Die psychologischen Wurzeln des Bösen

Der Psychiatrie-Chefarzt Andreas Heinz über die psychologischen Wurzeln des Bösen bei einem Menschen.

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Prof. Andreas Heinz. Foto: Thilo Rückeis

Wenn die Verstümmelung einer Frau in Schöneberg oder andere grausame Tötungsdelikte Schlagzeilen machen, herrscht oft große Ratlosigkeit und man fragt sich: Was ist eigentlich das Böse und wo genau ist es zu verorten? In psychiatriegeschichtlich früheren Theorien wurde es in den niederen Trieben und Impulsen vermutet. Man unterstellte den Tätern eine starke emotionale Beteiligung, etwa Eifersucht oder eine vorangegangene Kränkung. Doch diese Erklärungsansätze werden den grausamsten menschlichen Handlungen nicht gerecht. Tatsächlich gehen viele Täter kühl und kalkulierend vor. Sie planen ihr Vorhaben lange im Voraus, es geschieht nicht spontan.

Vielleicht wäre es sinnvoll, eine jüdische Tradition der Kabbala heranzuziehen. Sie geht davon aus, dass im geistigen und körperlichen Bereich stets zwei Prinzipien ausbalanciert werden: Vernunft und Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe, Schönheit und Kraft. Geraten diese Ebenen ins Ungleichgewicht, läuft der Mensch Gefahr, Grausamkeiten zu begehen. Dieser Ansatz scheint mir einleuchtend. Betrachtet man die großen grausamen Bewegungen der jüngeren Geschichte, etwa den Nationalsozialismus, dann zeigt sich: Die bestialischsten Taten wurden von den Menschen begangen, die Gerechtigkeit auf Kosten von Liebe, kalkulierende Vernunft auf Kosten von Weisheit und vermeintliche Schönheitsideale gnadenlos umsetzen wollten. Die Nationalsozialisten lebten ja oft nicht ihre niedersten Triebe aus, sondern handelten in dem Bewusstsein, einer vermeintlich guten Sache zu dienen. Sie wähnten das Böse nicht in sich selbst, sondern in den Menschen, die nicht ihrer Ideologie entsprachen. Erschreckend ist, dass es keine Einzeltäter waren. Die breite Masse war beteiligt. Die rigide Trennung in Gut und Böse scheint also eine zutiefst menschliche und keine pathologische Eigenschaft zu sein. Nur so ist es zu erklären, dass bestimmte Gruppen entmenschlicht werden konnten.
Wie ist solchen vermeintlich für die höhere Sache kühl kalkulierenden Tätern zu helfen? Medikamentös jedenfalls nicht. Manche Therapien versuchen, die Empathiefähigkeit der Betroffenen zu stärken. Sie sollen dazu gebracht werden, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen, etwa durch Einfühlungsarbeit und Positionswechsel. Das Problem ist: Kluge Menschen durchschauen so etwas schnell, sie machen mit, ohne dass sich an ihrer Einstellung etwas ändert. Der Erfolg hängt davon ab, wie verfestigt ihre Weltbilder und Ansichten sind. Bei Anders Breivik, dem norwegischen Amokläufer, ist vermutlich Hopfen und Malz verloren.
_Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie der Charité (Der Artikel erschien erstmals am 19. November 2012.)



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