Dickdarmkrebs: Auf die Naht kommt es an

Dickdarmkrebs ließe sich durch Vorsorgeuntersuchungen meist vermeiden. Doch auch Operationen können Leben retten. Entscheidend ist dabei die Naht

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Grafik: Fabian Bartel


Elke Schneider* hatte die Warnsignale lange beiseite geschoben. Das Drücken, das Ziehen im Bauch. Doch irgendwann hielt es die 45-jährige Berlinerin nicht mehr aus und ging zum Arzt. Als ihr Gastroenterologe mit der Darmspiegelung begann, bemerkte er sofort, wie schlimm es um seine Patientin bestellt war. Sein Koloskop mit einem Durchmesser von etwa einem Zentimeter kam nicht durch. So stark hatte Elke Schneiders Tumor bereits den inneren Darmdurchgang verschlossen.
Der Arzt rief bei Thomas Steinmüller an – und der Chefarzt des Darmzentrums in den DRK Kliniken Berlin am Standort Westend bestellte Elke Schneider für den nächsten Tag zu sich. Die Diagnose: Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium, ein schlimmer Fall. Der Krebs hatte bereits gestreut, in der Leber fanden die Ärzte eine Metastase. “Am Montag operieren wir”, sagte Steinmüller der Patientin.
Fünf Tage später sitzt Thomas Steinmüller im Besprechungsraum des Darmzentrums. Der gebürtige Berliner bereitet sich auf die Operationen des Tages vor. In den DRK Kliniken Berlin am Standort Westend gibt es jedes Jahr rund 250 Darmoperationen, beim Dickdarmkrebs sind es rund die Hälfte. Thomas Steinmüller hat in seiner Laufbahn bereits mehr als tausend Mal operiert, schätzt er. Neben Elke Schneider wartet an diesem Tag auch Dieter Arras* auf einen Eingriff. Bei dem 54-Jährigen hatte ein Arzt bei einer Vorsorgeuntersuchung einen Polypen festgestellt – also eine Vorstufe von Darmkrebs. Weil sich aus ihm ein Krebs entwickeln kann, werden grundsätzlich alle entdeckten Polypen entfernt. Meistens geschieht das mit der Darmspiegelung, wenn das nicht geht, muss operiert werden.
“Das ist sozusagen die Minimalvariante”, erklärt Steinmüller. Möglicherweise habe der Patient noch gar keinen Krebs – dann sei er nach erfolgreicher Operation aber auf jeden Fall geheilt. Und sollte sich bei der Untersuchung durch den Pathologen herausstellen, dass es doch ein Karzinom war und schon Lymphknoten befallen waren, dann könne man dies mit einer Chemotherapie bewältigen.

Dickdarmkrebs kann bei rechtzeitiger Entdeckung gut geheilt werden

Bei Elke Schneider sieht es dagegen anders aus. “Die Patientin kam, als es eigentlich schon zu spät war”, sagt Steinmüller. Wäre sie früher gekommen, hätte man den Krebs wahrscheinlich erfolgreich im Frühstadium bekämpfen können. Denn bis sich ein Polyp zum Karzinom entwickelt, können bis zu zehn Jahre vergehen. Dickdarmkrebs ist eine der häufigsten Krebserkrankungen in Deutschland. Jedes Jahr erkranken zwischen 60 000 und 70 000 Menschen daran, Tendenz steigend. In seltenen Fällen sind es erblich bedingte Krebsarten. Meistens sind es aber andere Ursachen. Zum einen gehen Experten davon aus, dass die Lebensgewohnheiten in den westlichen Industrienationen, also der Konsum von viel Kohlenhydraten, Fetten und Alkohol, das Darmkrebsrisiko erhöhen. Schließlich erkranken Menschen im Fernen Osten oder Afrika deutlich seltener an Darmkrebs. Zudem nimmt das Darmkrebsrisiko im Alter zu – also steigen in unserer alternden Gesellschaft auch die Darmkrebserkrankungen.
Die Heilungschancen sind bei rechtzeitiger Erkennung allerdings sehr gut. Deswegen empfehlen Ärzte, ab dem 45. Lebensjahr den Stuhl untersuchen zu lassen und ab dem 55. Lebensjahr zur vorsorglichen und von den Krankenkassen bezahlten Darmspiegelung zu gehen. Denn treten Symptome wie Blut im Stuhl auf, ist der Krebs meist schon im fortgeschrittenen Stadium. Doch leider nehmen immer noch zu wenige Männer und Frauen dieses Angebot wahr, klagen Experten.
Thomas Steinmüller verlässt das Besprechungszimmer im zweiten Stockwerk der DRK Kliniken Berlin-Westend und macht sich auf den Weg in den Keller. Es ist 10.10 Uhr, als sich der Chefarzt im Umkleideraum den blauen Operationskittel überstreift, die grüne Haube auf den Kopf setzt und den Mundschutz zurechtrückt. Dann betritt Steinmüller den Operationssaal. Dort liegt Dieter Arras bereits unter Vollnarkose auf dem OP-Tisch. Im abgedunkelten Raum stehen mehrere Ärzte und Schwestern um den Patienten herum. Dieser ist mit blauen Tüchern bedeckt, zu sehen ist von ihm lediglich der riesige, medizinballgroß aufgeblähte Bauch. Der hat seine Form, weil die Ärzte über einen Schlauch, der seitlich des Bauchnabels in die Bauchhöhle eintritt, Kohlendioxid hineinpumpen. Die Chirurgen brauchen Platz zum Arbeiten.

Neben Polypen und Tumor müssen auch Lymphknoten entfernt werden

Die Operation bei Dieter Arras verläuft minimalinvasiv. Bei dieser umgangssprachlich auch als Schlüssellochchirurgie bezeichneten Operationsform erfolgt der Zugriff in die Darmgegend über mehrere kleinste Hautschnitte im Bauchbereich. In diese werden dann chirurgische Instrumente, Videokamera und Lichtquellen eingeführt. Das Licht lässt den Bauch ab und zu rot aufleuchten. Die Operation erfolgt im Inneren des Körpers, die Ärzte können sich an den Aufnahmen der Videokamera orientieren, deren Bilder auf einen Monitor überhalb des Operationstisches übertragen werden. Dort sieht man, wie sich Oberarzt Ralf Uhlig durch die Magengegend tastet. Er muss den vom Gastroenterologen bei der Darmspiegelung von innen mit Tusche markierten Polypen im Querdarm finden. Keine leichte Aufgabe. Denn um das gräuliche Organ liegen große Massen von gelbbraunem Fettgewebe und verdecken den Blick. “Dieser Mann ist unglaublich dick. Das macht es schwierig”, sagt Steinmüller. Er und Oberarzt Uhlig schieben die Masse beiseite und trennen sie immer wieder vom Darm. Das geschieht mit einem Spezialskalpell, welches durch Stromfluss die Gefäße verkocht und Blutungen verhindert. Auf dem Monitor sieht man, wie Dampf in der Bauchhöhle entsteht.
Schließlich haben die Chirurgen die markierte Stelle entdeckt. Der Polyp ist laut Diagnose fünf bis zehn Zentimeter groß. Rund 25 Zentimeter Darm müssen die Chirurgen entfernen. “Die intelligente Angelegenheit bei dieser OP ist aber nicht die Entfernung des Polyps, sondern der Lymphknoten und des Lymphabstromgebietes”, erklärt Steinmüller. Schließlich müsse man mindestens zwölf Lymphknoten untersuchen, um herauszufinden, ob diese auch betroffen sind. “Die ganze Nachbehandlung hängt ja ganz wesentlich vom Status der Lymphknoten ab.”

“Wenn es etwas Kritisches gibt, dann ist es die Naht.”

Nun öffnet Oberarzt Uhlig mit einem Skalpell die Bauchdecke. Dann übernimmt Thomas Steinmüller und schneidet erst einiges der Fettmasse um die Stelle des Querdarmes außerhalb des Körpers weg, dann das Stück des Querdarmes, welches sie auf den Operationstisch legen. Dann kommt der wichtigste Teil der Operation. “Wenn es etwas Kritisches gibt, dann ist es die Naht. Das ist die Achillesverse”, sagt Steinmüller.
Häufig erledigen Spezialgeräte inzwischen diese Arbeit. Doch an dieser Stelle des Querdarmes ist damit schwer ranzukommen. Also entscheidet sich Steinmüller zur Handnaht. Er macht einige U-förmige Bewegungen, um eine Nadel mit einem resorbierbaren Faden durch das Gewebe zu stechen und mit der Pinzette auf der anderen Seite wieder herauszuziehen. Rund 50 Stiche sind für diese Handnaht notwendig. Als Chirurg muss man auch ein guter Handwerker sein. Bei Elke Schneider verläuft die Operation anders. Auf dem Monitor in Operationssaal 6 erkennt man, wie die Ärzte sich durch die Magengegend tasten. Schließlich gelangen sie zur Leber, die als braungräulicher Lappen daliegt, mit einem leicht geröteten, gelblichen Fleck. Das ist die Metastase. Sie soll bei einem späteren Eingriff herausoperiert werden.
Um an den im unteren Bereich des Darmes liegenden Tumor zu gelangen, schneiden die Ärzte die Bauchdecke oberhalb der Schamhaargrenze auf, eine Klammer hält die Bauchdecke auf. Oberärztin Mechthild Hermanns und Chefarzt Steinmüller beugen sich über die geöffnete Stelle und schieben eine Folie hinein. Diese soll verhindern, dass der befallene Darmabschnitt den Rest des Gewebes kontaminiert. Mechthild Hermanns zieht den Darm mit dem umliegenden Lymphgewebe heraus, es ist eine rötliche Masse, rund 30 bis 40 Zentimeter lang. “Man braucht einen Sicherheitsabstand zu beiden Seiten des Karzinoms”, erklärt Steinmüller. Dann schneidet er das Stück heraus und legt es auf den OP-Tisch.

Tumore können zu einem lebensbedrohlichen Darmverschluss führen

Bei Elke Schneider hatte der etwa fünf Zentimeter große Krebstumor beinahe zum Darmverschluss geführt. Dieser ist lebensbedrohlich und kann dazu führen, dass die Patienten im Extremfall Stuhl erbrechen – oder aber der Darm platzt. Steinmüller drückt mit seinem Finger auf den Tumor, er ist weiß und hart. “Das hat nichts mehr mit normalem Gewebe zu tun”, sagt der Professor. “Das ist Krebs. Krebs ist böse. Krebs ist schlecht. Krebs müssen wir bekämpfen.”
Dass ein Teil des Dickdarmes entfernt wird, hat für den Patienten keine negativen Nebenwirkungen, bestätigt Hubertus Wenisch vom Ernstvon- Bergmann-Klinikum in Potsdam. “Jeder Mensch hat etwa zwei bis 2,2 Meter Dickdarm. Wenn man die Hälfte entfernt, hat das funktionell keine Konsequenzen”, sagt er. Schließlich werden im Dickdarm nur Flüssigkeit aufgenommen und keine Nahrungsbestandteile. “Das heißt, die Leute können sich nach einer kurzen Umgewöhnungszeit wieder normal ernähren.” Teilweise könne man schon mal bis zu 1,5 Meter Dickdarm entfernen, so Wenisch.
Im Operationssaal 6 der DRK Kliniken Berlin-Westend zählen die Schwestern mittlerweile die Tupfer, die auf dem OP-Tisch liegen. Nicht, dass die Ärzte einen davon im Körper des Patienten vergessen. An der Wand hängt ein Plakat, auf dem steht: “Jeder Tupfer zählt. Count in – count out.”
Steinmüller macht sich an die Naht. Im oberen Ende des Dickdarmes setzt er einen Kunststoffkopf ein. Das dazu passende Gegenstück leitet er durch den Anus in den unteren Teil des Darmendes. Als die beiden Darmenden zusammenkommen, übernimmt ein Spezialgerät den Rest – und tackert mit einer Doppelklammernaht von innen die Darmenden zusammen. Die Klammern sind aus Stahl und sollen für ein Leben halten. Die Nähte sind aus Kunststoff, der sich im Körper nach zwei bis drei Monaten aufgelöst haben wird. Schließlich kann Steinmüller das Gerät nun mit dem Aufsatzkopf vollständig aus dem Anus ziehen.
Ob die Naht dicht ist, untersucht Steinmüller mit einer einfachen Methode, vergleichbar mit dem Überprüfen einer Flickstelle im Fahrradschlauch. Er füllt die Bauchhöhle mit Wasser und pumpt Luft in den Darm hinein. Dabei sieht er mit dem Auge nach, ob Wasserblasen aufsteigen – was hier nicht der Fall ist. Die Naht ist sicher, die Operation ist so gut wie beendet. Vier kleine Narben im Bauch und eine kleine Narbe im Schamhaarbereich werden als einzige äußerliche Anzeichen davon übrig bleiben.
Im Umkleideraum zieht sich Steinmüller den Mundschutz aus dem Gesicht, streift seinen Operationskittel ab, und wirft ihn in den Wäschebeutel. Dann sagt er: “Chirurgie hat nichts mit Schlachtbank zu tun. Eher mit Goldschmiedearbeit. Das ist etwas Feines, etwas Ästhetisches.” Ob ihm seine Arbeit noch Spaß mache, nach mehr als tausend Operationen? Thomas Steinmüller überlegt nicht lange. “Diese Frau wäre ohne OP in ein paar Monaten tot. Dann machen sie eine OP und sie kann noch ein paar Jahre leben. Das ist etwas sehr Schönes.”
*Name geändert



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