Zähne als Krankheitsherd?

Dr. Hartmut Wewetzer über die sogenannte “Herdtheorie” bei Zähnen.

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Dr. Hartmut Wewetzer. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Der Entzündungsherd, ein Phantom.

Es war eine regelrechte Orgie. Zahnärzte zogen Millionen von Zähnen. Auch die Rachenmandeln wurden nicht verschont. Ursache der kollektiven Kieferattacke zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die “Herdtheorie”. Befeuert von den Erkenntnissen Robert Kochs über die Gesundheitsgefahr durch Bakterien glaubten einige Forscher, eine Art Allheilmittel für diverse Krankheiten gefunden zu haben: Raus mit kränklichen und toten Zähnen! Denn in denen lauerten Unmengen von Bakterien, die anderswo im Körper Rheuma, Blutarmut, Meningitis, Lungenentzündung und vieles mehr hervorrufen könnten.

Zähne als Krankheitsherd, eine nette Theorie – leider falsch.

Es dauerte etliche Jahre, bis die vor allem in den USA beliebte Herdtheorie beim medizinischen Establishment in Ungnade fiel. Doch überwinterte sie in der Alternativmedizin, um vor 20 Jahren in abgeschwächter Form auch in der wissenschaftlichen Medizin wieder aufzuerstehen. Denn es häuften sich Hinweise, dass durch Gefäßverkalkung hervorgerufene Herzleiden und Schlaganfälle zusammen mit entzündetem Zahnfleisch auftreten. Dabei rückte neben den Bazillen ein zweiter Verdächtiger in den Vordergrund, nämlich die Körperabwehr. Angestachelt durch die Mikroben könnte das Immunsystem überall im Körper einen entzündlichen Schwelbrand anfachen, etwa in den Blutgefäßen. Die Folge: Verkalkung.

Wieder eine hübsche Theorie – und wieder daneben. Zu diesem vorläufigen Schluss kommt eine Gruppe von Herzspezialisten, Zahnärzten und Infektionsspezialisten. Im Auftrag der American Heart Association durchforsteten die Experten 500 Studien und Fachaufsätze zum Thema Zahnfleischentzündung und Gefäßverkalkung in Herz und Hirn. “Es gibt eine Menge Verwirrung da draußen”, kommentiert Peter Lockhart, Zahnmediziner am Carolinas Medical Center in Charlotte/US-Bundesstaat North Carolina und einer der Leiter der Arbeitsgruppe. “Die von manchen Gesundheitsexperten erhobene Behauptung, dass von Herzinfarkt und Schlaganfall eine direkte Verbindung zu Zahnfleischleiden führt, kann die Tatsachen verdrehen, Patienten beunruhigen und den Brennpunkt der Vorbeugung von den wohlbekannten Risiken für diese Krankheiten ablenken.”

Krankes Zahnfleisch macht sich wie Herz- und Gefäßleiden auch in Bluttests bemerkbar, die auf eine Entzündung hinweisen. Und beide finden sich häufiger bei Rauchern und Zuckerkranken (Diabetikern) und nehmen mit den Jahren zu. Solche gemeinsamen Ursachen sind vermutlich der Grund dafür, dass sie auch zusammen auftreten. Das heißt aber nicht, dass das eine Gesundheitsproblem (entzündetes Zahnfleisch) das andere (Gefäßverkalkung, Infarkt) herbeiführt. “Wenn es eine starke ursächliche Verbindung geben würde, dann wüssten wir das wohl längst”, sagt Peter Lockhart.

Wer entzündetes Zahnfleisch hat, muss sich also nicht um sein Herz sorgen. Vorausgesetzt, er raucht nicht und sein Blutzucker ist in Ordnung. Trotzdem gibt es gute Gründe, die Entzündung zu kurieren. Etwa den, seine Zähne zu behalten.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de (Der Artikel erschien erstmals am 20. April 2012.)



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