Ist Intelligenz erblich? - Statistischer Pfusch

Welche Faktoren beeinflussen die Intelligenz eines Menschen? An dieser Frage entfachte sich vor zwei Jahren dank Thilo Sarrazin eine hitzige Debatte. In seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ argumentierte der ehemalige Berliner Finanz-Senator zusammengefasst etwa so: Der IQ sei bis zu 80 Prozent erblich und werde daher nur unwesentlich durch äußere Faktoren beeinflusst.

Welche Faktoren beeinflussen die Intelligenz eines Menschen? An dieser Frage entfachte sich vor zwei Jahren dank Thilo Sarrazin eine hitzige Debatte. In seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ argumentierte der ehemalige Berliner Finanz-Senator zusammengefasst etwa so: Der IQ sei bis zu 80 Prozent erblich und werde daher nur unwesentlich durch äußere Faktoren beeinflusst. Die Differenz zwischen Menschen mit deutschen und türkischen Wurzeln sei also nicht durch Umwelteinflüsse, sondern vorwiegend genetisch erklärbar.

Aber stimmt das? Wenn Forscher herausfinden wollen, ob ein bestimmtes menschliches Merkmal genetisch determiniert ist, schauen sie sich eineiige Zwillinge an, die getrennt voneinander aufwachsen. Doch das Problem für die Zwillingsforschung ist, dass die Kinder fast immer erst einige Zeit nach der Geburt getrennt werden. Das heißt: Sie teilen doch Umwelteinflüsse. Außerdem misst man die Ähnlichkeit zwischen den Zwillingen in Korrelationen. Ein Beispiel: Die Schuh- ist mit der Körpergröße eines Menschen korreliert. Aber bei einer Untersuchung zur Korrelation erhält man immer nur einen statistischen Durchschnittswert. Der ist noch nicht das Endergebnis. Um das zu erhalten, braucht man einen weiteren mathematischen Schritt, der die Abweichungen nach oben und unten mit einbezieht. Das endgültige Ergebnis liegt dann immer wesentlich niedriger als der Durchschnittswert.

Der Psychologe Rost, auf dessen Buch zur Intelligenz sich Sarrazin beruft, hat das berücksichtigt. Sarrazin aber hat den statistischen Durchschnittswert mit der Erblichkeit der Intelligenz verwechselt und deshalb mit 80 Prozent deutlich zu hoch gegriffen – die meisten Experten geben sie mit 50 Prozent an.

Noch einen weiteren wichtigen Aspekt hat Sarrazin ignoriert: Bei Menschen, die unter gleichen Bedingungen leben, ist beispielsweise die Körpergröße zu 90 Prozent genetisch festgelegt. Wächst aber etwa eine Gruppe von Indern in ihrem Heimatland auf und eine andere in den USA, kann es durch die verschiedenen Umweltbedingungen zwischen beiden große Unterschiede geben. Bezogen auf Sarrazins Intelligenzdebatte bedeutet das: Türken, die hierzulande leben, können nur wegen sozialer Faktoren wie Armut oder Benachteiligung bei den IQ-Werten im Vergleich zu Deutschen schlechter abschneiden.

Es ist irritierend, dass die Intelligenz-Debatte anhand von Zahlen geführt wurde, die schlicht falsch interpretiert wurden. Die ganze Diskussion basierte auf statistischem Pfusch. Forrest Gump würde sagen: Dumm ist der, der Dummes tut.



Andreas Heinz ist Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité am St. Hedwig-Krankenhaus .




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