Expertenstandard Dekubitusprophylaxe

Der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe ist eine von Experten aus Pflege und Wissenschaft erabeitete Leitline, die festlegt, wie ein Druckgeschwür (Dekubitus) verhindert werden kann. Seit 2000 gibt es diese Pflegevorschriften, die vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung entwickelt wurden und Verhaltensregeln für Pflegekräfte definieren.


Risikofaktoren: Bewegungsmangel, Trockene Haut, Feuchtigkeit am Körper

So müssen Pflegekräfte die Haut jedes Patienten individuell auf eine mögliche Entstehung von Druckgeschwüren hin beurteilen können. Nach der Aufnahme eines Bewohners oder eines Patienten muss das Risiko von Druckgeschwüren bewertet werden. Wichtigster Risikofaktor: Bewegungsmangel. Es muss die Frage geklärt werden, ob der Patient – etwa nach einem Schlaganfall – in der Lage ist, sich selbstständig im Bett umzudrehen. Ein weiterer Risikofaktor ist ein möglicher Flüssigkeitsmangel in der Haut. Dadurch wird die Haut “mürbe”, also anfälliger für kleine Risse und Wunden, die sich zum Druckgeschwür ausweiten könnten. Aber auch langanhaltend starke Feuchtigkeit auf der Hautoberfläche – etwa durch Verbände oder Vorlagen – ist nachteilig, denn dadurch weicht die Haut zu stark auf, was wiederum – wie bei zu trockener Haut – zu kleinen Wunden führen kann.

Wird der Betroffene als Risikopatient eingeschätzt, dann muss er regelmäßig mit Hilfe der Pflegekräfte bewegt werden, um ein Wundliegen zu vermeiden. Dabei können auch technische Hilfsmittel unterstützen, etwa druckverteilende Unterlagen – wie etwa spezielle Matrazen – zur Dekubitusprophylaxe. Die Pflegekräfte sind auch dafür verantwortlich, dass die behandelnden Mediziner und Therapeuten das Dekubitusrisiko des Patienten kennen. Dies ist wichtig um beispielsweise zu verhindern, dass ein Risikopatient in seinem Bett unnötig lange auf eine Untersuchung vor dem betreffenden Raum im Stationsflur warten muss.


Expertenstandard überarbeitet

Der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe wurde 2010 vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung überarbeitet. Liegt beispielsweise eine Sensibilitätsstörung aufgrund eines Diabetes mellitus vor, dann könne unter Umständen der Betroffene selbst schmerzende Entzündungen auf seiner Haut nicht spüren – eine ständige Überwachung daher unbedingt anzuraten. Aber auch die so genannten Scherkräfte – also Kräfte die aus entgegengesetzten Richtungen wirken – die könnten Blutgefäße in der Haut abklemmen, wodurch die Haut mit Nährstoffen unterversorgt würde und abzusterben droht. Ein Hochrutschen im Bett oder eine schräg liegende Position sei deshalb sehr nachteilig, so die Experten.

Nach Angaben des Bundesverbandes der Medizintechnologie (BVMED) liegt bei einem Drittel aller Patienten in den rund 2000 deutschen Krankenhäusern ein Prophylaxebedarf vor. Laut einer Umfrage seien nur rund 40 Prozent mit Hilfmitteln – wie etwa mit speziellen Matrazen – “gut” versorgt. Ärzte und Krankenhäuser sähen keinen Bedarf in Dekubitusprohylaxe, so ein Sprecher des Bundesverbandes.


Berliner Kliniken

Die Umsetzung des Expertenstandards Dekubitusprohylaxe ist laut Paragraph 113a Sozialgesetzbuch XI für Pflegeheime verpflichtend. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen nimmt den Expertenstandard als Grundlage für seine Überprüfungen. Kliniken müssen laut Gesetzgeber diese Verhaltensregeln nicht einhalten.

Sowohl das Jüdische Krankenhaus als auch die Charité wenden diese Leitlinien seit einigen Jahren an, um die Gefahr des Wundliegens zu verringern. In der Charité wurde dieser Expertenstandard zu einer für alle Pflegekräfte “verbindlichen Verfahrensregelung” ausgearbeitet: ein Diagramm, das den Ablauf einer Dekubitusprophylaxe genau vorschreibt – von der Aufnahme bis zur Entlassung.

Bereits vor der Einführung des Expertenstandards Dekubitusprophylaxe sei das Problem erkannt worden und beide Kliniken hätten “konsequent hingeguckt”, sagt Andrea Lemke vom Jüdischen Krankenhaus, jedoch trage die Standardisierung zur Vereinheitlichung der Pflegequalität bei. Es gebe Visiten, bei denen die Risikopatienten persönlich beraten würden. Und neben dem Aqua-System, dem Nachfolger der BQS Datenerhebung, existiere auch ein hausinternes Meldesystem für Dekubitusfälle.


Studie: Mehr Druckgeschwüre in Krankenhäusern als in Pflegeheimen

In einer deutschlandweiten Studie mit 8500 Bewohnern und Patienten in 76 Pflegeheimen und 15 Krankenhäusern hat das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung an der Charité herausgefunden, dass 2009 wesentlich weniger Pflegeheimbewohner als Klinikpatienten ein Dekubitusdruckgeschwür bekommen haben. “Das bedeutet, die Prävention wird in den meisten Pflegeheimen inzwischen sehr viel ernster genommen”, sagt Pflegewissenschaftler Nils Lahmann, Koordinator der Studie.

Sein Institut forscht seit 2001 zu dem Thema und hat seit dem mehr als 80.000 Bewohner und Patienten analysiert. Laut dieser Studie behauptet fast die Hälfte der befragten Einrichtungen, dass die Zahl der Wundgeschwüre in den vergangenen sechs Jahren gesunken sei. Aber diese Entwicklung sei kein Grund zur Entwarnung, sagt Lahmann. “Die Probleme bestehen vor allem dort, wo es keine Kontrollen gibt.”


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