Adipositas: Verkleinerter Magen

Bei krankhafter Fettleibigkeit reicht Ernährungsumstellung und Bewegung nicht aus, um viel abzunehmen. Dann hilft nur noch eine Megenverkleinerung

Di_t_Mike_Wolff.jpg
Foto: Mike Wolff


Ramona Gorlach* lässt ihren Blick über den kleinen Park der Klinik für MIC in Berlin-Zehlendorf schweifen: "Ich war schon immer moppelig." Ihre Worte klingen resigniert und entschuldigend zugleich. "Aber ich habe mich dadurch nie wirklich beeinträchtigt gefühlt." Die 42-Jährige mit den kurzen, blond gefärbten Haaren fächelt sich mit der flachen Hand etwas Luft zu. Es ist heiß auf dem Balkon im dritten Stock des kleinen Krankenhauses, das sich auf die namensgebende minimalinvasive Chirurgie spezialisiert hat.
Ramona Gorlach hat Durst, doch sie darf nichts mehr trinken, nicht so kurz vor der OP. Also rückt sie ihren Stuhl ein wenig tiefer in den spärlichen Schatten, den eine gelb-weiße Markise der strahlenden Sonne abtrotzt. Sie trägt Sandalen, ein gestreiftes T-Shirt und lockere Jeans, Kleidergröße 52: Die Berlinerin wiegt 122 Kilogramm bei einer Größe von 1,68 Metern. Das ergibt einen Body-Mass-Index (BMI) von 43, sprich: Adipositas Grad 3, extreme krankhafte Fettleibigkeit.
h3. 16 Millionen Deutsche leiden an krankhaftem Übergewicht Mit dieser Diagnose ist Ramona Gorlach nicht allein: Adipositas ist in den industrialisierten Staaten mittlerweile zur Volkskrankheit avanciert, allein in Deutschland leiden nach Expertenangaben rund 16 Millionen Menschen an dem krankhaften Übergewicht. Doch die verheiratete Mutter eines achtjährigen Jungen hat beschlossen, etwas gegen ihre überschüssigen Pfunde zu tun: Sie ist an diesem Morgen in die Klinik für MIC gekommen, um sich den Magen operativ verkleinern zu lassen.
Adipositas entsteht durch ein Missverhältnis zwischen Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch. Vereinfacht bedeutet das: Die Betroffenen essen zu viel vom Falschen und bewegen sich zu wenig. Dieses Verhalten ist häufig bereits in der Kindheit erlernt, zusätzlich begünstigt wird es durch die gesellschaftliche Entwicklung. Denn dank Autos, Rolltreppen und anderer technischer Hilfsmittel ist es sowohl im Alltag als auch bei der Arbeit kaum noch notwendig, sich körperlich anzustrengen. Gleichzeitig besteht ein Überangebot an Nahrung und insbesondere an energiereichen Fertiggerichten und Fast Food, das viele nur zu gerne annehmen. Weil es ihnen zwar an Zeit und Kochlust mangelt, nicht aber an Hunger und der Lust, zu essen.
h3. Essen kann zur Sucht werden "Viele Adipositas-Patienten haben kein Sättigungsgefühl mehr", sagt Martin Susewind, Chefarzt für Allgemeinund Adipositaschirurgie an der Klinik. Ihnen fehlt daher der natürliche Mechanismus, der Gesunden signalisiert: Genug gegessen, der Magen ist voll. Übermäßiges Essen kann jedoch auch Ausdruck psychischer Probleme oder sogar einer Sucht sein. Die Nahrung soll dann Trost spenden, innere Leere füllen oder den Betroffenen ein Lustgefühl verschaffen.
Alles in allem sind Essgewohnheiten langjährig erprobte Verhaltensmuster. Dass sich diese sehr schwer verändern lassen, weiß Adipositas-Patientin Ramona Gorlach nur zu gut. Sie bezeichnet sich selbst als Frust- und Stressesserin. "Wenn bei der Arbeit viel zu tun ist, greife ich schnell mal zu Schokoriegeln und anderen Süßigkeiten." Doch auch sonst isst die Angestellte einer Software- Firma gerne. Oft, ohne wirklich hungrig zu sein: einen kleinen Snack zwischendurch, ein üppiges Essen am späten Abend oder eine Tüte Chips vor dem Fernseher. Ihrem Appetit nicht nachzugeben, fällt Ramona Gorlach schwer. Immer wieder hat sie versucht abzunehmen. Sie hat Kalorien oder Punkte gezählt, sich nach Trennkost ernährt oder gefastet. Wirklich erfolgreich war sie damit jedoch nie. "Der berühmt-berüchtigte Jojo- Effekt", sagt die 42-Jährige und zuckt mit den Schultern. Schon nach kurzer Zeit habe sie die verlorenen Kilogramm wieder drauf gehabt, meist sogar noch ein paar mehr.
Aber was ist an den Extrapfunden eigentlich so schlimm? "Adipositas ist nicht einfach nur Übergewicht", sagt Reiner Kunz, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Visceralchirurgie am St.-Joseph-Krankenhaus Berlin-Tempelhof "Sie ist ein gefährliches Leiden." Denn die überschüssigen Kilogramm bedeuten eine enorme Mehrbelastung für den menschlichen Körper. Sie begünstigen daher eine Reihe von Folgeerkrankungen der Gelenke und Gefäße sowie des Stoffwechsels und des Herz-Kreislauf-Systems. Auch das allgemeine Krebsrisiko steigt gemeinsam mit der Zahl auf der Waage. Zwei dieser Begleiterkrankungen hat Ramona Gorlach bereits entwickelt: Sie leidet an einem Typ-2-Diabetes sowie an Bluthochdruck. Zusammen mit dem Übergewicht bilden die eine Art medizinisches Trio infernale, das – relativ unauffällig, dafür aber sehr ausdauernd – Gefäße und Organe schädigt. Wie teuflisch dieses Trio ist, wollte die Berlinerin jedoch lange nicht wahrhaben. Erst die drastischen Worte ihres Hausarztes vor gut einem Jahr öffneten ihr die Augen. Denn er machte ihr unmissverständlich klar: Wenn sie nicht endlich abnehme, würde sie ihren achtjährigen Sohn womöglich nicht mehr aufwachsen sehen. "Das war wirklich die Holzhammermethode", sagt Ramona Gorlach heute. Jetzt kann sie darüber lachen. Damals war der sonst so lebensfrohen Frau jedoch nicht danach zumute, damals hatte sie Angst. Der Holzhammer hatte gewirkt: Ramona Gorlach beschloss, sich von ihren Fettpolstern nicht das Leben verkürzen zu lassen, sondern ihnen radikal zu Leibe zu rücken.
h4. Adipositaschirurgie ist keine kosmetische Chirurgie - sie soll Leben verlängern Deswegen liegt sie nun unter Vollnarkose und mit Tüchern abgedeckt in einem OP-Saal der Klinik für MIC. In ihrer Bauchdecke stecken fünf silberne Stangen, eine im Bauchnabel, die restlichen im weiten Viereck um sie herum. Die Stangen heißen Trokare und sind hohl, durch sie hindurch können die Ärzte verschiedene sogenannte laparoskopische Instrumente wie kleine Greifer, Scheren oder Zangen in den Körper bringen, um dort mit ihnen zu arbeiten. Immer mit dabei: eine winzige Kamera. Sie macht auf mehreren Farbbildschirmen das Innere von Ramona Gorlachs Bauchhöhle sichtbar.
Dort zeigt sich vor allem ein gelbes Geflecht, das schwammig- weich den Boden bis hin zu den glatten, feucht glänzenden Wänden bedeckt. "Das ist das Fettgewebe", sagt Chefarzt Susewind. Darauf liegt in der linken Bauchseite die Leber, satt dunkelrotbraun wie ein Findling aus poliertem Marmor. Doch weder Fettgewebe noch Leber interessieren Susewind und sein Team. Sie wollen zu den Organen, die darunter liegen: zum Magen und zum Dünndarm. Denn ihre Patientin soll einen sogenannten Magenbypass bekommen. Dabei trennen die Ärzte den oberen Teil des Magens vom Rest des Organs ab. Sie benutzen dafür ein Klammernahtgerät, das gleichzeitig schneiden und die Schnittkanten wie getackert verschließen kann. Der so entstandene kleine Restmagen, den Mediziner auch Pouch nennen, fasst rund 15 Milliliter, nicht mal so viel, wie ein kleines Schnapsglas. "Das ist etwa ein Zehntel des ursprünglichen Volumens", sagt Susewind. Zusätzlich zieht er eine Schlinge des insgesamt vier bis sechs Meter langen Dünndarmes zu dem Pouch nach oben und verbindet die beiden Organe, ebenfalls mit einer festen Klammernaht. Auf diese Weise verkürzen die Operateure den Verdauungsweg, denn die Nahrung gelangt nun direkt von dem kleinen Magen in den Dünndarm. Ramona Gorlachs Körper kann die Nahrung dadurch nicht mehr vollständig verwerten und nimmt zum Beispiel weniger Fett in seine Zellen auf. Auch wenn sie den Betroffenen beim Abnehmen hilft: Adipositaschirurgie ist keine kosmetische Chirurgie. Die operativen Eingriffe sind vielmehr vorbeugende Maßnahmen, die das Leben stark übergewichtiger Patienten verlängern sollen. Denn für diese sind sie meist die einzige Möglichkeit, dauerhaft viele Pfunde zu verlieren und damit das Risiko für Begleiterkrankungen zu senken oder bereits bestehende Leiden zu vermindern. "Eine Ernährungsumstellung und mehr Bewegung allein bringen nur selten den gewünschten Erfolg", sagt Chirurg Susewind. Nach einem vorgeschriebenen halben Jahr Ernährungsberatung übernehmen die Krankenkassen daher bei Patienten mit einem BMI von mindestens 35 auch meist die Kosten für magenverkleinernde Operationen.
h3. Schlauchmagen: Auch das Hungerhormon Grehlin wird gehemmt Der Magenbypass, den die Ärzte Ramona Gorlach gelegt haben, lässt 60 bis 80 Prozent des Übergewichts purzeln, im ersten Jahr nach der OP können das bis zu 45 Kilogramm sein. Hinzu kommt, dass durch diesen Eingriff in den allermeisten Fällen ein bestehender Diabetes Typ 2 reduziert werden kann. Dieser Eingriff ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, das Volumen des Verdauungsorgans zu reduzieren: Dies kann auch durch ein Magenband oder einen Schlauchmagen geschehen.
Das Magenband ist ein ringförmiger Schlauch aus Silikon, der um den Mageneingang gelegt wird und diesen zusammenschnürt. Dadurch entsteht ein kleiner Vormagen, der, wenn er voll ist, ein unangenehmes Sättigungsgefühl auslöst. Das Magenband ist im Gegensatz zu den anderen Verfahren reversibel, das heißt: Es kann wieder entfernt werden. Nach Expertenansicht ist das allerdings nicht unbedingt von Vorteil. "Adipositas-Kranke brauchen eine dauerhafte Therapie", sagt Chefarzt Susewind. "Wenn man bei ihnen das Magenband entfernt, nehmen sie wieder zu." Außerdem könnten durch das Band auch nur 40 bis 50 Prozent des Übergewichts reduziert werden. Wesentlich mehr Gewicht können Adipöse durch einen Schlauchmagen verlieren. Dabei entfernen die Ärzte operativ einen Teil des Magens, sodass das Organ insgesamt kleiner wird. "In dem entfernten Teil wird zudem ein Großteil des sogenannten Hungerhormons Grehlin produziert", sagt Chirurgie-Chefarzt Kunz vom St.-Joseph-Krankenhaus. Sei weniger dieses Stoffes vorhanden, schwäche sich auch das Hungergefühl ab. Mithilfe eines solchen Schlauchmagens können die Patienten zwischen 40 und 60 Prozent ihres Übergewichtes verlieren. Wiegt ein Betroffener jedoch über 200 Kilogramm, sodass eine höhere Gewichtsreduktion notwendig ist, nähen die Ärzte zusätz lich noch den Dünndarm an den Ausgang des gebildeten Schlauchmagens. Wie beim Magenbypass wird auf diese Weise der Verdauungsweg verkürzt, sodass eine Gewichtsreduktion von bis zu 90 Prozent des Übergewichts möglich ist.
h3. Nach der Magenverkleinerung kann es zu Mangelerscheinungen kommen Ein Normalgewicht erreichen Adipositas-Patienten jedoch auch durch chirurgische Eingriffe in Verbindung mit einer Ernährungsumstellung und mehr Bewegung nicht. Und es gibt Nebenwirkungen, etwa die Risiken der Operation: "Die häufigsten Komplikationen sind Thrombosen, Lungenentzündungen und Probleme des Herz- Kreislauf-Systems", sagt St.-Joseph-Chefarzt Reiner Kunz. Dies liege auch daran, dass die Risiken für diese Erkrankungen bei adipösen Patienten ohnehin schon erhöht seien. Zudem müssen die Patienten nach der OP lange Zeit – manchmal sogar lebenslang – ärztlich überwacht werden. Denn dadurch, dass der Magen insgesamt weniger aufnimmt, stellt sich häufig auch ein Mangel an Vitaminen, Eiweiß oder Spurenelementen ein, der vermieden oder beseitigt werden muss.
Ramona Gorlach ist dennoch froh, dass sie sich für den Eingriff entschieden hat. Eine Woche ist seitdem vergangen, die 42-Jährige ist wieder zu Hause in Berlin-Buckow. Es geht ihr gut, die Narben verheilen. Lediglich ans Essen muss sie sich noch gewöhnen: Zwei Wochen lang darf sie nur flüssige Kost zu sich nehmen, danach zwei Wochen lang breiige, alles nur in winzigen Mengen. Zu Pfingsten war die Familie zu Besuch, es gab Schnitzel mit Spargel, Kartoffeln und Sauce Hollandaise. "Ich habe mir zwei Stangen Spargel mit einem Klacks Butter im Mixer püriert", sagt sie lachend. "Das hat mir völlig ausgereicht." Vier Kilo hat sie seit der OP bereits verloren. Vor allem aber ist ihr Diabetes zurückgegangen: Seit sie aus der Klinik zurück ist, hat die Berlinerin kein Insulin mehr gebraucht. Ramona Gorlach ist glücklich – und freut sich schon darauf, ihren kleinen Sohn als erwachsenen Mann zu sehen.
_*Name geändert_



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet