Rückenschmerzen: Kreuzschmerz und Keime

Antibiotika, also Mittel gegen Bakterien, können bis zu 40 Prozent der Patienten heilen, die an chronischen Rückenschmerzen leiden. Kaum zu glauben, oder?

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Dr. Hartmut Wewetzer. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn Sie jetzt skeptisch sind, geht es Ihnen wie mir. Der Satz stand so ähnlich in einem Artikel der an sich seriösen britischen Tageszeitung "Guardian", gewürzt mit der Behauptung eines Wirbelsäulenchirurgen, dieser "medizinische Durchbruch" sei "einen Nobelpreis wert". Also bin ich der Sache nachgegangen und muss sagen, dass an der Geschichte tatsächlich etwas dran ist.

Der "Guardian" zitiert in seinem Bericht zwei Studien dänischer Wissenschaftler. Federführend war Hanne Albert von der University of Southern Denmark in Middelfart. In Studie Nummer eins prüfte die Forscherin gemeinsam mit ihrem Team, ob sich bei Patienten mit operiertem Bandscheibenvorfall Keime in der Bandscheibe fanden. 

Bei knapp der Hälfte war das der Fall. Als ungünstig erwies sich der Befall mit anaeroben Bakterien, die nur unter Luftabschluss (an-aerob) gedeihen. Meist sammelte sich in den Wirbelkörpern in der Nachbarschaft der infizierten Bandscheibe wässrige Flüssigkeit. Ein Indiz, dass auch diese verkeimt waren. Flüssigkeit in Wirbelkörpern, Knochenödem genannt, findet sich bei vier von zehn Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen.
Entscheidend war Hanne Alberts zweite Studie. 162 Patienten nahmen teil, alle hatten einen Bandscheibenvorfall hinter sich, seit mehr als sechs Monaten Kreuzschmerzen und Flüssigkeit in Wirbelkörpern. Die Patienten bekamen über 100 Tage entweder ein Antibiotikum oder ein wirkstofffreies Scheinmedikament, ein Placebo. Das Antibiotikum erwies sich als klar überlegen. Während das Placebo kaum Erfolg hatte, drängte das Anti-Bakterienmittel die Beschwerden zurück. So hatte nach einem Jahr nur noch jeder fünfte aus der Antibiotika-Gruppe dauerhaft Schmerzen, vorher waren es drei von vier gewesen.

Das bedeutet nicht, dass man Kreuzschmerzen pauschal mit Antibiotika kurieren kann. Der Einsatz will überlegt sein, zum einen wegen der Nebenwirkungen und zum anderen, weil Krankheitskeime resistent gegen die Medikamente werden können. Der Neurochirurg Peter Vajkoczy von der Berliner Charité schätzt zudem, dass allenfalls jeder zehnte Patient die Kriterien für eine Behandlung nach dänischem Muster erfüllt. Ungeklärt ist auch, wie Bakterien in Bandscheibe und Wirbelkörper gelangen.

Trotzdem ist Vajkoczy wie manche seiner Kollegen von den Ergebnissen der Studien sehr angetan und will die Therapie selbst an der Charité erproben. Dabei war Hanne Albert zunächst auf Skepsis gestoßen. Drei angesehenen Medizinzeitschriften hatte die Wissenschaftlerin ihre Studien angeboten, ehe sie sie im eher obskuren "European Spine Journal" unterbrachte. Aber Albert ist in guter Gesellschaft. Als australische Forscher erkannten, dass das Magengeschwür nicht durch Stress, sondern durch Bakterien hervorgerufen wird, ernteten sie auch zunächst nur Skepsis und Spott. 2005 gab es den Medizin-Nobelpreis.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de_ (Der Artikel erschien erstmals am 12. Mai 2013.)



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