Mundhöhlenkrebs: Vorsorge für Michael D.

Humane Papillomviren (HPV) können Mundhöhlenkrebs verursachen, wie Schauspieler Michael Douglas kürzlich vermutete. Jedes Jahr entwickeln rund 600 Menschen im Mund-Rachen-Raum einen HPV-Tumor.

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Dr. Hartmut Wewetzer. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Oralsex, nicht Tabak und Alkohol sei die Ursache für seinen Mundhöhlenkrebs, behauptete der amerikanische Schauspieler Michael Douglas Anfang des Monats im Interview mit dem britischen "Guardian" und erregte weltweit Aufsehen. Beim Oralverkehr seien Humane Papillomaviren, HPV, übertragen worden, die den Krebs ausgelöst hätten, sagte er. Man mag zweifeln, ob es in Douglas’ Fall allein das Virus war, das die bösartige Wucherung verursachte, und nicht auch Zigaretten und harte Drinks; im Prinzip hat der Schauspieler völlig recht. Das Warzenvirus HPV kann nicht nur Gebärmutterhals-, sondern auch Mundhöhlenkrebs auslösen.
Während der tabakbedingte Rachen- und Kehlkopfkrebs durch erfolgreiche Nichtraucherkampagnen zurückgeht, wächst die Zahl der HPV-bedingten Tumoren, vielleicht ein Begleiteffekt sexueller Ungezwungenheit.
In Deutschland gibt es grob geschätzt etwa 600 Fälle im Jahr, sagt der Virusforscher Michael Pawlita vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Pawlita hat eine Art Frühwarnsystem für HPV-Krebs im Mund-Rachen-Raum entwickelt und diese Woche im Fachblatt "Journal of Clinical Oncology" vorgestellt. Der Bluttest weist nach, dass das Immunsystem Kontakt mit einem bestimmten Eiweiß des besonders aggressiven und hartnäckigen HPV-Typs 16 hatte und daraufhin Abwehrstoffe, Antikörper, bildete.
In einer großen Studie konnten Pawlita und seine Mitarbeiter nachweisen, dass die Antikörper schon zwölf Jahre vor dem Ausbruch des Tumors im Blutserum nachweisbar sind. Es ist also denkbar, gefährdete Frauen und Männer durch eine einfache Blutabnahme rechtzeitig zu warnen. Haben sie Antikörper gegen das Viruseiweiß E6, dann besteht ein Krebsrisiko in der Mundhöhle. Michael Douglas’ Tumor wäre früher entdeckt worden.
Allerdings hat der Test ein Problem, mit dem die Krebsvorsorge ganz allgemein zu kämpfen hat: falscher Alarm. Das heißt, dass viele Menschen ein positives Testergebnis haben, aber nie im Leben an einem HPV-Tumor erkranken. Deshalb will Pawlita den Test um weitere Messwerte ergänzen und so präziser machen. HPV löst krebsartiges Wachstum vor allem im Bereich des lymphatischen Rachenrings aus, das ist ein mit körpereigenen Abwehrzellen durchsetztes Gewebe, zu dem Gaumenmandeln und Zungengrund gehören. Letzterer war bei Douglas die Wurzel des Übels.
Der Schauspieler hat Glück im Unglück gehabt, denn HPV-bedingter Mundhöhlenkrebs hat viel bessere Heilungschancen als ein Raucherkrebs, zudem bleibt den Patienten meist eine verstümmelnde Operation erspart. Auch Douglas wurde "lediglich" bestrahlt und bekam eine Chemotherapie. Er hofft, kuriert zu sein. In einem Punkt allerdings lag Douglas daneben. Im Interview sagte er, Oralsex sei nicht nur die Ursache, sondern auch die beste "Behandlung" für seinen Tumor. Interessant, aber unzutreffend. Immerhin ergab eine Studie, dass die Infektionsgefahr für den Langzeitpartner eines Patienten mit HPV-Mundtumor gering und ohne Belang ist.
_Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de_ (Der Artikel erschien erstmals am 23. Juni 2013.)



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