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Bauchaortenaneurysma

Aneurysmen, also Aussackungen, können in allen arteriellen Gefäßen entstehen. Aussackungen an der Bauchschlagader (Aorta) wachsen oft unbemerkt zwischen den Abgängen der Nieren- und den Beckenarterien. Aufgrund der Ausbeulungen sind die Gefäßwände extrem gespannt. Platzt dieses Aneurysma und reißt die Aortenwand auf, kommt es zu starken inneren Blutungen – dann besteht Lebensgefahr.


Krankheitsbild


Erklärung

Wenn die linke Herzkammer kontrahiert, strömt das Blut über die geöffnete linke Herzklappe in die Hauptschlagader – Ärzte nennen sie auch Aorta. Sobald sich das Herz entspannt, schließt sich die Herzklappe. So kann das Blut nicht zurückfließen. Der ausgesendete Impuls aber wird über die arteriellen Gefäße bis in die Fußspitzen weitergeleitet – und dadurch ein kontinuierlicher, pulsierender Blutdruck aufrechterhalten.

Die Aorta im Brust- und Bauchraum ist ein besonders elastisches Gefäß, um den Herzschlag direkt aufzunehmen. “Ohne diese Elastizität der Aorta wäre der Mensch kaum lebensfähig”, sagt Roland Hetzer, Ärztlicher Direktor es Deutschen Herzzentrums in Berlin.

Die Gefäßwand besteht aus drei Schichten: einer inneren feinen Zellschicht in direktem Kontakt mit dem Blutfluss, Muskelgewebe und einer äußeren Schutzhülle. Im Durchmesser misst dieser Schlauch rund zwei Zentimeter. Fünfeinhalb Liter Blut fließen in der Minute durch den empfindungslosen Kanal – im Ruhezustand. Diese zentrale Lebensader macht vom Herzen einen Bogen im oberen Brustkorb und verläuft dann größtenteils entlang der Wirbelsäule. Die abgehenden Arterien versorgen Organe wie Gehirn, Arme, Nieren, Leber und Magen mit den lebensnotwendigen Stoffen – Sauerstoff, Zucker und Mineralien. Schließlich teilt sich die Aorta im Bauch in zwei Beckenarterien auf, um in den Beinen und Füßen zu enden.

Aneurysmen, also Aussackungen, können in allen arteriellen Gefäßen entstehen. Bauchaortenaneurysmen wachsen oft unbemerkt zwischen den Abgängen der Nieren- und den Beckenarterien – in einem Abschnitt von etwa 15 Zentimetern. Aufgrund der Ausbeulungen sind die Gefäßwände extrem gespannt. Platzt diese Aussackung und reißt die Aortenwand auf, kommt es zu starken inneren Blutungen – es besteht Lebensgefahr.


Symptome

Meist wird diese Erkrankung erst spät von Medizinern erkannt. Oft sehen Orthopäden zufällig auf einem Röntgenbild, dass die Bauchaorta ihrer Patienten ausgebeult ist. Betroffene können in einem fortgeschrittenen Stadium über starke Beschwerden im Lendenwirbelbereich und auf der linken Hüftseite klagen. Ist die Bauchaorta geplatzt, sind Bauchschmerzen, Schwindel und Bewusstlosigkeit deutliche Signale für behandelnde Notärzte. Spezialisten ertasten die Blutungen meist durch die linke Bauchdecke.


Ursachen

Bauchaortenaneurysmen werden zum großen Teil durch Arterienverkalkung – Ärzte nennen sie auch Arteriosklerose – hervorgerufen. Aufgrund zunehmender Ablagerungen verengen Gefäße. Dadurch verlieren Hauptschlagadern an Elastizität. Die Muskelschläuche können den Blutdruck so nicht mehr bändigen. Stellenweise kann dadurch die innere Schicht einreißen. Hinter diesen Löchern bilden sich Blutschwämme. Aber auch Infektionen und Unfälle können Gefäßwände vereinzelt so verletzen, dass Aneurysmen wachsen.

Männer sind weit häufiger betroffen als Frauen. Unter zehn Betroffenen befindet sich eine Patientin. Experten rätseln, warum das so ist. Rauchen, einseitige fettreiche Ernährung, Diabetes Mellitus und Bluthochdruck erhöhen das Risiko zu erkranken. Vor allem Menschen über 65 Jahre können sich derartige Beulen zuziehen. Besonders gefährlich wird es, wenn Aneurysmen in unmittelbarer Nähe von Knochen entstehen. “Reibt ein Aneurysma an der Wirbelsäule, kann die Gefäßwand ausdünnen und reißen”, sagt Herzzenstrumschef Roland Hetzer.


Zahlen

Jährlich behandeln Chirurgen über 1800 Patienten an Berliner und Brandenburger Kliniken. Je früher ein Bauchaortenaneurysma erkannt wird, desto höher sind die Überlebenschancen. Ist die Bauchaorta noch nicht geplatzt, liegt die Wahrscheinlichkeit, eine Operation zu überleben bei über 97 Prozent. Immerhin 95 Prozent der Berliner Patienten werden rechtzeitig behandelt.

Ist der Blutsack aber eingerissen, droht der Betroffene innerlich zu verbluten – ein medizinischer Notfall. Und die Prognose ist sehr schlecht: Weniger als die Hälfte überlebt eine geplatzte Bauchaorta. Die Erfolgschancen sinken weiter je nach Dauer der Notfallversorgung, dem Alter des Erkrankten und dem erlittenen Blutverlust.


Behandlung


Diagnose

Ärzte fragen Betroffene über ihre Vorerkrankungen aus und lassen sich die Beschwerden genau beschreiben. Dadurch können Mediziner mögliche Krankheitsbilder eingrenzen. Wenn der Verdacht auf ein Aneurysma sich erhärtet, folgen weitere Untersuchungen – meist Computertomografie und Ultraschall.

Derzeit zahlen private und gesetzliche Krankenkassen eine Vorsorgeuntersuchung zur Früherkennung eines Aneurysmas nicht. Doch Experten sehen hier Handlungsbedarf. “Bauchaortenaneurysmen entwickeln sich völlig schmerzfrei”, sagt Ingo Flessenkämper, Leiter der Klinik für Gefäßmedizin am Helios-Klinikum Emil von Behring. Deshalb plädiert der Gefäßmediziner für ein bundesweit flächendeckendes Screening – eine Ultraschalluntersuchung. “Mit einer geregelten Vorsorgeuntersuchung können wir unmittelbar Leben retten.” Gerade in den Flächenländern, wo die medizinische Versorgung lückenhaft sei, blieben ein Drittel aller Bauchaortenaneurysmen bis zum akuten Notfall unerkannt.


Therapie

Bauchaortenaneurysmen müssen operiert werden. Wichtig: Bevor ein Bauchaortenaneurysma chirurgisch behandelt werden kann, müssen Kardiologen den Gesundheitszustand des Herzens überprüfen. “Eine Aorta abzuklemmen, ist für den Kreislauf eine erhebliche Belastung”, sagt Roland Hetzer vom Deutschen Herzzentrum.

Dadurch steige der Blutdruck oberhalb der Klemme rapide an und sinke erst wieder nach der Behandlung. “Diese Schwankung ist sehr gefährlich.” Deshalb müssten Ärzte zunächst am Herzen operieren, wenn Klappen nicht mehr richtig schlössen oder Arterien stark verkalkt seien. Ohne diese Vorsorgebehandlungen drohten den Patienten während der eigentlichen OP Kreislaufkollaps und Herzinfarkt. Wird eine Herzkatheterbehandlung durchgeführt, warten Operateure mit dem Folgeeingriff etwa eine Woche. Müssen Kardiologen einen Bypass legen, verzögert sich die eigentliche Behandlung um vier bis sechs Wochen.

Je nach Größe und Lage der Aneurysmen entscheiden Chirurgen, wann und wie sie Patienten behandeln. Entweder operieren Ärzte offen chirurgisch. Dann schneiden die Operateure den gesamten Bauch – ausgehend vom Brustbein bis hin zum Schambein – längs auf. Große Haken halten dabei den Bauch auf. Gerade weil die Aorta direkt vor der Wirbelsäule liegt, bedeutet dies für die Operateure viel Vorarbeit. Das heißt, die über der Hauptschlagader befindlichen Organe müssen von den Ärzten beiseite geschoben werden. Um den erkrankten Gefäßabschnitt behandeln zu können, klemmen die Chirurgen die Hauptschlagader ab – damit ist der Blutkreislauf für etwa eine halbe Stunde unterbrochen. Diese Blockade ist nicht ungefährlich, denn dadurch werden Organe mit Nähr- und Sauerstoff unterversorgt und der Blutdruck hinter der Klemme sinkt ab. Der geschädigte Gefäßabschnitt wird nicht etwa herausgeschnitten, sondern repariert. “So vermeiden wir zusätzliche Wundinfektionen”, sagt Roland Hetzer. Meist nähen die Operateure eine elastische Kunststoffprothese ein, die den Blutsack dauerhaft ausschaltet. Danach wird die aufgeschnittene Aorta wieder vernäht.

Zunehmend operieren Spezialisten bei planbaren Eingriffen – also ohne Notfalldruck – mithilfe von speziellen Kathetern minimalinvasiv. Diesen im Durchmesser einige Millimeter großen Schlauch führen Chirurgen über die Leistenarterien ein. An dessen Spitze sitzt eine zusammengefaltete Prothese, das die Ärzte im beschädigten Gefäßbereich verankern. Die Prothese unterbindet den Blutzufluss in die bestehende Aussackung und stabilisiert die Gefäßwand. Aber nicht immer können Gefäßmediziner diese Technik einsetzen – etwa wenn die Aussackung zu nah an einem Abgang zu einer Nierenaterie liegt, die Aorta insgesamt stark verkalkt ist und sich bereits mehrere Aussackungen gebildetet haben.

Je mehr lebenswichtige Organe – wie Leber oder Nieren – von der Blutzufuhr abgeklemmt werden müssen, desto schwieriger wird der Eingriff. Manchmal müssen Operateure deshalb künstliche Bypässe um die abgeklemmte Aorta legen, um so die Versorgung der Organe mit lebensnotwendigen Stoffen sicherzustellen.


Komplikationen

Vor allem Herzinfarkte gehören zu den schweren Komplikationen während und nach den Operationen, oft mit tödlichem Ausgang. Gerade in den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Sterblichkeit während und nach einer geplanten Behandlung aber um zehn Prozent gesunken, sagt Herzchirurg Roland Hetzer. Derzeit liegt sie bei drei Prozent. Nach einer erfolgreichen Behandlung können Patienten die Klinik nach etwa zehn Tagen wieder verlassen. Oft müssen die Operierten nach ihrer Behandlung blutdrucksenkende Medikamente nehmen.


Matthias Lehmphul

Artikel zuletzt aktualisiert am: 21.11.2014

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