Gehen geht auch

Hartmut Wewetzer über die alte Streitfrage, ob man laufen oder gehen soll, um sich fit zu halten.

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Dr. Hartmut Wewetzer. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Autsch, das hat wehgetan. Vor ein paar Tagen habe ich mir das linke Knie verdreht, jetzt ist es erst mal aus mit dem regelmäßigen Joggen – gerade jetzt, wo der Frühling sich endlich zeigt. Also latschen statt laufen? Ja, durchaus. Zügiges Gehen, neudeutsch "Walken", ist nicht weniger gesund als Joggen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie zu der alten Streitfrage, ob man laufen oder gehen soll, um sich fit zu halten.

Die Untersuchung stammt von dem Amerikaner Paul Williams vom Lawrence Berkeley National Laboratory in Berkeley, Kalifornien. Zwei Drittel der 49 000 Teilnehmer waren Jogger, ein Drittel Walker. Williams ging der Frage nach, wie sich ihr Sport auf Risikofaktoren für Herz- und Gefäßleiden auswirkte.
Zusätzlich zog er als Maßstab heran, wie viel Energie die Teilnehmer während der Bewegung verbrauchten.
Nach rund sechs Jahren zog der Forscher Bilanz. In diesem Zeitraum hatten beide Gruppen die Gefahr von Bluthochdruck, erhöhten Blutfetten, Zuckerkrankheit und möglicherweise sogar verengten Herzkranzgefäßen bedeutsam verringert. Läufer wie Geher schnitten praktisch gleich gut ab, sofern sie die gleiche Menge an Kalorien verbrannten. Das ist eine klare Aussage, wenn man auch den kritischen Einwand bedenken muss, dass die Untersuchung wegen ihrer Methodik streng genommen keine kausalen Schlüsse zulässt. Das heißt: Wer Sport treibt, hat ein geringeres Risiko für Gefäßleiden. Aber ob Sport die Ursache dafür ist, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Auch andere Gründe könnten mit im Spiel sein.

Beim Joggen verbrennen wir doppelt so viele Kalorien wie beim Gehen

Auf die Frage, wie viel man gehen muss, um beim Kalorienverbrauch mit einem Läufer gleichzuziehen, hat die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC eine verblüffend einfache Antwort. Die Umrechnung lautet zwei zu eins, zwei Minuten zügiges Gehen (Radfahren, Rasenmähen) entsprechen einer Minute Joggen (Bahnen schwimmen, Tennis spielen). Die Behörde rät Erwachsenen, pro Woche entweder 150 Minuten zu "walken" oder 75 Minuten zu joggen, um der Gesundheit etwas Gutes zu tun.

Diese Zeit kann man beliebig stückeln, wobei zehn Minuten Bewegung als kleinste Trainingseinheit gilt. Auch Laufen und Gehen kann man ganz nach Lust und Laune (oder Knie-Zustand) kombinieren. 150 Minuten rasches Gehen pro Woche, das klingt nach viel. Aber wer drei Mal am Tag je zehn Minuten einen Zahn zulegt statt zu bummeln, der hat nach fünf Tagen sein Soll erledigt. Zusätzlich empfiehlt das CDC mindestens zwei Mal pro Woche Muskeltraining für Beine, Hüften, Rücken, Bauch, Brustkorb, Schultern und Arme. Etwa mit Gewichtheben, Gymnastik, Yoga oder Gärtnern.

Wer joggt, ist doppelt so schnell mit seinem Wochenpensum durch. Aber natürlich ist es auch eine Frage der Mentalität, welcher Sportart man sich eher zugehörig fühlt. Jogger blicken gelegentlich etwas auf die Walker mit ihren "Spazierstöcken" herab, während diese von innerer Ruhe erfüllt sind. Stress trifft Gelassenheit, das ist wie bei den Kaffee- und Teetrinkern. Schön, dass man die Wahl hat.
_Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de_ (Der Artikel erschien erstmals am 28. April 2013.)



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