Chronische Bronchitis: Atemlos

Tabakkonsum ist häufigste Ursache für die sogenannte Raucherlunge. Chronische Bronchitis ist nicht heilbar, in schweren Fällen hilft nur der Griff zum Skalpell

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Giftiger Dunst; Foto: Kai-Uwe Heinrich


Aus Abend wird Nacht. Draußen ist es ruhig geworden. Die Lichter in den Fenstern der Nachbarn sind bereits erloschen. Nur Renate König* hat Angst, sich hinzulegen. Sie hat Todesangst. Hals und Brust der 67-Jährigen sind wie zugeschnürt. “Ich dachte, ich ersticke”, sagt die zierliche Frau mit kurzem aschblonden Haar und einem kleinen goldenen Ohrring.

COPD steht für chronisch obstruktive Lungenerkrankung

Doch mitten in der Nacht einen Krankenwagen zu rufen, das scheint ihr unangemessen. Sie will nicht unnötig “Pferde scheu machen”. Selbst ihre Tochter ruft sie nicht an, sie mag sie zu dieser Unzeit nicht wecken. Erst im Morgengrauen, nach einer Nacht voller Furcht, greift die Frührentnerin zum Hörer, um ihren Schwiegersohn anzurufen. Für den ist die Sache klar: Er alarmiert sofort den Notruf, lässt alles stehen und liegen und eilt selbst zur Schwiegermutter nach Neukölln. Eine Stunde später liegt Renate König bereits im Thoraxzentrum der Vivantes Klinik Neukölln. Bei der 67-Jährigen wird eine schwere COPD diagnostiziert. Diese Abkürzung steht für chronisch obstruktive Lungenerkrankung, umgangssprachlich wird diese Erkrankung oft schlicht Raucherlunge genannt, denn der Tabakkonsum ist die bei Weitem häufigste Ursache. Königs Atemwege sind verstopft und verengt. Mediziner nennen das eine Obstruktion. Um ihr das Atmen wieder zu erleichtern, werden ihr bronchienerweiternde Medikamente verabreicht, die Entzündung soll Kortison lindern. Im Krankenbett hustet die Rentnerin auch immer wieder grün-gelblichen Auswurf hervor – das Gewebe der Lunge ist nicht nur geschwächt. Das Atemorgan ist auch von Bakterien befallen, Antibiotika sollen helfen.
Vier Jahrzehnte lang rauchte Renate König täglich mehrere Zigaretten. “Meine erste Kippe habe ich mit 27 eigentlich aus Jux geraucht”, erinnert sie sich. 1945 in Bremen geboren, erlebte sie als Kind viele entbehrungsreiche Jahre, war oft krank. Sie lernte Verkäuferin, heiratete einen Berliner und arbeitete anschließend in der Telefonzentrale des Klinikums Steglitz.

Schlechtes Vorbild: Auch die Presse quarzte einst fleißig in die Kamera

Das war die Zeit, als in den Vorlesungssälen der Universität noch geraucht wurde. Auch beim Internationalen Frühschoppen im Fernsehen quarzte die Presse noch fleißig in die Kamera. Eine Schachtel Glimmstängel kostete 1,50 DM. Sich während der Arbeit eine Zigarette anzuzünden, war weit verbreitet. “Wir sind nicht vor die Tür gegangen, wir haben einfach beim Telefonieren geraucht”, sagt sie.
Die erste spürbare Folge des schädlichen Qualms ist oft ein Reizhusten am Morgen, der sogenannte Raucherhusten. Später kommt noch Auswurf hinzu, der die Raucher plagt. Doch warum ist der blaue Dunst eigentlich so schädlich?
Dazu muss man sich zunächst den Weg der Atemluft im Körper ansehen. Durch die Nase eingesogen, strömt die sauerstoffreiche Luft über den Rachen hinweg in die Luftröhre, bahnt sich den Weg immer tiefer in die Bronchien, bis das lebensspendende Elixier über feinste Verästelungen zu den winzigen Lungenbläschen gelangt, um – am Ziel des Weges angekommen – von diesen aufgenommen zu werden. Acht Liter frische Luft atmen erwachsene Menschen pro Minute ein. Doch mit jedem Atemzug dringen auch Schmutz, Schadstoffe und Bakterien in das sensible Organ. Dagegen schützt sich die Lunge durch einen Schleimfilm, den die sogenannten Becherzellen absondern. In diesem Sekret verfängt sich der Schmutz, der von kleinen, auf der Bronchialschleimhaut sitzenden Flimmerhärchen abtransportiert wird. “Wie auf einer Rolltreppe befördern diese Zilien genannten Härchen den Schmutz nach oben”, sagt Wulf Pankow, Chefarzt der Klinik für Pneumologie (Lungenheilkunde) und Infektologie am Vivantes Klinikum Neukölln. In seinem blonden Haar machen sich erste graue Haare bemerkbar. Er trägt eine John-Lennon-Brille mit unauffälligen Rahmen und einen weißen Kittel, unter dem ein blaues Hemd hervorsticht.

Das Einstiegsalter für Raucher sinkt, gerade bei Frauen

Die von Pankow beschriebene Rolltreppe zum Schmutzabtransport in der Lunge stottert bei einer COPD. Der giftige Tabakrauch lähmt die Flimmerhärchen so lange, bis sie nach und nach verkümmern. “Gleichzeitig baut sich die gereizte Bronchialschleimhaut um”, sagt der Chefarzt. Die Flimmerhärchen sterben ab und werden durch minderwertige Schleimhaut ersetzt, die den Schleim nicht mehr abräumen kann. So staut sich das Sekret so lange in der Lunge, bis es ausgehustet wird.
In Deutschland rangiere die COPD auf Platz fünf der häufigsten Todesursachen. Tendenz steigend. Feinstaubbelastungen wie auf dem Bau oder in Wohnungen, die dicht an einer viel befahrenen Straße liegen, können die Erkrankung zwar auch verursachen. Doch in neun von zehn Fällen heißt die Ursache Rauchen. “Beginn und Dauer des Zigarettenkonsums und die persönlichen Erbanlagen bestimmen darüber, ob und wie stark sich eine COPD ausprägt”, sagt Pankow. Der jugendliche Organismus sei besonders empfindlich. Doch seit Jahren sinke das Einstiegsalter für Raucher, gerade bei Frauen. “Statistisch beobachten wir seit Langem, dass sich die Lungenkrebsraten von weiblichen Patienten immer mehr denen der Männer anpassen.”
Renate König, auch eine Patientin von Chefarzt Pankow, kennt die Folgen nur zu gut. Jahrelang plagten sie Husten und Auswurf, besonders morgens. Tief durchatmen konnte sie schon lange nicht mehr. Doch ein weiterer Prozess machte es ihr schwer, Atem zu holen: Der jahrelang inhalierte Tabakqualm führte zu einer Entzündung des die Bronchien umgebenden Lungengewebes. Die Wandstruktur der Lungenbläschen wird so bei fortschreitender Krankheit immer weiter zerstört. Da durch wird der Gasaustausch der Lunge beeinträchtigt und der Körper nimmt weniger Sauerstoff auf – im Fachjargon wird diese Erkrankung Lungenemphysem genannt.
Die Zerstörung des Lungengewebes hat noch eine andere Folge: Die Lunge bläht sich wie ein großer Ballon auf und drückt auf das Zwerchfell. Doch dieser Muskel ermöglicht es uns erst, Luft zu holen. Denn spannt er sich an, weitet er die Lunge, und Luft strömt ein. Doch bei kranken Menschen drückt die überblähte Lunge auf den Muskel, sodass er sich selbst in der Ruheposition immer mehr dem angespannten Zustand nähert. Der Weg, den der Muskel bei einer Kontraktion zurücklegen kann, wird geringer – und damit auch die Möglichkeit, das Lungenvolumen zum Einatmen auszudehnen. Darunter leidet auch die Lebensqualität. Jeder Liter Luft, der dem Menschen fehlt, die Hustenattacken, der schleimige Auswurf, körperliche Schwäche und später auch Atemnot – all das sind die Zeichen eines vergifteten Körpers, unter denen auch Renate König leidet.
Schon Monate, bevor sie mit Blaulicht im Krankenhaus landete, konnte sie sich nur noch schnaufend und mit letzter Kraft zum Supermarkt schleppen. Obwohl zwischen Haustür und Geschäft nur 200 Meter liegen. Ohne ihren “Marktporsche” – einem Handwägelchen, in dem sie ihren Einkauf verstaut – wäre dieser Weg für die 67-Jährige nicht zu schaffen gewesen.

Mit fortschreitender COPD schrumpft das Lungenvolumen

Um zu diagnostizieren, wie schwer die Atemwege der Rentnerin geschädigt sind, verordnet Chefarzt Pankow zuerst eine Lungenfunktionsuntersuchung. Mit ihr kann man das Lungenvolumen und den Atemfluss messen. König muss dazu in einer gläsernen Kabine von der Größe einer Telefonzelle Platz nehmen. Auf ihrer Nase sitzt eine Klammer, die beide Nasenflügel zusammenpresst. Nun heißt es, tief Luft holen – so lange wie möglich. Den Mund an den Schlauch des Spirometers gepresst, versucht König ihr Bestes. “Atmen, atmen, atmen”, fordert die Krankenschwester. Doch nach wenigen Sekunden muss die Rentnerin aufgeben. Das Ergebnis: Das eingeatmete Lungenvolumen beträgt 1,13 Liter. Eigentlich sollte das Organ einer gesunden Frau in ihrem Alter mehr als das Doppelte fassen können, nämlich 2,71 Liter. Auch beim zweiten Test, der den Atemfluss misst, schneidet König schlecht ab. Die Aufgabe lautet, so viel Luft wie möglich in einer Sekunde auszustoßen. Mindestens 70 Prozent des eingeatmeten Lungenvolumens schafft ein gesunder Organismus, König kommt nicht einmal auf ein Viertel. Fazit der Lungenfunktionsuntersuchung: König leidet unter einer COPD vierten Grades, die schwerste Ausprägung.
In früheren Stadien bleibt eine COPD oft lange unbemerkt, da die Lunge die Ausfälle einige Zeit kompensieren kann. Denn im Alltag brauchen wir nur einen Bruchteil der Kapazität, die unsere Lunge zu leisten im Stande ist. Nur in Notfällen, wenn der ganze Organismus alarmiert wird und das Blut Sauerstoff in die letzte Zelle pumpt, mobilisiert die Lunge ihr ganzes Potenzial. Erste Anzeichen einer beginnenden COPD können deshalb Luftnot bei körperlichen Belastungen sein. Wer nach einem kleinen Sprint zum Linienbus hechelnd in der Menschenmenge steht, könnte einfach nur untrainiert sein – oder unter einer beginnenden Verengung der Atemwege leiden.

“COPD ist nicht heilbar”

König hat bereits einen Monat vor ihrem Krankenhausaufenthalt mit dem Rauchen Schluss gemacht. “Als ich mich auf meinem Marktporsche abstützen musste, wurde mir klar, dass ich so geworden war, wie ich es nie sein wollte”, sagt die Rentnerin. “Aber jetzt ist es zu spät.” Der Mediziner weiß, dass sie mit dieser Vermutung richtig liegt. “COPD ist nicht heilbar”, sagt Wulf Pankow. “Wir können aber noch viel für die Lebensqualität tun.”
Mit bronchienerweiternden Sprays und Pulvern können Erkrankte wieder besser durchatmen. In schweren Fällen kann auch der Griff zum Skalpell sinnvoll sein. Bei einer überblähten Lunge, dem Lungenemphysem, kann entzündetes und überblähtes Gewebe chirurgisch entfernt werden. “So verschaffen wir dem gesunden Teil der Lunge wieder mehr Raum”, sagt Pankow. Auf das Zwerchfell drückt dann weniger Lungengewebe. “Die Atmung wird wieder ökonomisiert.” Alternativ kann die Überblähung auch durch minimalinvasiv in die Bronchien eingesetzte Ventile vermindert werden. Diese sogenannten endobronchialen Ventile lassen die Luft aus dem überblähten Bereich ausströmen und ver hindern den Luftzustrom beim Einatmen. “Beide Verfahren kommen aber nur für Patienten infrage, bei denen die Lungenfunktion nicht zu schlecht ist”, sagt Pankow.
Doch auch die Betroffenen können etwas tun, indem sie die Ursache für ihr Leiden beseitigen. “Die Tabakentwöhnung ist entscheidend für die Therapie”, sagt Pankow. Dass dies jedoch nicht ganz einfach ist, werden die meisten Raucher bestätigen können. Viele Raucher schaffen es selbstständig, auf die Zigarette zu verzichten. Den anderen kann eine professionelle Tabakentwöhnung, begleitet von Medizinern und Medikamenten, helfen.
Neben der selbstverständlichen Abstinenz von der Zigarette lautet das wirksamste Heilmittel: Sport treiben. Er kann das zerstörte Lungengewebe zwar nicht wieder zurückbringen, jedoch trotzdem die Luftnot lindern. Denn wegen der Atemprobleme schonen sich COPD-Patienten häufig körperlich. Dann verkümmert zu allem Übel auch noch die Muskulatur. Sport kurbelt den Kreislauf wieder an und sorgt für eine bessere Durchblutung. Die Muskeln werden besser mit Sauerstoff versorgt und die Atemnot gemindert. Königs Erkrankung ist weit vorangeschritten. Sie schafft zu Fuß nur wenige Meter. “Freue oder ärgere ich mich, ist es, als drückte mir jemand den Hals zu.” Ihren Marktporsche wird die Rentnerin gegen ein Wägelchen, das mit einer Sauerstoffflasche beladen ist, tauschen müssen. Ihr Körper leidet unter chronischer Unterversorgung mit Sauerstoff. Zwölf Stunden pro Tag muss sie nun das lebensspendende Gas aus der Flasche auf ihrem Wägelchen inhalieren. Für Lungensport ist es trotzdem nicht zu spät. “Aber nur unter fachlicher Anleitung”, sagt Pankow.
*Name geändert



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