Irre wie Hannibal Lecter

Der Psychiatrie-Chefarzt Andreas Heinz erläutert den Begriff Psychopath.

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Prof. Andreas Heinz. Foto: Thilo Rückeis

Gibt es den klassischen Psychopathen eigentlich noch? Nein, und das liegt nicht nur daran, dass der Begriff heutzutage politisch unkorrekt ist, er ist auch ziemlich schwammig. Meistens wird er auf Verbrecher projiziert, die ihre Opfer leiden lassen, die kalt und unempathisch sind – so wie Hannibal Lecter aus "Das Schweigen der Lämmer". Jemanden wie ihn würde man heute nicht mehr als Psychopathen bezeichnen, man würde ihm vielmehr eine antisoziale Persönlichkeitsstörung attestieren. Im Grunde ist das aber auch nicht viel netter.

Menschen mit antisozialen Persönlichkeitsstörungen haben ein Imageproblem, manchmal vielleicht zu Unrecht.

Das fand auch Max Hamilton, ein berühmter Psychiater aus England. Er plädierte dafür, über solche Menschen nicht so verächtlich zu reden, denn sie hätten immerhin den Luftkrieg um England gewonnen. Die Piloten der Royal Air Force etwa hätten erst deutsche Bomber abgeschossen und sich danach in Ruhe schlafen gelegt – um am nächsten Tag erneut zu starten. Nur wer sich über das Gesehene und Erlebte keine Gedanken mache, sei für so eine Aufgabe geeignet.

In München bildete sich im Zuge der Novemberrevolution nach der Ermordung Kurt Eisners kurzzeitig eine Räterepublik, die 1919 von Reichswehrtruppen zerschlagen wurde. Die Revolutionäre wurden später von verschiedenen Psychiatern begutachtet, unter anderem von Emil Kraepelin, einem deutsch-nationalen Zeitgenossen, der einen Ausschuss zur Niederringung Englands gegründet hatte. Derart von seiner Sache überzeugt, bezeichneten er und seine Mitarbeiter die Revolutionäre in Gutachten und Fachartikeln als "Psychopathen" und beklagten den "unerfreulichen Internationalismus" der "jüdischen Rasse", der zur "Entwurzelung" des deutschen Volks beitrage. Begriffe, die bereits die Sprache des Dritten Reichs erahnen lassen.

Überliefert ist eine Auseinandersetzung zwischen Kraepelin und Ernst Toller, einem von ihm begutachteten Revolutionär. Toller berichtet, der "Herr Professor" habe ihn mit hochrotem Kopf angebrüllt, er sei schuld, dass Deutschland den Krieg verliere. Offensichtlich, folgerte Toller daraus, gibt es zwei Arten von Psychopathen: die harmlosen, die in klinkenlosen Zimmern liegen, und die gefährlichen, die Ausschüsse zur Niederringung Englands gründen. Im Rückblick mögen solche Episoden amüsant erscheinen. Allerdings zeigen sie auch, wie tief politische Vorurteile in den Klassifikationen verwurzelt sind.
_Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie der Charité (Der Artikel erschien erstmals am 13. November 2011.)



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