Die Kraft der Musik

Der Psychiatrie-Oberarzt Mazda Adli über die Wirkung und Verwendung von Musik.

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Dr. Mazda Adli. Foto: Promo

Irrelevanz ist der natürliche Feind der modernen Informationsgesellschaft, die jede Nachricht besonders gedächtnisgängig und damit leider unvergesslich macht. So twitterte jüngst Marina Weisband ihre Verlobung ("He did it") samt Foto des entsprechenden Ringes durch die Republik und schon brannte sich der neue Personenstand der Piratin für immer als nervendes Wissensdetail ins Gedächtnis der Nation.

Klüger wäre gewesen, sie hätte die Neuigkeit gesungen. Denn: Musik ist seit jeher ein hervorragendes Medium, um persönlichen Befindlichkeiten Relevanz zu verleihen. Das muss sich auch meine Flugbegleiterin nach Köln gedacht haben, als sie die Sicherheitsinstruktionen auf die Melodie von "Rudolph, The Red-Nosed Reindeer" über Bordlautsprecher sang.

Komponisten machen sich die Eigenschaft von Musik aus beruflichen Gründen zunutze. Alexander Skrjabin etwa, der an neurotischen Schwierigkeiten litt, einen religiösen Wahn hatte und große Teile seines Lebens im weißen Tropenanzug zubrachte, hatte sich in den Kopf gesetzt, die gesamte Menschheit durch seine Musik in eine Art kollektive Ekstase zu versetzen. Manch großer Name der Musikgeschichte hat sich in seinem eigenen Werk psychotherapeutisch abgearbeitet. Von Gustav Mahler weiß man, dass er sich bei Sigmund Freud einer "Ultrakurzpsychoanalyse" unterzogen hat. Diagnose: Mutterkomplex. Nicht die einzige Auffälligkeit: Kürzlich informierte die Dekanin der "Internationalen Akademie für Analytische Irrelevanz" – die den modernen Musikanarchismus à la "Macht Fagott was Euch Fagott macht!" oder "Nie wieder Grieg!" erforscht –, dass der im Alter zunehmend zu Scherzen aufgelegte Gustav Mahler viele Briefe mit dem Postskriptum beendete: "Ich muss nun für kleine Königstiger."

Vor einigen Wochen wohnte ich einem herausragenden Abend des Deutschen Symphonieorchesters bei, das sich dem Genre des Klosterdramas gewidmet hat. Eine Gattung, die bis dato im toten Winkel meiner Welt steckte. Puccini und Hindemith portraitierten in Operneinaktern Anfang des 20. Jahrhunderts Nonnen, die es im Konflikt zwischen Fleisch und Frömmigkeit zerriss. Bei Hindemith war eine Nonne auf den Altar geklettert, hatte sich ihrer Gewänder entledigt und sich in einer Art religiösen Liebestaumels fest um das Kruzifix geschlungen. Apropos kleine und größere Seelen-Wehwehchen: Die Singing Shrinks, der an der Charité ansässige und einzige Psychiaterchor der Welt, singt seine Befindlichkeiten, statt zu twittern oder auf konventionelle Rezeptblöcke zu kritzeln – und flugs hören alle mit zärtlicher Sympathie zu.
_Mazda Adli ist Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie der Charité (Der Artikel erschien erstmals am 14. Mai 2012.)



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