Wie gesund ist das Laufen?

Dr. Hartmut Wewetzer über die Theorie, dass moderates Laufen das Sterberisiko stärker mindert als bei Vielläufern.

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Dr. Hartmut Wewetzer. Foto: Kai-Uwe Heinrich

“Freut euch, wir haben gewonnen!” Das rief der Bote Pheidippides den Athenern zu, nachdem er vor 2500 Jahren vom Schlachtfeld in Marathon 40 Kilometer nach Athen gelaufen war, um die frohe Kunde zu überbringen.

Dann brach er tot zusammen. Bis heute ist das Schicksal des Pheidippides ein Menetekel für Marathonläufer. Zum Glück sind Todesfälle bei heutigen Massenläufen selten. Dennoch, ein 42-Kilometer-Marathon ist Stress pur und kann nicht unbedingt als gesund eingestuft werden. Auch beim Sport kommt es auf das rechte Maß an. Oder, um Charles Darwin zu variieren: Heute geht es nicht mehr um das survival of the fittest. Statt der Fitteste zu sein, genügt es vollauf, wenn man fit ist.

Ein moderner Pheidippides war der Aussteiger Micah True. Er lebte beim Stamm der mexikanischen Tarahumara-Indianer und lief jeden Tag 40 bis 160 Kilometer.

Trues Leben als Ultra-Dauerläufer wurde in dem Bestseller “Born to run” verherrlicht. Im März starb er bei einem 20-Kilometer-Trainingslauf mit 58 Jahren. Wie die Obduktion ergab, war Trues Herz vergrößert, verdickt, entzündet und bereits mäßig verkalkt. Für den Herzspezialisten James O’Keefe ist klar, dass Micah True dem gleichen Leiden erlag wie der erste Marathonläufer Pheidippides, nämlich krankhaften Herzveränderungen wegen zu großer sportlicher Belastung. O’Keefe, selbst passionierter Sportler, arbeitet an der Universität von Missouri in Kansas City und ist ein wenig vom Saulus zum Paulus geworden. Von der Losung “Je mehr Bewegung, umso besser” ist er abgerückt. Stattdessen rät er, es nicht zu übertreiben. Mehr als 30 bis 50 Minuten intensiver sportlicher Betätigung am Tag sollten es nicht sein. Es sei denn, man geht spazieren oder werkelt im Garten. Das kann man stundenlang tun, sagt O’Keefe.

Sein Argument untermauert der Mediziner mit zwei kürzlich veröffentlichten Studien. An der einen nahmen 52 000 Amerikaner über rund drei Jahrzehnte teil. Jeder vierte joggte – und hatte damit im Studienzeitraum ein um 19 Prozent geringeres Risiko zu sterben. Bei näherer Betrachtung der Läufergruppe zeigte sich, dass schon bei wenigen Kilometern wöchentlicher Laufleistung das Sterberisiko absackte. Bei den Vielläufern (mehr als 32 Kilometer pro Woche) war es dagegen fast so hoch wie das der Sportmuffel.

Ähnliches ergab eine Untersuchung, an der 20 000 Dänen seit 1976 teilnahmen. Laut dieser Studie leben Jogger sechs Jahre länger als Nichtläufer. Ihr Sterberisiko während des Untersuchungszeitraums war um 44 Prozent geringer. Am besten schnitten dabei die moderaten Läufer ab, die pro Woche “nur” ein bis zweieinhalb Stunden joggten. Diese Zahlen klingen sehr überzeugend. Der Fairness halber sei aber erwähnt, dass es auch Experten gibt, die O’Keefes Thesen bezweifeln und das Risiko für Extremsportler geringer einschätzen. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen.

Trotzdem spricht manches dafür, dass Bewegung einem Medikament ähnelt. In zu geringer Dosis ist es nutzlos, in mittlerer heilsam und in zu hoher mitunter gefährlich.

_Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de_ (Der Artikel erschien erstmals am 16. Dezember 2012.)



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