Ernährung: Eis und Eitelkeit

Dr. Ulrich Fegeler plädiert für eine Lebensmittelampel und bezahlbares Schulessen.

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Ulrich Fegeler. Foto: promo

Der Junge wog 110 Kilo. Mit 13 Jahren kam er ins eitle Alter und wollte abnehmen. Ich habe fast eine Stunde mit ihm und seiner Mutter besprochen, wie er sein Gewicht reduzieren könnte (Wasser und ungesüßter Tee, frisch gekochte Mahlzeiten). Wir redeten über ein Sportprogramm und vereinbarten regelmäßige Termine fürs Wiegen. Als ich nach Feierabend noch kurz in den Supermarkt ging, war nicht zu übersehen, dass die guten Vorsätze nur bis zur Praxistür gehalten hatten: Der 13-Jährige beugte sich gerade über die Tiefkühltruhe und holte die dickste Eispackung heraus. Seit diesem Tag ist er leider nie wieder in meine Praxis gekommen. Ich bin, nicht nur wegen dieses Beispiels, bescheiden geworden beim Thema Ernährungsberatung. Der eigentliche Adressat einer Umstellung sind die Eltern. Will ein Kind abnehmen, muss es von der ganzen Familie unterstützt werden.

Jedes siebte Kind in Deutschland ist übergewichtig, Jungen und Mädchen aus bildungsfernen Schichten häufiger als andere. Das Essen verläuft in diesen Familien häufig unstrukturiert, es gibt keine klaren Zeiten für die Nahrungsaufnahme, die Kinder "grasen", nehmen sich einfach über den Tag verteilt irgendetwas, oft Süßigkeiten oder Chips. Sie sitzen viele Stunden vor dem Fernseher und werden in ihrem natürlichen Bewegungsdrang gebremst. Und die vielen Spots animieren sie auch noch ständig dazu, ungesund zu essen. Solch aggressive Werbung unterstützt die Fehlernährung sicher erheblich. Ich bin der Meinung, dass Lebensmittel in Deutschland mit einer klaren Rot-Gelb-Grün-Ampel versehen werden sollten, die anzeigt, ob ein Nahrungsmittel eher ungeeignet ist für eine gesunde Ernährung. Viele Familien würden ungesundes Essen so leichter erkennen. Bislang konnten sich unser Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und andere Organisationen in Brüssel leider noch nicht durchsetzen – das zeigt, wie stark die Lebensmittellobby ist. Verboten werden sollte auch die "Quengelware", die im Supermarkt kurz vor der Kasse so aufgereiht wird, dass die Kinder sie sofort sehen und aus dem Regal ziehen können. Eine gute Basis wäre natürlich ein gesundes, leckeres und bezahlbares Schulessen. Außerdem bin ich für die Einführung eines Schulfachs, das Ernährungs- und Gesundheitslehre kombiniert und auch praktischen Kochunterricht erteilt. (Der Artikel erschien erstmals am 22. Juli 2013)



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