Brustkrebs: Erbsengroßer Tumor

Einem Mammakarzinom kann man nicht vorbeugen. Deshalb ist die Früherkennung so wichtig

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Grafik: Fabian Bartel

Nur acht Millimeter, kleiner als eine Erbse. Und doch riesig. Seit zwei Wochen weiß Doris Weigand*, dass er da ist. Seit zwei Wochen hat er ihr Leben fest im Griff. Denn der erbsengroße Knoten, der in ihrer rechten Brust sitzt, ist ein bösartiger Tumor, ein sogenanntes Mammakarzinom. Brustkrebs. "Das hat einfach alles umgekrempelt", sagt Doris Weigand. Die 59-Jährige mit den kurzen weißblonden Haaren und der schmal gerahmten Brille schüttelt den Kopf. Sie steht fest im Leben, ist eine optimistische und zupackende Frau. Und plötzlich ist da diese Angst, diese Ungewissheit: Wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter? Sie blickt aus dem Fenster. Unter einer grauen Wolkendecke rauscht der Juniwind in den Bäumen. Hin und wieder reißt er Löcher in die Wolken, lässt einzelne Sonnenstrahlen hindurch. Doris Weigand sitzt in dem kleinen Aufenthaltsraum des Brustzentrums im Sana Klinikum in Berlin-Lichtenberg. Zwei zermürbende Wochen liegen hinter ihr, in denen sie nichts anderes tun konnte als warten: Auf Untersuchungen, auf Befunde und auf den Beginn ihrer Therapie. "Das war das Schlimmste", sagt die Kraftwerksingenieurin, die es gewohnt ist, Dinge zu kontrollieren und zu steuern. Sie ist deshalb froh, dass endlich etwas passiert: In einer guten Stunde werden die Ärzte den Tumor in einer brusterhaltenden Operation aus ihrem Körper entfernen.

Brustkrebs: Häufigste Todesursache bei unter 50-jährigen Frauen

Es ist immer wieder eine Schockdiagnose: Brustkrebs Keine andere Erkrankung weckt bei Frauen so viele Ängste. Und keine Krebsart tritt bei ihnen häufiger auf: Pro Jahr erkranken in Deutschland rund 74 000 Frauen an einem Mammakarzinom, in Berlin und Brandenburg sind es zusammen rund 4000. Zwar ist Brustkrebs bei Frauen unter 50 Jahren die häufigste Todesursache, doch die Erkrankung verläuft nur selten unmittelbar tödlich: Rund 85 Prozent der Frauen sind fünf Jahre, nachdem ihr Mammakarzinom diagnostiziert wurde, noch am Leben.

Brustkrebs ist eine sogenannte multifaktoriell bedingte Erkrankung. Das heißt, es gibt viele verschiedene Faktoren, die seine Entstehung begünstigen können. Neben genetischen Veranlagungen, die für rund zehn Prozent der Brusttumore verantwortlich sind, sind das meist Faktoren, die auf die Produktion des Geschlechtshormons Östrogen einwirken. Denn dieses regt das Zellwachstum in der Brust an. "Je schneller und je mehr ZeLlen dort wachsen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter ihnen auch mutierte Zellen befinden", sagt Jutta Krocker, Chefärztin des Brustzentrums im Sana Klinikum. Die Östrogenproduktion kann zum Beispiel von biologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflusst werden. So findet etwa die erste Regelblutung, die auch Menarche genannt wird, immer früher statt. Die Geburt des ersten Kindes dagegen verschiebt sich immer weiter nach hinten. Dadurch steht das sogenannte östrogene Fenster, in dem der weibliche Körper sehr viel Östrogen produziert, immer länger offen. 

Verhindern kann man Brustkrebs nicht

Doch auch der eigene Lebenswandel schlägt sich nieder. Insbesondere Übergewicht begünstigt das Wachstum von Mammakarzinomen, da im Fettgewebe Östrogene produziert werden. "Ein gesunder Lebenswandel kann das Brustkrebsrisiko dagegen senken", sagt Andreas Kohls, Chefarzt der Fachabteilung für Gynäkologie des Evangelischen Krankenhauses Ludwigsfelde-Teltow und Leiter des Brandenburgischen Brustzentrums. Zum Beispiel verringern schon drei- bis viermal pro Woche 20 bis 30 Minuten Ausdauersport wie Fahrradfahren, Joggen oder auch Walken das Erkrankungsrisiko um bis zu 30 Prozent.

Brustkrebs kann man nicht vorbeugen. Deswegen ist die Früherkennung so wichtig. "Je früher ein Tumor entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen", sagt Andreas Kohls vom Brandenburgischen Brustzentrum. Eine wirksame Methode der Früherkennung ist die sogenannte Mammapalpation, das Abtasten der Brust mit den Fingern. "Mindestens einmal im Monat sollten Frauen ihre Brüste sorgfältig und in aller Ruhe anschauen und abtasten", sagt Kohls. Allerdings müssen die Knoten eine gewisse Größe haben, damit man sie fühlen kann. Sind sie kleiner als einen Zentimeter, ist das kaum noch möglich. Der Tumor von Doris Weigand misst acht Millimeter.

Deswegen war die Untersuchung durch ihre Frauenärztin im Frühjahr ohne Befund geblieben. Erst kurz darauf entdeckten ihn die Ärzte beim Mammografie- Screening, einem Programm zur Brustkrebsfrüherkennung, in dem Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre Anspruch auf eine sogenannte Mammografie-Untersuchung haben. Das ist eine spezielle Röntgenuntersuchung, bei der Tumore ab einer Größe von fünf Millimetern erkannt werden sollen. Dazu wird die Brust einmal von oben nach unten durchleuchtet sowie einmal schräg von der Mitte zur Seite.

Drei Säulen der Therapie: OP, Bestrahlung und Chemo- oder Hormontherapie

Seit 2008 wird das Programm auch in Berlin und Brandenburg durchgeführt. In der Hauptstadt gibt es vier sogenannte Screening-Einheiten, sie liegen in Reinickendorf, Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Steglitz. In Brandenburg findet man unter anderem in Cottbus, Königs-Wusterhausen und Potsdam feste Screening-Einheiten. Zusätzlich gibt es mobile Einheiten, die sogenannten Mamma-Busse, die in dem Flächenland entlegenere Orte anfahren. Allerdings nimmt nur rund die Hälfte der eingeladenen Frauen an den Untersuchungen teil. Für Brustzentrums- Chefärztin Krocker ist das völlig unverständlich: "Das Screening kann viele Frauen vor einem schweren Krankheitsverlauf oder sogar vor dem Tod bewahren."

Die Brustkrebstherapie selbst besteht aus drei Säulen: Der operativen Entfernung des Tumors, der Bestrahlung des umliegenden Gewebes und schließlich der medikamentösen Therapie. Abhängig davon, wie der Tumor beschaffen ist, werden sie dann miteinander kombiniert. Bei Doris Weigand bedeutet das: Zuerst eine brusterhaltende OP, in der der Tumor entfernt wird. Danach eine tägliche Bestrahlung ihrer Brust über mehrere Wochen, um das Zellwachstum zu hemmen und damit einer Tumorneubildung vorzubeugen. Eine medikamentöse Therapie bekommt die 59-Jährige vorerst nicht.

Medikamente werden dann eingesetzt, wenn Tumorzellen bekämpft werden sollen, die möglicherweise schon ins Blut oder in die Lymphe abgewandert sind. Dafür können Ärzte neben der Chemotherapie, die aggressiv im ganzen Körper wirkt, auch eine Antihormontherapie und Antikörpertherapie einsetzen. Beide gehen direkt an den Tumor und sind dadurch schonender.

Brustamputation: Angst vor dem Verlust der Weiblichkeit

Die Behandlung von Brustkrebs ist für viele Frauen mit einer ebenso großen Angst verbunden wie die Erkrankung selbst. Sie fürchten, einen Teil ihrer Weiblichkeit zu verlieren, wenn ihnen während der Chemotherapie die Haare ausfallen oder sie ihre Brust bei der Operation teilweise oder sogar ganz verlieren. Zwar müssen heutzutage nur noch bei etwa 20 Prozent der Brustkrebsoperationen eine Brust oder beide Brüste amputiert werden. Doch auch bei brusterhaltenden Operationen entfernen die Ärzte zusammen mit dem Tumor einen Teil des Brustgewebes.

Doris Weigand ist jedoch eine etwas kleinere Brust allemal lieber als ein immer weiter wachsender Tumor. Weil ihr Tumor allerdings noch sehr klein ist, markieren ihn die Ärzte kurz vor der OP. Dazu schieben sie einen silbernen Draht ultraschallgestützt durch eine hohle Nadel bis zu dem Tumor. Früher am Morgen haben die Ärzte bereits den sogenannten Wächterlymphknoten mit einer leicht radioaktiven Flüssigkeit markiert, die sie in die Brust von Doris Weigand spritzten. So können sie ihn während der Operation mit einer sogenannten Gammasonde, die wie eine Art Geigerzähler die radioaktive Strahlung misst, orten. Denn auch er soll entfernt werden. "Sollten bereits Tumorzellen auf Wanderschaft gegangen sein, filtert der Wächterlymphknoten diese", sagt Sana-Chefärztin Krocker. Wenn die Ärzte in ihm keine Tumorzellen finden, sind die anderen Lymphknoten wahrscheinlich auch nicht befallen.


2000 Brustkrebserkrankungen werden jedes Jahr in Berlin diagnostiziert

Mittlerweile liegt Doris Weigand unter Narkose im OP-Saal des Sana Klinikums. Die OP-Schwestern haben sie mit sterilen blauen Tüchern abgedeckt, nur ihr rechter Oberkörper ist frei. An dessen Seite, von der Achselhöhle bis zum unteren Brustansatz, durchtrennt Oberärztin Katja Neuss erst mit einem Skalpell die Haut und dann mit einem elektrischen Messer, das beim Schneiden die Gefäße verödet, das gelbe Fettgewebe. Durch diesen Schnitt kann sie mit ihren Fingern zum Tumor in der Brust und zu den Lymphknoten in der Achselhöhle vordringen. Zuerst tastet sie sich vorsichtig am Brustmuskel entlang zum drahtmarkierten Tumor.

Mit dem elektrischen Messer schneidet sie das Gewebe, das ihn umgibt, raus. Es ist ein Stück mit etwa anderthalb Zentimetern Durchmesser: Gelbes Fett, weißes Drüsengewebe und unsichtbar in der Mitte der winzige Tumor. Die Probe kommt sofort zur Untersuchung ins Labor. Etwa 15 Minuten später dann das Ergebnis: Der Tumor ist in der Gewebeprobe enthalten, aber die gesunde Schicht, der sogenannte Sicherheitssaum um ihn herum, ist zu dünn. Es muss daher noch mehr Gewebe aus dem sogenannten Tumorbett entfernt werden. Auch von den Lymphknoten, deren Position die Gammasonde schrill knatternd anzeigt, muss Oberärztin Neuss mehr entfernen als eigentlich geplant. Denn ein paar von ihnen sind etwas vergrößert. Neben Verwachsungen kann das ein Zeichen für Metastasenbefall sein. Sie werden daher zusammen mit dem Wächterlymphknoten im Labor untersucht. Am nächsten Vormittag sitzt Doris Weigand vor dem großen Fenster ihres Zweibettzimmers. Ein dichter Druckverband schnürt ihre Brust zusammen, in der jetzt eine kleine Delle ist. Wieder muss sie auf einen Befund warten. Doch sie wirkt viel gelassener dabei. "Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen", sagt sie. Er war acht Millimeter groß.

*Namen geändert



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