Dialyse: Regelmäßige Blutwäsche

Wenn die Nieren versagen, müssen Dialysemaschinen die lebensnotwendige Entgiftung übernehmen – solange kein Spenderorgan in Sicht ist


Ein sonniger Freitagmorgen im April, kurz nach acht Uhr. Vor wenigen Minuten war das Zimmer im Erdgeschoss des St.-Joseph-Krankenhauses in Berlin-Tempelhof noch leer und still. Nun sind alle vier Betten belegt und ein rhythmisches Pumpen erfüllt den Raum. In einem der Betten, dem gleich rechts neben der Tür, liegt Stefanie Großjohann*.
Die 48-jährige Berlinerin mit den rotbraunen schulterlangen Haaren ist an diesem Morgen früh aufgestanden und mit dem Auto zur Klinik gefahren. Sie ist die langen, mit marmoriertem Linoleum ausgelegten Flure bis zu diesem Zimmer entlanggegangen, dort hat sie ihre Schuhe ausgezogen und sich unter die Bettdecke gelegt. Das macht sie drei Mal die Woche so, seit fünf Jahren. Denn Stefanie Großjohann ist Dialyse-Patientin.
Das rhythmische Pochen, das das sonnendurchflutete Krankenhauszimmer erfüllt, kommt von den Apparaten, die an den Kopfenden der vier Betten stehen. Die großen blauen Kästen auf rollbaren Metallgestellen haben viele Tasten, leuchtende Anzeigen und Schläuche: Es sind Dialysemaschinen, die das Blut von Stefanie Großjohann und ihren Zimmergenossen reinigen und überschüssiges Wasser aus ihren Körpern heraustransportieren.

Tückisch: Nierenerkrankungen bemerkt man erst sehr spät

Normalerweise machen das die Nieren. Das Zwillingsorgan befindet sich im Bereich der Lendenwirbelsäule und ist dafür zuständig, Gifte aus dem Blut zu filtern und den Urin zu produzieren, über den diese Gifte aus dem Körper ausgeschieden werden. Dadurch regelt es außerdem den Flüssigkeitshaushalt des Körpers. Die Nieren von Stefanie Großjohann können diese Aufgabe jedoch nicht mehr ausreichend übernehmen: Sie leidet unter chronischem Nierenversagen. Dieses beruht auf einer jahrelangen fortschreitenden Nierenerkrankung. Bei den meisten Dialysepatienten geht diese auf einen schlecht eingestellten Diabetes zurück oder auf eine Arteriosklerose (“Arterienverkalkung”), bei der die Nierengefäße durch anhaltenden Bluthochdruck geschädigt werden. Auch Zysten oder der Missbrauch von Schmerzmitteln (vor allem mit solchen, die den Wirkstoff Ibuprofen enthalten) können das Nierenversagen hervorrufen. Bei Stefanie Großjohann ist es eine chronische Entzündung, die das lebenswichtige, aber auch sehr empfindliche Organ schrumpfen lässt.
Das Tückische an Nierenerkrankungen ist, dass man sie erst sehr spät bemerkt. “Sie tun nicht weh”, sagt Christiane Erley, Chefärztin der Medizinischen Klinik II mit Nephrologie am St.- Joseph-Krankenhaus. Außerdem könne das Zwillingsorgan sehr viel kompensieren. Erst wenn die Nieren nur noch weniger als ein Drittel ihrer eigentlichen Leistungen erbringen, klagen Betroffene über Konzentrationsmangel, Schlaflosigkeit, allgemeines Schwächegefühl, Appetitlosigkeit oder Übelkeit.
Bei Stefanie Großjohann hatten die Ärzte in einer Routineuntersuchung festgestellt, dass ihr Urin zu viel Eiweiß enthält, ein Zeichen dafür, dass die Nieren nicht mehr richtig arbeiten. Ein auf Nierenerkrankungen spezialisierter Arzt, ein sogenannter Nephrologe, diagnostizierte dann ihre chronische Nierenentzündung. Weder eine phosphatarme Ernährung, das heißt mit wenig Milchprodukten oder Nüssen, noch eine Therapie mit dem Medikament Cortison halfen. Jahrelang litt die alleinerziehende dreifache Mutter immer wieder unter Übelkeit und Erbrechen, weil ihre Nieren nicht mehr genug Giftstoffe aus dem Körper herausfiltern konnten. “Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem die Ärzte mir sagten, dass ich an die Dialyse muss”, sagt sie und zuckt mit den Schultern. “Da kann man nichts machen.”

Immer mehr Menschen leiden unter der Zivilisationskrankheit Diabetes

In Deutschland sind zwischen 70 000 und 80 000 Menschen dialysepflichtig, rund 5000 davon leben in Berlin und Brandenburg. Die Tendenz ist steigend, da immer mehr Menschen unter den Zivilisationskrankheiten Diabetes und Bluthochdruck leiden. Das kann dramatische Folgen haben. “Die Lebenserwartung von Dialyse-Patienten ist deutlich kürzer als die von gesunden Menschen”, sagt Nierenärztin Erley. Sie könne gut 20 Jahre unter der durchschnittlichen Lebenserwartung von rund 77 Jahren bei Männern und 82 Jahren bei Frauen liegen. Denn die Dialyse begünstige Bluthochdruck und Arteriosklerose weiter, “da sie wahrscheinlich auch die Stoffe aus dem Blut entfernt, die einer Verkalkung der Arterien entgegenwirken”.
Stefanie Großjohann hat dennoch keine Wahl. Würde sie sich nicht drei Mal die Woche für vier Stunden an die Dialysemaschine legen, würde sie langsam aber sicher vergiftet. Eine Alternative wäre eine Nierentransplantation. Doch Spenderorgane sind rar: Derzeit beträgt die Wartezeit auf eine Nierenverpflanzung sieben bis neun Jahre.
Die Rentenversicherungsberaterin ist also vorerst auf die Blutwäsche und damit auf den rhythmisch pumpenden blauen Kasten an dem Kopfende ihres Krankenhausbettes angewiesen. Über zwei Schläuche ist sie mit ihm verbunden, sie stecken mit etwa bleistiftminendicken Nadeln in ihrem linken Arm, kurz oberhalb des Handgelenkes. Über den einen zieht die Blutpumpe der Dialysemaschine das Blut aus ihrem Körper heraus und führt es zu dem Dialysator, der auch als künstliche Niere bezeichnet wird. Das ist ein Behälter, dessen länglichrunde Form an eine Rohrpostkartusche erinnert. In seinem Inneren fließt das Blut durch viele kleine Röhrchen, die aus einer Kunststoffmembran bestehen. Um die Röhrchen herum strömt in entgegengesetzter Richtung zum Blut eine Flüssigkeit, die Dialyselösung. Da die Membran der Röhrchen durchlässig ist und die Konzentration der Giftstoffe im Blut höher ist als die in der Lösung, findet ein Austausch zwischen den beiden Flüssigkeiten statt: Stoffe wie beispielsweise der Harnstoff wandern aus dem Blut heraus in die Dialyselösung, das Blut wird dadurch gereinigt. Anschließend wird es über den zweiten Schlauch wieder in den Körper zurückgeführt. Bis zu 300 Milliliter Blut fließen pro Minute durch die Dialysemaschine. Das macht in den vier Stunden, in denen Stefanie Großjohann an sie angeschlossen ist, rund 65 Liter.
Diese Art der Blutwäsche nennen Mediziner Hämodialyse. Sie findet meist in ambulanten Dialysezentren oder in Kliniken, die wie das St.Joseph Krankenhaus eine eigene Dialysestation haben, statt und ist in Deutschland sehr weit verbreitet: Rund 95 Prozent aller Dialysepflichtigen wenden sie an. Manche von ihnen bleiben auch über Nacht in der Klinik, um sich ihr Blut acht Stunden lang reinigen zu lassen. “Das ist eigentlich die beste Variante”, sagt Chefärztin Erley. Denn vier oder fünf Stunden Blutwäsche seien im Grunde nicht ausreichend. Die Anzahl der Krankenhausbetten für die Nachtdialyse sei jedoch noch sehr begrenzt, außerdem wolle nicht jeder Patient in der Klinik übernachten.

Bauchfelldialyse: Auch am Arbeitsplatz möglich

Eine Alternative zu der Hämodialyse ist die sogenannte Bauchfell- oder Peritonealdialyse, die die Patienten auch alleine durchführen können. Dabei werden bis zu zweieinhalb Liter der Dialyselösung per Infusion über einen dauerhaft eingesetzten Katheter in den Bauchraum eingebracht. Dort überzieht das gut durchblutete Bauchfell alle Organe und übernimmt die Funktion der Dialysemembran: Da die Konzentration der Giftstoffe im Blut höher ist als in der Dialyselösung, wandern diese durch die Kapillaren des Bauchfells in die Lösung.
Stefanie Großjohann hat diese Blutwäscheart zwei Jahre lang praktiziert. “Das war praktisch, da ich das auch bei meiner Arbeitsstelle machen konnte”, sagt sie. Doch dann entzündete sich ihr Bauchfell, der Katheter musste raus. Nachdem die Entzündung abgeheilt war, wollte sie eigentlich wieder mit der Peritonealdialyse beginnen. “Aber meinen Kindern war es lieber, wenn ich es hier im Krankenhaus mache”, sagt sie und klingt dabei ein wenig resigniert. “Dann bekommen sie weniger davon mit.” Deswegen ist sie nun für die Zeit der Dialyse von der Arbeit freigestellt.

Shunt: Kurzschluss zwischen Arterie und Vene

Für eine Hämodialyse ist es notwendig, dass viel Blut mit hohem Druck durch die Adern fließt, die mit der Dialysemaschine verbunden sind. Das jedoch trifft auf die Venen, die dicht unter der Haut des Unterarms verlaufen, nicht zu. Genug Blut führen nur die Arterien. Diese liegen aber zu tief im Arm und sind daher nur schwer zu erreichen. “Außerdem ist eine Punktion der Arterien sehr schmerzhaft”, sagt Ralph Debbert, Leiter des Hämodialyse-Shunt-Zentrums am St.-Joseph-Krankenhaus.
Deshalb erhalten die Patienten einen sogenannten Shunt, der auch als Dialysefistel bezeichnet wird. “Das ist eine operative Verbindung zwischen einer Vene und einer Arterie”, sagt Debbert. Meist wird sie im Unterarm angelegt – bei Rechtshändern im linken und bei Linkshändern im rechten. Die Shunt-OP kann ambulant oder stationär durchgeführt werden und dauert etwa eine Stunde. Sie findet unter lokaler Betäubung statt, der Patient ist also wach, nur sein Unterarm ist betäubt.
Nach der Operation muss der Shunt noch vier bis sechs Wochen “reifen”, wie die Mediziner sagen. Das bedeutet, dass die Naht zwischen den beiden Blutgefäßen verheilt und sich die Wand der Vene verstärkt. Denn unter dem stärkeren Blutfluss dehnt sie sich um das Doppelte bis Dreifache ihrer bisherigen Größe von rund einem Millimeter auf und muss dementsprechend stabil sein. Deshalb sei es sehr wichtig, dass sich Patienten mit chronischem Nierenversagen frühzeitig einen Shunt legen lassen, sagt Debbert. Denn wenn die Gefäße punktiert würden, bevor sie richtig abgeheilt sind, könnten sie platzen.
Doch selbst wenn ein Shunt richtig abgeheilt ist, kann er später Probleme verursachen. Denn durch die ständigen Punktionen mit Nadeln für die Dialyse wird er immer wieder verletzt, was dazu führen kann, dass er sich verengt oder ganz verschließt. Dann ist eine weitere OP notwendig. “In der Regel ist ein Shunt vier Jahre lang funktionstüchtig”, sagt Debbert. Deshalb sei es wichtig, den ersten möglichst weit unten beim Handgelenk anzulegen. “Schließlich weiß man nie, wie lange ein Patient die Dialyse braucht.”
Stefanie Großjohann hatte bisher noch keine Probleme mit ihrer Dialysefistel, sie ist offen, pumpt und rauscht – und ist mit einem Stethoskop auch hörbar. Doch wie lebt es sich mit der Dialyse? “Ich könnte mir natürlich Schöneres vorstellen”, sagt die Berlinerin und lacht. “Aber es lässt sich momentan eben nicht ändern.” Dennoch hofft sie auf eine Spenderniere. Denn das wäre ihr Traum, für sich und ihre Familie: Endlich wieder ein normales Leben zu führen.



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