Drogentherapie: Entzug ist erst der Anfang

Der Entzug ist für Suchtabhängige das Schlimmste – und zugleich nur der erste Schritt auf dem langen Weg in ein drogenfreies Leben. Hilfe finden sie in stationären Entzugskliniken

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Grafik: Fabian Bartel

Muskeln zittern, kalter Schweiß rinnt über die blasse Gänsehaut hinab. Schlaflos und vor Schmerz gekrümmt liegt Daniel* im Bett. Er ist auf Entzug. Sein Körper schreit nach Heroin. Kalte Schauer schütteln ihn. “Ich habe nur gekotzt, den ganzen Tag lang”, sagt der heute 22-Jährige. “Das war die Hölle.”
Damals war er gerade erst volljährig geworden. Hatte eine typische “Drogenkarriere” hinter sich: mit vierzehn geraucht und gekifft, mit sechzehn Lösungsmittel geschnüffelt und mit 17 Heroin geraucht. Er war von zu Hause abgehauen, hatte mehr oder weniger auf der Straße gelebt. Dann der Entschluss aufzuhören. Für den Entzug kehrte er zurück nach Hause, zur Mutter: kalt sollte er sein – das heißt ohne Medikamente, die die heftigen Entzugssymptome lindern könnten. In der Drogenszene wird dieser abrupte, kalte Entzug in Eigenregie wegen der heftigen Begleiterscheinungen auch Cold Turkey, also kalter Truthahn, genannt. Pate für diesen Begriff standen der kalte Schweiß und die Gänsehaut, die auch Daniel heimsuchten. “Die ersten vier Tage sind die schlimmsten”, sagt der junge Mann in schwarzer Jogginghose, das schwarze Basecap tief ins Gesicht gezogen. Seine Füße stecken in auffällig grün-grau glänzenden Sneakers, modisch und sicher nicht billig. Doch sein Gesicht erzählt die Geschichte einer Drogenkarriere, die vor acht Jahren begann. Die aufgedunsenen Augenlider hängen tief über den Augen. Seine Haut wirkt ungesund, vorzeitig gealtert.


Der erste Versuch zum Entzug dauert knappe drei Tage. Dann werden die Schmerzen durch die selbst verordnete Abstinenz übermächtig. Er macht sich auf zum Straßendealer. Doch statt wie sonst Heroin zu kaufen, um es von einer Alufolie zu rauchen, besorgt sich Daniel Methadon. Er will noch immer los vom Heroin. Und Methadon wird auch beim professionellen, sogenannten warmen Entzug eingesetzt. Es lindert die Symptome während der Entgiftung – hat aber auch einen gravierenden Nachteil: Es macht süchtig. Viele der Abhängigen wechseln so von der Heroin- zur Methadonabhängigkeit. Daniel schafft es zwar, seinen Organismus zu entgiften, doch das Wichtigste – nach der Entgiftung auf Dauer clean, sprich: abstinent, zu bleiben -, das schafft er nicht …


Heute, vier Jahre nach seinem ersten Ausstieg, hofft Daniel in der Entzugsstation Count Down des Drogentherapie-Zentrums Berlin professionelle Unterstützung zu finden, um endlich clean zu werden. Schwere Tage und schlaflose Nächte liegen vor ihm. Es ist der mittlerweile fünfte Entzug des 22-Jährigen. Hier in der Frankfurter Allee 40, in einem ausgebauten Dachgeschoss finden nicht nur Heroinabhängige Hilfe. Viele entgiften auch von sogenannten Partydrogen wie Kokain, Ecstasy, MDMA oder Amphetamin. Ein gutes Viertel der Patienten gibt Heroin als Hauptdroge an, sechs Prozent wollten hauptsächlich vom Kokain entgiften. Doch hinter diesen Zahlen verbirgt sich oft ein gefährlicher Mischkonsum. Viele nehmen mit, was sich so bietet. Gefragt nach ihrem Konsum im Monat vor der Entgiftung, antworteten 83 Prozent mit Cannabis, 77 Prozent mit Alkohol, 30 Prozent mit Amphetaminen, 26 Prozent mit Kokain und 25 Prozent mit Heroin. Mit 96 Prozent rauchte nahezu jeder.

 

Wer in der Entzugsstation Drogen nimmt, fliegt raus.

Bevor ein Neuankömmling wie Daniel im Count Down aufgenommen wird, filzen die Mitarbeiter den Patienten und sein Hab und Gut. “Im Hemdkragen eingenähte Beruhigungstabletten sind keine Einzelfälle”, sagt Sozialarbeiterin Simone Quentemeier. Sie ist seit Jahren für die Aufnahme der Patienten zuständig und kennt die Tricks mittlerweile recht gut. Damit deren geschulten Augen etwas entgeht, müssen die Patienten schon höchste Kreativität beweisen. Nur selten gelingt es den Patienten, etwas in die Station hinein zu schmuggeln. “Kommt aber auch vor”, sagt Quentemeier. “Wer kommt schon auf die Idee, dass jemand in einer Zahnfüllung Heroin versteckt?”


Doch früher oder später wird jeder Drogenkonsum aufgedeckt, so wie auch die besondere Zahnfüllung aufflog. Denn was in den Körper reinkommt, muss früher oder später auch wieder raus. Deshalb müssen Patienten drei Mal in der Woche eine Urinprobe “unter Sicht” abgeben – während die Männer in einen kleinen Plastikbecher urinieren, wacht hinter ihnen der Pfleger darüber, dass die Probe nicht manipuliert wird. “Wir können an dem Testergebnis nicht nur ablesen, ob konsumiert wurde, sondern auch wann”, erklärt die Sozialarbeiterin. Und die Regeln sind eindeutig: Wer nach der Aufnahme Drogen nimmt, fliegt raus. Doch nur 29 von 536 Patienten, also rund fünf Prozent, wurden im Jahr 2011 disziplinarisch entlassen. Damit das so selten wie möglich passiert, gibt das Team vom Count Down strikte Regeln vor. Während des zehn, mit Verlängerung bis zu 14 Tage währenden Aufenthaltes werden die Patienten von der Außenwelt abgeschottet. Lediglich zwei private Telefongespräche dürfen sie während der Zeit führen. Damit keine Drogengeschäfte verabredet werden, hört jemand vom Count-Down-Team mit.


Ein Spaziergang durch den Friedrichshainer Kiez ist nur in Begleitung eines Pflegers erlaubt. Er kontrolliert, dass die strikte Kontaktsperre zu alten Bekanntschaften auch draußen auf der Straße eingehalten wird. Das klingt zunächst nach Wegsperren. “Doch viele kommen gerade deshalb”, sagt Regine Tiggemann, pädagogische Leiterin der Station. Die Patienten bräuchten die vorübergehende Isolation, um den Verführungen im Alltag und durch Bekannte zu entkommen und erst einmal das gröbste Verlangen nach der Droge zu überwinden. Doch nicht nur von alten Straßenkumpels droht Gefahr, selbst das Radio kann hier einen schlechten Einfluss ausüben. “Zwei Berliner Sender haben wir indiziert, weil sie oft Musik spielen, in der Saufen und Kiffen verherrlicht werden”, sagt Tiggemann. Die Patienten sollen hier auf andere Gedanken kommen. Und da kann Musik die Lust auf die Droge wecken und so die ganze Therapie gefährden. Deshalb hat das Team vom Count Down auch immer ein Ohr für die Gespräche der Patienten untereinander. Wenn sie in dem großen Gemeinschaftsraum zusammen in den Sofas entspannen, sollen sie sich nicht mit Drogengeschichten anstacheln. Auch Nadeln kommen zum Einsatz, um den Suchtdruck etwas zu mildern. Beim sogenannten Nada-Akkupunkturverfahren werden verschiedene Punkte des Ohres stimuliert. Das soll entspannen, ausgleichen und die Begierde nach der Droge stillen.

 

Sucht ist keine Frage des Willens, sondern eine chronische Erkrankung.

Aber manchmal komme man trotz allem nicht gegen das Craving – so der in der Szene weitverbreitete Begriff für den Suchtdruck – an. Sucht ist keine Frage des Willens, sondern eine chronische Erkrankung. Einen Suchtkranken kann sein ganzes Leben lang ein plötzliches Verlangen nach der Droge packen. Die Herausforderung ist, sich davon nicht überwältigen zu lassen. Aber niemand wird gezwungen, im Entzug zu bleiben. “Letzten Endes ist jeder freiwillig hier und kann jederzeit gehen”, sagt Regine Tiggemann. Rund 17 Prozent der Patienten brachen 2011 den Entzug ab. Viele kommen wieder.
“Einige Patienten können wir schon mit Namen begrüßen, wenn sie zu uns kommen”, sagt Sozialarbeiterin Quentemeier. Rund 39 Prozent der Patienten, die das Count Down im Jahr 2011 behandelte, hatten schon mindestens einmal zuvor stationär entgiftet. Den Rekord halte ein 60-Jähriger mit 32 Entzugstherapien. Einige schaffen nie den Absprung.
Daniel musste am eigenen Leib erfahren, wie gefangen er als Abhängiger in seinem Verlangen nach der Droge ist. Bereits vor zwei Jahren hatte er eine Entgiftung im Count Down abgebrochen – er hielt den kalten Entzug ohne Methadon nicht aus. Auf eigene Faust therapierte er sich selbst, diesmal mit dem starken Schmerzmittel Tilidin. Den Stoff besorgte er sich wieder illegal auf der Straße. Das Gesetz spielte für ihn keine Rolle, denn seine Schmerzen wischten jedes Hadern in diesem Moment weg.


Es gelang ihm, seine Heroinabhängigkeit selbst zu kurieren, doch die Sucht holte ihn abermals ein. Erst rauchte er Gras, dann lief seine ABM-Stelle vom Arbeitsamt aus. “Ohne Job bin ich dann schnell wieder abgerutscht, hab angefangen auf Partys Speed und Pillen zu nehmen.” Doch dabei blieb es nicht. “Klar, irgendwann hab ich dann auch gekokst, nicht nur wenn ich feiern war.”

 

Der Knast ist ein schlechter Ort um zu entziehen

Kokain kostet auf der Straße 50 bis 90 Euro. Zu viel Geld, um die Rechnung von 374 Euro Hartz-IV begleichen zu können. “Ich hätte jeden kaputt gehauen, um an Geld zu kommen”, sagt er, den Blick ins Leere gerichtet. Kupfer und anderes Metall habe er geklaut, um sich Geld zu beschaffen. Vier bis fünf Euro bekam er pro Kilo. Der volkswirtschaftliche Schaden der sogenannten Beschaffungskriminalität lässt sich nur schwer beziffern. Denn Beschaffungskriminalität ist kein juristischer Begriff, weshalb er auch nicht in der Polizeistatistik auftaucht.


Daniel musste seine Diebstähle mit mehreren Haftstrafen sühnen. “Moabit hat mich depressiv gemacht”, sagt er. Sechs Monate allein in einer Zelle weggesperrt zu sein, lediglich eine Stunde Ausgang im Gefängnishof – das möchte der 22-Jährige nicht noch einmal erleben. Als Entzugsstation aber taugt der Berliner Knast wenig, denn auch dort gibt es Drogen. “Da kommt man ohne Probleme ran”, sagt Daniel. “Aber das Zeug ist noch teurer als auf der Straße. Da wirst du richtig arm.”
Daniel will raus aus dem ewigen Kreislauf aus Abhängigkeit und Gewalt. Er will nicht mehr der “Junky” sein, auf den die Gesellschaft herabblickt. Den ersten Schritt, um die Abhängigkeit vom Kokain, Amphetamin, Ecstasy und Cannabis zu überwinden, ist er bereits gegangen.


Im Count Down haben die Patienten um zehn Uhr bereits gemeinsam gefrühstückt, ihre Betten gemacht und die Räume gefegt. Auch wenn es einigen zunächst schwerfällt, solche alltäglichen Aufgaben bringen wieder Struktur in ihr Leben, denn die haben sie in den Jahren, in denen die Abhängigkeit ihr Leben bestimmte, meist verloren. “Unser Programm stimmen wir auf die Symptome der Patienten ab”, erläutert die ärztliche Leiterin des Hauses Uta Drunkenmölle-Wege. “Durch den Drogenmissbrauch leiden viele unter Konzentrationsschwäche, Unruhe und sind nicht lange belastbar.” Deshalb wechseln sich Bewegung, Gespräche und Ruhephasen ab. Entspannungsbäder sollen Muskelkrämpfe lindern und wer über zu viel Energie verfügt, kann sich im Kraftraum verausgaben.

 

Der Entzug ist erst der Anfang vom Ende

Bei einer Zigarette abschalten, können die Patienten auf einer langen Dachterrasse, die sich u-förmig um den Innenhof des Count Downs zieht. Achim*, einer der Patienten, doktort dort nach dem gemeinsamen Putzdienst an der Begrünung herum, zupft welke Blätter ab und lockert den Boden. Sein pinkes Muskelshirt gibt den Blick auf tätowierte Arme frei. Wikinger rechts, Totenköpfe links. “Das steht für meine beiden Seiten. Gut und Böse”, sagt er. Wie die meisten Patienten im Count Down kleidet er sich mit Trainingshose und Badelatschen leger. “Viel zu wenig Pflanzen”, sagt er. “Hier könnte man noch einiges machen.” Achim hat einen grünen Daumen, schließlich ist er Friedhofsgärtner. “Ich liebe meinen Job”, sagt er noch, um dann jäh unterbrochen zu werden. Es ist Zeit für die alltägliche Gesprächsrunde.


Denn zwischen Frühstück und Mittag setzen sich Patienten, Pfleger und Psychologen zusammen, um zu besprechen, was auf dem Herzen liegt. “Hier herrscht das Augenprinzip”, sagt Regine Tiggemann. Jeder könne jeden sehen und geredet werde auf Augenhöhe, nacheinander. Und das erstaunlich offen, denn schnell fließen Tränen. Auch Achim weint – vor Glück. “Ich bin endlich wieder Mensch”, schluchzt er. Acht Tage ist er bereits hier, übermorgen kann er gehen. Achim, der gebürtige Kreuzberger, ist 49 Jahre alt. Auch er ist nicht zum ersten Mal im Count Down. Die historische Wende, den Fall der Mauer, verbrachte er im Knast, weil er mit Marihuana gedealt hatte. Die Jahrtausendwende verbrachte er im Count Down, um vom Methadon, das im warmen Entzug das Heroin ersetzte, los zu kommen. Es war der Entzug vom Entzug. “Seit dem habe ich das Zeug nicht mehr angerührt und werde es auch nie wieder tun.”


Achim wirkt erholt. Nachdem die Tränen weggewischt sind, kommt wieder seine Frohnatur zum Vorschein. Er lacht viel und spricht jenen in der Runde, die Zweifel hegen, Mut zu. “Wenn man hinfällt, muss man aufstehen”, sagt er.
Diesmal war Achim wegen Partydrogen wie Ecstasy und Speed hier. Der übermäßige Konsum löste bei ihm eine Psychose aus. “Ich hab’ mich verfolgt gefühlt”, sagt Achim. “Das war voll der Psychoterror.” Aus dem Gröbsten ist er nun raus, doch jeder hier weiß, dass der Entzug erst der Anfang vom Ende ist. Für einen dauerhaften Ausstieg aus der Sucht ist die Vermittlung in eine ambulante oder stationäre Therapie oder ins betreute Wohnen nach dem Entzug deshalb unentbehrlich.
Achim wird zwei Tage später nach Neukölln in eine stationäre Reha umziehen, Regine Tiggemann hat dafür gesorgt, dass das reibungslos klappt. Sechs Monate wird Achim dort verbringen. Aber jetzt ist etwas anderes wichtiger: Ein Pfleger hat Erde, Töpfe und kleine Setzlinge aus dem Baumarkt beschafft. “Das machen wir hier jetzt noch richtig schick”, sagt Achim. So hinterlässt er Daniel und den anderen Patienten nicht nur seine aufbauenden Worte, sondern auch ein Stückchen Leben, das bald blühen wird.



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