP-Schwestern sie in den Saal hinein. Die Ärzte führen die Operation minimalinvasiv durch: vaginal und durch eine Bauchspiegelung (laparoskopisch). Zunächst muss die Patientin aber auf eine Liege, ihre Füße werden in Schienen eingepackt, die an dicke Skischuhe erinnern, und die Beine in einer geöffneten Position halten. Dann führt Gynäkologe Schneider ein Spekulum in die Scheide ein, eine Art metallener Trichter, der an den Seiten geöffnet ist und mit dem man die Scheide aufspreizen kann. Das ist notwendig, da der Arzt nun unter Vergrößerung eine blaue Flüssigkeit in den Gebärmutterhals spritzt. “Die Flüssigkeit läuft über das Lymphsystem zu den Lymphknoten und färbt sie blau”, sagt Schneider. Am stärksten eingefärbt werden die Wächterlymphknoten, damit sie gut zu erkennen sind.
Anschließend arbeiten die Ärzte laparoskopisch weiter, also durch hohle Metallstangen, sogenannte Trokare, die in ihrer Bauchdecke stecken und durch die kleine Instrumente in ihren Körper geführt werden. Mit diesen dringen die Operateure zur Gebärmutter vor. Auf einem Bildschirm, der das Geschehen im Inneren des Körpers der Patientin zeigt, sind die blaugefärbten Lymphgefäße im Rot und Gelb der Blutgefäße und des Fettgewebes deutlich zu erkennen. Mit einer sogenannten bipolaren Zange, die Gefäße trennt und mit elektrischem Strom gleichzeitig verödet, arbeiten sich die Ärzte zu den Wächterlymphknoten links und rechts des Gebärmutterhalses vor und entfernen jeweils zwei von jeder Seite. Diese holen sie aus dem Körper heraus, sodass sie im Labor untersucht werden können.
Nun geht es an die Entfernung des Gebärmutterhalses. Zunächst trennen die Ärzte die Gebärmutter laparoskopisch von der Blutversorgung ab, indem sie die Arterien mit kleinen goldenen Klammern abklemmen. So können während der OP keine größeren Blutungen auftreten. Dann geht die Arbeit vaginal weiter: Mit einer elektrischen Schere schneiden sie einen Zentimeter der Scheide sowie den gesamten Gebärmutterhals heraus und nähen anschließend den Muttermund des Gebärmutterkörpers mit der Scheide zusammen.
Zwischendurch klingelt im OP das Telefon. Es ist das Labor, die Ergebnisse der Schnelluntersuchung der Wächterlymphknoten sind da. In keinem der vier Knoten konnten Tumorzellen nachgewiesen werden. Marina Hahnen kann ihre Gebärmutter behalten.
*Namen geändert



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