Die medizinische Deutung des Papst-Rücktritts

Der Psychiatrie-Oberarzt Mazda Adli Mazda über über die medizinische Deutung des Papst-Rüchtritts.

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Dr. Mazda Adli. Foto: Promo

Führen uns die stakkatoartig aneinandergereihten Schnellrücktritte unserer Vater- und Mutterfiguren nicht langsam in einen kollektiven Ödipuskomplex? Der schon fast wieder verdrängte Ex-Bundespräsident, Annette Schavan, Königin Beatrix, und nun noch der Papst. Und dann knallt noch ein Meteorit auf die Erde! "Was kommt als Nächstes?", fragte mich jemand nach dem Einschlag mit offensichtlichem Pointenhunger. Als Psychiater wird man ja gerne für jemanden gehalten, der sein Gegenüber binnen Sekunden zu einem durchschaubaren Geschöpf werden lässt und den der Blick in die Zukunft wenig mehr als ein Fingerschnipsen kostet. Da hilft es auch wenig, zu erklären, man sei Arzt und kein Orakel.

Eine aktuelle Frage wird einem als Psychiater zurzeit gern gestellt: Hat der Papst eine "Depression(Link zum Krankheitsbild)":http://www.gesundheitsberater-berlin.de/kliniken_diagnosen-therapien/depression/ , hat ihn der Petrusdienst der letzten sieben Jahre in die Erschöpfung getrieben? Sind depressiv gefärbte Ängste und Schlaflosigkeit der Grund für den überraschenden Rücktritt? Das ist nicht abwegig. Niemand würde es ihm verübeln: Hohes Alter, körperliche Gebrechen, eine perfektionistische Persönlichkeit, die kurz zurückliegende Herz-OP, der enorme Dauerstress, und dann ist er auch noch alleinstehend – all das sind typische Risikofaktoren für eine Depression. Dazu kommt die ständige pastorale Gedankenversunkenheit. Auch die birgt Probleme: Harvard-Forscher haben herausgefunden, dass wir die Hälfte unseres Lebens damit verbringen, mit unseren Gedanken aus dem Hier und Jetzt zu entfliehen und vor uns hinzuträumen. Und genau das macht unglücklich! Glücklich ist, so die Forscher, wer sich auf den Moment konzentriert.
Als glücklich gelten seit einem Ausspruch der Kaiserin Maria Theresia unsere österreichischen Nachbarn. Und höchst gelassen in der Verleihung von Titeln und akademischen Graden. Als ich neulich per Internet Karten für das Wiener Burgtheater bestellen wollte, wurde ich aufgefordert, aus über 350 Möglichkeiten (Prinz, Generalkonsul, Gräfin – oder sogar Doktor, ganz ohne Kontrolle von Fußnoten) denjenigen auszuwählen, mit dem ich in Zukunft von den österreichischen Bundestheaterkassen angesprochen werden möchte. Ich versuchte mir vorzustellen, wie die Dame am Kassenschalter wohl mit der Last ihres Amtes zurechtkommt, wenn sie ihre wenigen Restkarten auf eine lange Warteliste verteilen muss, auf der alle Majestäten und Minister sind.

Auch ich lege heute mein Amt als Kolumnist dieser Rubrik nieder, geneigte Leserinnen und Leser. Bleiben Sie glücklich und gelassen im Hier und Jetzt.
_Mazda Adli ist Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie der Charité (Der Artikel erschien erstmals am 18. Februar 2013.)



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