Ein neuer Ansatz gegen Schizophrenie

Dr. Hartmut Wewetzer über den Ansatz Schizophrenie mit einem Wirkstoff aus der Hanfpflanze Cannabis zu behandeln.

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Dr. Hartmut Wewetzer. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: ein neuer Ansatz gegen Schizophrenie.

Es klingt auf den ersten Blick ein bisschen verrückt, was der Nervenarzt Markus Leweke mit seinen Patienten anstellt. Er behandelt Menschen mit Schizophrenie, einer psychischen Krankheit, die häufig mit Wahnvorstellungen, Halluzinationen wie Stimmenhören und extremen Konzentrationsproblemen einhergeht, mit einem Wirkstoff aus der Hanfpflanze Cannabis. Und damit ausgerechnet aus der Pflanze, aus der für gewöhnlich Haschisch und Marihuana gewonnen werden und die einen Rausch hervorruft, der den Symptomen einer Schizophrenie ähnelt.

Keine Angst, Professor Leweke weiß, was er tut. Der Psychiater am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim erforscht seit fast 20 Jahren körpereigene Cannabinoide.

Das sind cannabisartige Stoffe, die der Körper selbst herstellt. Im Gehirn kreisen diese Substanzen als Botenstoffe, die sich an passende Rezeptoren, Andockstellen auf den Nervenzellen, anheften. Sie sind nicht dazu da, Rauschzustände auszulösen, sondern dienen dem Informationsaustausch der Nervenzellen. Das Cannabis über dieses System den Kiffer "high" macht, ist vielleicht nur eine Laune der Botanik.

Markus Leweke war aufgefallen, dass ein körpereigenes Cannabinoid namens Anandamid offenbar die Symptome der Schizophrenie lindern kann. Wer von den Erkrankten viel Anandamid im Gehirn produziert, dem geht es besser. In der Hanfpflanze stieß Leweke auf die Substanz Cannabidiol, kurz CBD. Sie berauscht nicht, im Gegenteil: CBD steigert die Wirkung von Anandamid und könnte demnach die Zeichen einer Schizophrenie abschwächen. Cannabis benebelt nicht nur – die Pflanze hat auch ein Gegenmittel an Bord.

Cannabinoid wirkt ebenso gut wie Psychopharmaka

Leweke testete seine Hypothese bei 42 Patienten im akuten Schub einer Schizophrenie. Die eine Hälfte erhielt Amisulprid, einen modernen, bei der Wahnkrankheit erprobten Wirkstoff. Die andere bekam CBD. Wie Leweke und sein Team im Fachblatt "Translational Psychiatry" berichten, erwies sich CBD als ebenso gut wirksam wie Amisulprid. Mehr noch: Es war besser verträglich als das Psychopharmakon, das zur Gruppe der Antipsychotika gehört, Bewegungsstörungen und Gewichtszunahme hervorrufen und das Diabetesrisiko erhöhen kann.

Dieses Ergebnis ist eine kleine Sensation. Allerdings warnt Leweke Menschen, die an Schizophrenie leiden, vor einer Selbstbehandlung mit Cannabis. Man würde den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, denn in der Pflanze dominiert in der Regel die berauschende Substanz THC. Alles könnte sich also verschlimmern. Außerdem muss das reine CBD noch viel gründlicher erprobt werden, damit es als Medikament zugelassen werden kann. Die Kosten für entsprechende Studien sind extrem hoch, hinzu kommt die Tatsache, dass der Wirkstoff nicht patentierbar ist. Das alles schreckt Pharmafirmen von Investitionen ab. Trotzdem sind weitere Studien mit EU-Mitteln bereits bewilligt. "Wir sind auf dem richtigen Weg", sagt Leweke. "Aber der ist noch lang."

_Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de_ (Der Artikel erschien erstmals am 8. August 2012.)



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