Wir bauen Familienzentren

Der Spandauer Kinderarzt Dr. Ulrich Fegeler fordert Familienzentren, um allen Kindern gleiche Chancen zu bieten

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Foto: Promo

Diese Zahlen müssen uns wütend machen: In Deutschland leben 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Armut, jeder Zehnte verlässt die Schule ohne Abschluss. Dabei gibt es sehr viele Menschen, die sich beruflich (etwa als Erzieher, Mediziner, Sozialarbeiter oder Mitarbeiter der Jugendämter) um das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen kümmern. Doch wir alle arbeiten zu oft nebeneinander her, statt uns zusammenzutun.

Ein Beispiel: Ein Kind wird zu mir geschickt, weil es in der Kita Sprachprobleme gezeigt hat. Die Vorgeschichte ergibt, dass in seiner Familie der Fernseher den Alltag dominiert, nicht vorgelesen wird und keine Spiele gemacht werden. Die Familie hat hier keine wesentliche Förderkompetenz, sie ist anregungsarm. Wenn ich den kleinen Patienten in die ergotherapeutische oder logopädische Behandlung überweise, verlagere ich das Anregungsproblem. Es soll mit medizinischen Mitteln repariert werden, was im familiär-sozialen Bereich versäumt wurde. Doch das Medizinsystem kann diese Förderdefizite nicht reparieren. Darüber hinaus funktioniert es nicht, sich allein auf das Kind zu fokussieren, ohne die familiäre Umgebung einzubeziehen.

Diese Gesellschaft kann es sich gar nicht leisten, viele zehntausende Talente pro Jahr durch eine schlechte Förderung in der frühen Kindheit zu verschleudern – vom individuellen Leid der Kinder ganz zu schweigen. Deshalb haben wir, ein Team aus Medizinern, Pädagogen, Wissenschaftlern, Publizisten und Politikern, uns zu einem Bündnis zusammengeschlossen, dem ‘Deutschen Kinderbulletin’. Gemeinsam wollen wir Vorschläge zu einer neuen Struktur der Hilfeangebote machen. Der wichtigste Punkt: Die großen Hilfesysteme dieser Gesellschaft (Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesen) müssen auf die Familien zugehen, statt sich isoliert voneinander und häufig sozialraumfern in seelenlosen Büros zu verschanzen. Helfer und Hilfsangebote sollen keine Angst machen, sondern wertschätzend und niederschwellig erreichbar sein.

Die Vision ist, sogenannte Familienzentren aufzubauen. Deren Kern ist eine hervorragende, förderkompetente Kita, in der außerdem Einrichtungen des Sozialsystems, des öffentlichen Gesundheitswesens und der speziellen Sozialpädiatrie untergebracht sind. Erste Versuche gibt es bereits in Nordrhein-Westfalen.



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